TITEL kulturmagazin
Montag, 27. März 2017 | 08:35

 

Peter Handke: Gestern unterwegs

01.09.2005

In der Vorschule: auf der Suche nach „Bildern“

Peter Handke hat jetzt Aufzeichnungen, die auf seinen Fußwanderungen und Pilgerreisen in Europa und Asien zwischen 1987 und 1990 entstanden sind, unter dem Titel „Gestern unterwegs“ veröffentlicht. Es ist ein schönes und an Eindrücken reiches Buch der „Bilder“ und der Fragen – aber auch Anlaß, sich mit der Fragwürdigkeit seiner darin entwickelten Ästhetik des „Epischen“ zu beschäftigen.

 

Den ausgeführten, sprich: abgeschlossenen Teilen seines umfangreichen Oeuvres – Romanen, Erzählungen, Essays, Theaterstücken, Filmdrehbüchern – hat der aus Österreich (an der Grenze zu Slowenien) stammende Schriftsteller Peter Handke eine Reihe von Notizbüchern beigesellt. Sie sind alle in seinem ursprünglichen Salzburger Verlag, (zuerst „Residenz“, nun bei „Jung und Jung“) erschienen: „Gewicht der Welt“, „Geschichte des Bleistifts“, „Phantasien der Wiederholung“, „Am Felsfenster, morgens“. Warum dort (und nicht bei seinem deutschen Verlag Suhrkamp)? Aus Freundschaft & Dankbarkeit zu seinem Salzburger Verleger Jochen Jung.

Das jüngste dieser wahrlich „intimen Journale“, das aber von der Intimität des Alltäglichen vollständig ab- und einzig auf das vom Autor Gesehene, Gehörte, Gedachte, Memorierte und gelegentlich Gelesene hinsieht, trägt den Titel „Gestern unterwegs“. Der 553 Seiten umfassende Band mit meist kurzen Notaten versammelt von Handke ausgewählte Aufzeichnungen, die er vor 15 – 18 (!) Jahren, nämlich vom November 1987 bis Juli 1990 niedergeschrieben hat, als er fast ständig in der Welt reisend unterwegs war.

Nachdem er seinen zeitweiligen Wohnort in Salzburg (als allein erziehender Vater) aufgegeben hatte, aber noch nicht wieder (in der Nähe von Paris) sesshaft geworden war, hat sich Peter Handke allein zu Fuß wandernd, aber auch mit Bus, Bahn und Flugzeug, nur mit einem Rucksack und Notizbüchern versehen, kreuz & quer durch Europa, aber auch nach Ägypten, durch Japan, mit Zwischenstopp in Alaska bewegt: meist, scheint es, bewußt nicht zu den touristisch angenehmsten (warmen) Jahreszeiten – Schneeflocken sind seine häufigen Begleiter –, sondern zwischen Vorweihnachten und Pfingsten, und nicht selten auch nachts: im schwarzen Dunkel oder in gelegentlicher Gesellschaft des Mondes & der Sternbilder. Einsamer geht´s nimmer: im Abseits – und im Schutz der Höhepunkte des Kirchenjahrs – wenn das nicht symbolisch gemeint war, was dann? Immer wieder werden dabei frühkindliche Glückprägungen („Ruhe zieht in mich ein und ich sitze wieder mit der Mutter auf einer Bank an einem Bildstock in einer weiten klaren milden Landschaft Südkärntens unter der Sonne“) aufgerufen gegen die spätere Disziplinierung im Internat: Himmel & Hölle von Kindheit und Jugend.

In den knapp drei Jahren seiner Wanderschaften durch (Ex-)Jugoslawien bis Griechenland, Portugal, Spanien, Frankreich, Belgien, die Schweiz, Schottland und England (wobei es ihn offenbar mehrfach in den slowenischen Karst und das italienische Friaul, die Provence und nach Nordspanien zog), sind dennoch ein Theaterstück, ein Filmdrehbuch, eine Shakespeare-Übersetzung und zwei seiner „Versuche“ (über die Müdigkeit & über die Jukebox) entstanden. Aber ganz wesentlich basieren die beiden großen erzählerischen Werke „Mein Jahr in der Niemandsbucht“ und „Der Bildverlust“, die in den letzten 15 Jahren erschienen sind, auf einer Vielzahl von Notaten, die meist schon unter letzterem Titel in „Gestern unterwegs“ dafür annonciert werden: „'Der Bildverlust' soll mein Übergang ins rein Epische werden“. Und „Gestern unterwegs“, darf man hinzufügen, ist die „Trainingstrecke“ dafür.

