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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 26. Juli 2017 | 14:46

     

    Alban Nikolai Herbst: Die Niedertracht der Musik

    09.10.2005

    Spiegelgefechte mit der Fantasie

    Wo Fiktionen sind, nimmt auch die Körperlichkeit zu: in Alban Nikolai Herbsts neuen Erzählungen holen Gewalt und Sexualität die ausschweifenden Weltentwürfe auf den Boden der Realität zurück.

     

    Literatur ist häufig nicht Abbild der Wirklichkeit, sondern ihre konstruktive Erweiterung. Sei es als Infragestellung unserer Vorstellung von Wirklichkeit oder als neuer Weltentwurf – die Literatur als Gegenwirklichkeit kennt zahlreiche Spielarten: im Sprachspiel überlagert die Eigendynamik des Materials fixe Denkbilder, Metapher und Montage stellen ungewohnte Verbindungen zwischen scheinbar Unzusammenhängendem her, fantastische Elemente erweitern den Raum des Möglichen um unerwartete Ideen. Der Zweifel daran, dass alles in den bekannten, rational erklärbaren Bahnen verläuft, ist auch das gemeinsame Merkmal der dreizehn Erzählungen in Alban Nikolai Herbsts Die Niedertracht der Musik, der ersten Veröffentlichung des neuen Kölner Verlags Tisch 7, der ansonsten eher unbekannten Autoren ein Forum bietet.

    Der Autor als Fantast ...
    Die Vorliebe von Alban Nikolai Herbst für das Fantastische ist hinlänglich bekannt. Auch in diesen Erzählungen, die zwischen 1972 und 2004 entstanden sind, geht es um Metamorphosen und Geheimgesellschaften, um fiktive Ameisenforscher und düstere Zukunftsvisionen. Aber die einfallsreichen Entwürfe neuer Vorstellungsräume sind nur eine Form des Fiktionalen, derer sich Herbst bedient. Er ist auch ein Meister der Aussparung, der Fragen aufwirft, indem er Eindeutigkeiten vermeidet. So lässt sich etwa die Titelerzählung nicht auf den plumpen Plot einer Geiselbefreiung durch die Macht der Musik, die auch das Leben der Entführten nachhaltig verändert, reduzieren. Vielmehr bleibt das Verhältnis von Täter und Opfer eine Black Box, die den Kern der Handlung umhüllt und nur Spekulationen über das Geschehene zulässt. Einen anderen Weg wählt Herbst in dem von Bonaventura inspirierten „Nachtstück“: ein innerer Dialog überlagert darin zunehmend die Stimme des Erzählers, wodurch das Geschehen sich zunehmend in die Vorstellungswelt des Protagonisten verlagert. In „Der Gräfenberg-Club“ schließlich sieht sich der Ich-Erzähler ständigen Veränderung der Realität ausgesetzt, in denen weder Wahrnehmung noch Buchwissen Sicherheit garantieren.

    ... und als Diener der Wirklichkeit
    Trotz aller Unterwanderungen der Wahrnehmung, trotz aller Science-Fiction-Elemente basiert die Wirkung der meisten Erzählungen auf ihrer Rückbindung an die Realität. Die Erzählungen „Besuch auf dem Lande“ und „Der Sieg“, beide von 1973, stellen auf drastische Weise Realität und Körperlichkeit aus. Noch auffälliger ist dies in „Kette“, der Geschichte einer Malerin, deren Bilder von den Körperflüssigkeiten ihrer Modelle getränkt sind. Herbsts Texte sind häufig in blutrot und bleu mourant gehaltene Splattermovies, angefüllt mit Schockeffekten oder Erotika à la Houellebecq. Dies mag man abstoßend finden oder als konsequentes Weiterdenken gegenwärtiger Vorstellungen begrüßen, doch vor allem scheint dadurch ein Unbehagen des Autors an den eigenen Fiktionen auf: die körperlichen Realien erden die Ausschweifungen ins Reich der Fantasie und binden sie nur allzu deutlich zurück an Archaisches, Triebhaftes. Statt fantastischen Gegenwelten fabriziert Herbst meist düstere Bilder der nur zu gut bekannten Nachtseiten der menschlichen Existenz.

    Die Plünderung der Bibliothek von Babel
    Die Ideen zu den Erzählungen sind zu einem guten Teil bei anderen Autoren entlehnt. Rezensierte Jorge Luis Borges in den Fiktionen das Werk des von ihm erfundenen Autors Herbert Quain, so schreibt Herbst einen Nachruf auf den fiktiven Ameisenforscher Asmus Hornácek, der bei seinen Experimenten mit Ameisen, die sich ausschließlich von Kunststoffen ernähren, unter mysteriösen Umständen ums Leben kommt. Die in „Gaudís Klinke“ geschilderten Schwierigkeiten, zu einem ominösen Auftraggeber zu gelangen, erinnern deutlich an Kafka. Aber auch wenn er nicht einem seiner Vorbilder folgt, beherrscht Herbst sein schriftstellerisches Handwerkszeug. Wie er in der Erzählung „Kette“ verschiedene Zeitebenen und Orte miteinander verwebt, zeugt von solider Könnerschaft. Dies gilt leider nicht in jedem Fall. Einige Formulierungen oder Wortfindungen wirken eher ungelenk und hemmen den Sprachfluss. Auch die Vielfalt der Erzähltechniken führt zu großen Qualitätsschwankungen: so steht die bieder vor sich hinbollernde Erzählung „Roses Triumph“, die wie eine breit ausgewalzte Keuner-Geschichte wirkt, neben geschickt aus einzelnen Szenen zusammengefügten Prosastücken. Die Bibliothek von Babel enthält eben nicht nur Meisterwerke und stilistische Vielfalt garantiert nicht immer künstlerischen Mehrwert. Aber solche Ausreißer nach unten stellen glücklicherweise die Ausnahme dar unter diesem abwechslungsreichen Erzählungen.

    Carsten Schwedes


    Alban Nikolai Herbst: Die Niedertracht der Musik. Tisch 7 Verlagsgesellschaft, 2005
    Gebunden, 190 Seiten, 22,- Euro. ISBN 3-938476-00-1

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