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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 20. August 2017 | 05:59

     

    Anne Weber: Gold im Mund

    06.11.2005

    Vögel im Uhrgehäuse

    Möchte wirklich jemand das kleine Leben zwischen Schreibtischlampe und Drehstuhl, Hydrokultur und Computertastatur auch noch literarisch verewigt sehen? Oder: Realität ist gut, taugt aber leider nicht für die Literatur.

     

    In der letzten Zeit war von Seiten der Literaturkritik gelegentlich der Ruf zu hören, Autoren sollten Welt- und Berufserfahrung sammeln statt in sterilen Selbstreflexionen um sich selbst zu kreisen. Für ihre beim diesjährigen Bachmann-Wettlesen mit dem 3sat-Preis ausgezeichneten Erzählung „Gold im Mund“ ist Anne Weber dieser Invektive nachgekommen: die Autorin verlegte ihren Arbeitsplatz für einige Zeit in ein Großraumbüro einer Schweizer Firma für Dentaltechnik und entwickelte aus ihren dabei gemachten Beobachtungen ein neues Prosastück. Dieser Selbstversuch ist umso bemerkenswerter, als Anne Weber bei ihrer früheren Berufstätigkeit die negativen Auswirkungen des Gefangenseins im engen Uhrgehäuse des geregelten Arbeitsalltags am eigenen Leib erfahren hat. Die Spuren dieser problematischen Beziehung zeichnen sich in dem schon etwas älteren Text „Liebe Vögel“ ab, einer Art Abschiedsbrief an die ehemaligen Kollegen, der ebenfalls in ihrem neuen Buch enthalten ist.

    Das heitere Lächeln der Oberflächen
    Gemessen an diesen Voraussetzungen ist bei diesem Selbstversuch ein ausgesprochen heiterer Text entstanden: schwungvoll wechseln Beobachtungen im Büro und gedankliche Abschweifungen einander ab; das Spektrum reicht von Beschreibungen der Möbel und des Ausblicks aus dem Fenster bis hin zu Ausflügen in die Provence oder kurzen, lediglich angerissenen Fiktionen. Beschwingt wechseln die unterschiedlichsten Einfälle einander ab, nette Gedankenblitze, lose aufeinander folgend. Auch das, was in dieser Erzählung als Kapitalismuskritik bezeichnet wurde, kommt als lockere Abschweifung daher, beinahe wie ein Kaffeepausengespräch, nichts Tiefergehendes. Ebenso die Beobachtungen: sie bleiben stets an der Oberfläche, beim unmittelbar Wahrnehmbaren. So unterbleibt auch eine genauere Charakterisierung der einzelnen Büroangestellten völlig; den im Büro stehenden Pflanzen wird ebenso viel Gewicht beigemessen wie diesen. Dies alles kommt im gleichen gefälligen Plauderton einher, in dem sich Idee an Ideechen, Bild an Bildchen reiht.

    Das ironische Lächeln der Erzählerin
    Aber das kann doch nicht alles sein, fragt sich der Leser. Irgendwo muss es doch etwas Dramatisches, etwas Unerhörtes geben, irgendetwas, das zur Einfühlung einlädt. Aber nein, versichert ihm die Erzählerin, „Da geschieht nichts mehr ... Du kannst das Buch zuklappen.“ Keine Second-Hand-Emotionen, kein schreckliches Schicksal, an dem man sich weiden könnte. Solche Erwartungshaltungen enttäuscht dieses Buch ebenso wie die Forderung nach einer Kritik der heutigen Arbeitswelt. Denn die Wirklichkeit ist anders, auf eine nahezu lächerliche Weise anders als unsere Erwartungen. Oder, wie es auf einer der letzten Seiten der Erzählung heißt: „Die Wirklichkeit ist eine treulose Tomate, der es gelingt, sich dauerhaft an unseren kümmerlichen Wahrnehmungsorganen vorbeizuwinden und letztlich keinem der Bilder, die wir von ihr haben, zu entsprechen. Zuletzt war sie es wahrscheinlich leid, immer in grellen Farben von einer Kinoleinwand abgemalt zu werden. Also schob sie uns einen Bürostuhl auf Rollen unter und rollte uns in ein friedliches, sauberes und zufriedenes Leben hinein.“ Hier wird „Gold im Mund“ zum literarischen Manifest, zur Absage an alle Realismusforderungen der Literaturkritik, an alle Neuauflagen des Bitterfelder Wegs. Das Projekt „Schreiben im Büro“ ist gescheitert, in der Belanglosigkeit des Arbeitsalltags versandet, und die Erzählung „Gold im Mund“ ist die Manifestation dieses Scheiterns. Auf eine andere Weise gilt dies auch für „Liebe Vögel“. Zwar bietet diese Philippika an die ehemaligen Kollegen mehr emotionales Identifikationspotenzial, der bessere Text ist sie aber nicht. Zu sehr werden hier bekannte Vorstellungen bedient, konventionelle Bilder verarbeitet. Also kein Ausweg, nirgends? Doch, glücklicherweise gibt es ein Happy End: die augenzwinkernden letzten beiden Absätze, ein rätselhafter Entwurf einer Erzählung, der Lust macht auf das nächste Buch von Anne Weber.

    Carsten Schwedes


    Anne Weber: Gold im Mund. Suhrkamp, 2005. Gebunden, 127 Seiten, 14,80 Euro. ISBN 3-518-41713-4

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