Der vom Autor als „Lieber Leser“ im Vorspruch Angeredete wird im Folgenden der mehr als ein Halbtausend Seiten des Buchs zum Mitwisser eines Schreib-, Denk- und Erfahrungsprozesses gemacht, den Handke ihm damit anvertraut. Das Selbstgespräch, aus dem das Buch besteht, soll den Leser animieren, an dem dornen-, will sagen: fragenreichen Pilgerweg des Autors zur „wahren Empfindung“ & zur Findung von & für Poesie teilzunehmen: auf der Suche nach dem „Bild“. So nennt er, heißt es an einer Stelle, „nicht ein beliebiges, sondern ein einmaliges Zeit- wie Raumzeichen, unverwechselbar, einleuchtend, ungesucht, in Auge (und Herz) springend, bezeichnend, zeichenhaft vordringlich im Zeichenlosen; und: Nicht ich mache mir ein Bild, es zeigt sich (mir).“

Vor- & Hauptschule des „Epikers“ Peter Handke

Nun liegt ja aber das, was Peter Handke als seine epische Ernte versteht, mit den beiden Großerzählungen der „Niemandsbucht“ und des „Bildverlustes“ bereits eineinhalbtausendseitig bei Suhrkamp vor. So ehrend seine Einladung ist, sich in die Karten schauen zu lassen: Warum sollte man also Handkes Einladung folgen und nun nachträglich den „Stoppelacker“, wenn auch an seiner Hand, durchkämmen und in diese Vorschule seines epischen Wahrnehmens gehen, vorallem nachdem man ja seine Oberstufe schon absolviert hat?

Man sollte: aus mehreren Gründen, wenngleich (obwohl) der Autor sehr eigen, verschlossen, befremdlich, ja: ebenso „verstiegen“ wie „abseitig“ ist – beides trifft bei ihm wortwörtlich & nicht pejorativ zu –; aber Handkes Notate sind auch aufregend, irritierend, anregend, und er selbst ist sowohl höchst „merkwürdig“ als auch solitär: erst recht für uns „Alltagsmenschen“ & Stubenhocker.

Einen Schriftsteller wie ihn, der wohl eher den poetisch-priesterlichen Adelstitel des „Dichters“ für sich reklamiert, gibt es wohl kein zweites Mal auf der Welt: als passioniert Gehenden & Wandernden, als Weltreisenden nicht nur durch Länder, besser noch: durch Landschaften allerorten, sondern ebenso als Sprachreisenden.

Aus dem Französischen, Englischen und Altgriechischen hat er schon übersetzt, Latein kann der ehemalige Jurist, auf Serbokroatisch und Spanisch wird er sich mühelos verständigen können, und wenn ich an seine zahlreichen etymologischen Abschweifungen ins Arabische im „Bilderverlust“ denke und erst jüngst an sein offenbar mit der arabisch- und farsisprachigen Poesie vertraut scheinendes Nachwort zu Abbas Kiarostamis Gedichten „In Begleitung des Windes (siehe meine Rezension), so ist wohl auch Handkes Vielsprachigkeit einmalig in der deutschsprachigen Literatur.

Das gebietet, vor allem & allem anderem: Respekt und Bewunderung – für die Zu- & Aneignung und den kundigen Umgang mit & in fremden Sprachen, was nur mit Geduld und liebevoller Versenkung erreichbar war. Wem wie Peter Handke (fast müßte man sagen: einzig) Sprache, Phantasie und „das Bild“ Ziel & Zweck des Literarischen sind, der wird auf die schier unendliche Nuanciertheit sprachlichen Ausdrucks für das In-der-Welt-sein sein Augen- & Ohrenmerk richten. Nicht die wenigsten Notate in „Gestern unterwegs“ (wie auch in seinen späten Büchern) bedenken, erproben, imaginieren den treffendsten, triftigsten sprachlichen Ausdruck für Sicht- & Hörbares, um auch das Kleinste unverlierbar zu machen, indem es „richtig“ benannt wird, als sei es dadurch „gerettet“, zumindest aber momentweise „erleuchtet“. Literatur, notiert er einmal, „wie sie mir vorschwebt: als bewahrte Welt“. Wer an solchen subtilen Jagden nach minimalistischen sprachlichen Entsprechungen & Differenzen sein Lektüre-Vergnügen hat, wird hier vielfach auf seine Kosten kommen – und damit sein eigenes Wahrnehmen & Benennen schulen & differenzieren lernen. Das ist nicht das geringste Vergnügen des Buches.

Auf der Suche nach dem befreiten Blick auf die „Dinge“

Aber Handkes ambulatorische, eigenbrötlerische Unruhe hat wohl in einer existentiellen – und das heißt bei jemandem, der „sein Schicksal mit dem des Schreibens verknüpft“ – in einer künstlerischen Krise ihre Gründe. Ob, was, worüber & wozu: schreiben? Das sind seine Fragen. Denn als „Schreiberling“ will er sich nicht verstehen; als professionellen Schriftsteller ebenso wenig. (Beiden gilt seine Verachtung.) Was denn dann?

Als Seher & Wahrnehmer, als Medium der „Dinge“, die sich im „Bild“ des Seins verdichten und – hat er sich erst geöffnet & aufnahmefähig gemacht – ihm „zufliegen“ sollten. Aber er glaubte sich „aus dem Paradies des Phantasierens, der Phantasie vertrieben, und diese Vertreibung geschieht jeden Tag“, den er „zuhause“ verbringt. (Kann man nicht auch sagen: der Stoff seiner poetischen Produktivität ist in der Sesshaftigkeit er- & ausgeschöpft?). Er „sieht“ nichts mehr, die Welt, die „wahre Welt“ (jenseits der sichtbaren) ist ihm verstellt von der Hässlichkeit, dem Nichtigen und Unwesentlichen des bloß Seienden (des gesellschaftlichen Lebenszusammenhangs). Vorallem schiebt sich ihm das in Deutschland und Österreich vor den „freien“ Blick.

Noch im Zug nach Larissa in Mittelgriechenland stößt er „an der Abteilwand auf die gerahmten Farbphotos 'Bilderland Sachsen', 'Deutschlands schönste Ferienstraßen'" und „um ein Haar wäre ich aus dem Schnellzug gestiegen für den reklamebilderlosen Personenzug –: ein ähnliches Gefühl des Grauens, ja wie gestern abend angesichts eines Reisebüroplakats 'Urlaub in Österreich – Saalbach: Durch Schneekanonen schneesicher', samt grotesker Schematisierung der 'Kanonen' – Bilderverbot!“

Diese durch Reklame, sprich „Verkäuflichkeit“ und Anpreisung zugerichteten Bilder verbietet er sich und seinem Verlangen nach Wahr-Nehmung. Weg damit, vorallem: weg davon! Schon in Paris ist es (ihm) ganz anders: „Paris: die Dinge, die Straßen, das Wasser strömend im Rinnstein, die Bäume, die Züge, die Schienen gleißend in der Morgensonne, die eisernen kleinen Park- und Squareklapptüren, sind >richtig da<, frisch im Morgenglanz – in Österreich wie in Deutschland sind diese Dinge alle da und nicht da, was eine Qual oder zumindest etwas Quälendes sein kann: ich muß mir dort die Dinge erst zurecht-, herbeidenken (das hat aber Hofmannsthal schon vor den Weltkriegen empfunden und erkannt, in den >Briefen der Zurückgekehrten<, es ist also nicht erklärbar mit dem Faschismus, mit dem Nationalismus, dem deutsch-österreichischen Un-Selbst, Nicht-Dasein; womit aber dann?)“.

Womit ist zu erklären, daß er „in Deutschland und Österreich die Vorstellung“ hat, „als seien“
dort „sogar die Bäume und die Vögel Gefangene, oder angekränkelt“, während er dagegen in Paris sie und sich „in Freiheit erlebt“? Könnte es vielleicht doch sein, daß die Sprach-Heimat-Länder noch immer kontaminiert und „gezeichnet“ sind von ihrer jüngsten Geschichte? „Bedenk immer wieder“, notiert er assoziativ „beim Anblick der Kniekehlen an den spargeldünnen Beinen eines Kindes in Clermont-Ferrand am Abend des 7. August 1988, daß dein Geschichtserlebnis das des Völkermordes an den Juden ist“. Und an anderer Stelle erkennt er in Österreich die Menschen daran, „daß (ob) die Judenvernichtung die entscheidende Geschichte oder >Nachricht< ihres Lebens ist“ – will sagen: den meisten ist sie es eben nicht! Ihm aber.

Gute Gründe zur Flucht aus der deutsch-österreichischen Geschichte

Es gibt also historische Gründe für einen österreichischen Dichter, der zum „Wesentlichen“ gelangen will, seine gesellschaftliche Umwelt zu fliehen, um andernorts zu suchen, was er zuhause nicht findet: die Erweiterung, Änderung des Blicks, eine von Grund auf verwandelte Seins- & Lebensweise, um die ihm verschütteten Quellen der Welterfahrung, die dem Kind noch sprudelten, wieder zu gewinnen: „Wolle nichts Neues mehr, du weißt doch, was du bis ans Ende zu tun hast: deine Heimat zu suchen“, notiert er sich beim Aufbruch in Novalis´ Sinne; und seine „Heimat“ ist die Poesie, deren „Heiliges Land ist (war) dort, wo ich in der Phantasie lebt(e); wo meine Phantasie auflebt(e)“. Es ist Weltfrömmigkeit, auf deren Suche sich der nach Stille sehnende, in Schweigen versunkene, auf die Ankunft der „Verwandlung“ hoffende Peter Handke begibt: „Fragmentarisch leben – um nichtfragmentarisch phantasieren-schreiben zu können“.

Gehen (Sehen & Hören), Lesen und Schreiben: „Gestern unterwegs“ ist nichts anderes als ein „Stundenbuch“ auf dem langen Weg zur „Wiedergeburt“ des (kindlichen) Staunens, Ahnens, Phantasierens – in Begleitung sowohl der anglo-amerikanischen Popsongs seiner Jugend, die er sich immer wieder aus den Jukeboxes in den Kneipen seiner europäischen Reisestationen herbeizitiert, als auch mit wechselnder Lektüren u.v.a. Hölderlins, Wittgensteins, Tschechows, Epiktets, Theophrasts, aber vor allem: Goethes und gegen Ende zu immer bestimmender des (griechisch gelesenen) Neuen Testaments.

Hatte nicht auch der in die kleinlichen Zwänge seiner staatstragenden Tätigkeiten eingezwängte Dichter Goethe allen Grund, auszubrechen und sich auf seine „Italienische Reise“ zu begeben mit dem Ziel einer „Wiedergeburt“ – im hellen Lichte der Antike? Gewiss doch, die Parallele ist naheliegend für den „Bildersucher“ Handke. Und wanderte Jesus nicht auch unablässig, ortlos, durch Palästina, um seiner Mitwelt die Augen & Ohren zu öffnen für das verborgene, verschüttete, von ihm erzählerisch in Parabeln (episch?) offenbarte Geheimnis des Göttlichen in der Welt?

„Nur Lumpe sind bescheiden“, sprach Goethe. Man greift nicht zu hoch, wenn man Peter Handke, der mehrfach erklärtermaßen „aufs Ganze zu gehen“ sich vorgenommen hat, in der Nachfolge von Goethe und Jesus „Gestern unterwegs“ sieht. Es sei seine „einzige, meine gewaltige Sehnsucht, bei den Großen zu sein, kleiner, kleiner Angehöriger der Großen“, gesteht er einmal – will sagen: „Sogar Hölderlin müsse überwunden werden, wie Kafka, an Goethe dagegen sei nichts zu überwinden, er sei 'nur da', rein da“ – und deshalb spricht Handke sich Weg & Ziel für diese Goethe-Nähe zu: „Statt Antigones '... mitzulieben bin ich da': mitzusein bin ich da“.

Ist der österreichische Dichter größenwahnsinnig, wenn er als „Größe“ weder Thomas Bernhard noch Karl Kraus, nicht Proust, Thomas Mann, Musil oder Joyce gelten läßt, allenfalls Tschechow? Aber auf wirkliche Augenhöhe möchte er sich bringen mit den Größten, sprich: „wahren Epikern“ wie Homer, Dante, Goethe oder Cervantes. Aber er versteht seine Pilgerreise zum Epischen, zu den Dingen, zum mystischen Nunc stans des „Bildes“, nicht als Königsweg, sondern als demütig-mönchische Hingabe an das Staunen, Bewundern der Schönheit der „heiligen Welt“, die in der Wiederholung des Gleichen, Stetigen, Fließenden „beglaubigt“ und „besiegelt“ wird; als asketische Reinigung von allem Überformten, Ablenkendem, „Vernünftelndem“, Zeitbedingtem, Subjektivem, das den dichterischen Blick auf das „Bild“ verzerre und verhindere: „Ein Zug fuhr vorbei. Ein Mensch ging über die Brücke. Die Forsythien waren gelb. Das Leben wurde feierlich“. Oder: „Ein Gottesbeweis: die Augen mancher Kinder, momentweise; ein anderer Gottesbeweis: die Amsel durchs Unterholz stöbernd und dann aufschwirrend (11.März); und eine Entsprechung zu Gottes Stimme aus dem >Säuseln< des Windes: Gottes Stimme im Trappeln von Kindersohlen beim Laufen ( 12. März)“.

Apotheotisch in „Schaffenslust“ geraten, endet Peter Handkes Reise-Verwandlung mit dem Betreten des neuen Hauses seines Sesshaftigkeits-Seins und dem Glück einer neuen Liebe: „Ein einziges Wort am richtigen Platz kam ihm in den Sinn, und Liebe erfüllte ihn zum Auf-der-Welt-Sein; ein einziges richtiges Wort fädelte ihn ein in das Weltsein. (...) Die Evangelien erzählten in einer Sprache der Durchdrungenheit vom Göttlichen, leisteten diesem 'selbstredend' Gefolgschaft und erweckten so Vertrauen. 'Nie bin ich luzider als im Bergauffahren', sagte der Etappensieger der Tour de France. