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Finn-Ole Heinrich: die taschen voll wasser

12.09.2005

Im toten Winkel der Aufmerksamkeit

Finn-Ole Heinrich findet in seinen Erzählungen stets einen angenehmen, unaufdringlichen Ton. Seine Figuren hat er zugleich einfühlsam und rau ausgestattet und sie darüber hinaus in Situationen platziert, die jeder von uns kennt. Das erscheint auf den ersten Blick unspektakulär, doch der Autor weiß genau daraus Spannung zu erzeugen.

 

„Männer müssten sich häuten können, wie Raupen, wie Schlangen“, heißt es in Finn-Ole Heinrichs Story „Letzte Wünsche“, einer von neun Erzählungen aus seinem jüngst im kleinen Hamburger Mairisch Verlag erschienen Band „Die Taschen voll Wasser“. Dieser Satz stammt von Marlon, einem in die Jahre gekommenen und unter seiner Impotenz leidenden Mann, der im Kaufhaus kleinen Kindern den Weihnachtsmann vorspielt. Seine Pause verbringt er an seinem Penis spielend auf dem Klo, unglücklich darüber, dass sich mal wieder nichts regen will, aber glücklich über die Vorstellung, nachher mit ungewaschenen Fingern zu den Kindern zurückzukehren.

Marlon ist eine für Heinrich eher untypische Figur, alle anderen sind deutlich jünger, irgendwo zwischen 15 und 30, und ihnen fällt es nicht so schwer wie dem Weihnachtsmann sich zu häuten, also Teile der eigenen Identität abzustreifen. In der Erzählung „Emilie“ ist es zum Beispiel eine junge Frau, die mit ihrer besten Freundin und deren Freund in einer Wohngemeinschaft zusammenlebt. Sie nutzt einen Urlaub des Paares, schlüpft in die Kleider der Freundin, verwendet deren Parfum und versucht eine andere zu werden – mit traurigen Konsequenzen. In der Erzählung „Mutters Hund“ ist es Jonas, ein unter der Fuchtel seiner tyrannischen Mutter lebender Philosoph, der nach ihrem plötzlichen Tod dem Hausdackel beibringen will, wer nun Herr im Hause ist. Hier ist das Ergebnis nicht nur traurig, sondern tragisch.

Doch nicht jede von Heinrichs Geschichten geht böse aus. Die Erzählung „Gummistiefel“ strotz nur so vor Offenheit und Lebensfreude, etwa wenn der Protagonist von einer jungen Frau namens Lucy erzählt: „An Lucy habe ich die Dinge, von denen man immer redet, schließlich verstanden. Mit Fingern essen. Ja, das tun auch andere, aber bei ihr habe ich verstanden, worum es geht: um das Gefühl, ums Sich-Nicht-Hinhalten-Lassen, um einfach machen, um Kuchen in den Fingern kneten und mehr fühlen als alle, die mit Gabeln essen.“

Auch die längste Erzählung im Buch, „Schwarze Schafe“, kommt locker und luftig daher, obwohl es um eine düstere Geschichte geht. Am Rande der polnischen Bergwerksstadt Katowice leben - wie viele andere auch - die drei jugendlichen Hauptfiguren davon, Kohle aus Transportzügen zu klauen und an Hehler zu verkaufen. Sie hausen in einem Loch, besaufen sich mit einer billigen Spiritus-Wasser-Mischung und träumen davon, dass der Erlös aus dem Kohleklau irgendwann für drei Zugtickets nach Berlin reicht, die Stadt, die ihnen als Ort der unbegrenzten Möglichkeiten erscheint. Doch der Job ist nicht ungefährlich und die Konkurrenz ist groß.

Ein Chronist des Kleinen und Unscheinbaren

Egal ob es um „die beschädigte Kindheit“ junger Polen, um die Trauer über den Tod eines Freundes, um Liebe und Partnerschaft oder um eine simple Autofahrt auf der „A27 Richtung Bremen“ geht, Heinrich findet in „Die Taschen voll Wasser“ stets einen angenehmen, unaufdringlichen Ton. Seine Figuren hat er zugleich einfühlsam und rau ausgestattet und sie darüber hinaus in Situationen platziert, die jeder von uns kennt. Das erscheint auf den ersten Blick unspektakulär, doch der Autor weiß genau daraus Spannung zu erzeugen.

Es sind die Details, die einen beim Lesen immer wieder erstaunen lassen. Heinrich ist ein Chronist des Kleinen und Unscheinbaren. „Ich saß und wohnte im toten Winkel ihrer Aufmerksamkeit“, heißt es dazu passend in der Erzählung „Emilie“. Dieser Satz scheint auch für Heinrich zu gelten. Nach der Lektüre seines Buches gibt es in unserer Aufmerksamkeit jedenfalls einige tote Winkel weniger.

Maik Söhler


Finn-Ole Heinrich: die taschen voll wasser.
Erzählungen.
Mairisch Verlag, Hamburg 2005.
TB. 134 Seiten. 8,90 Euro.
ISBN 3-938539-01-1.

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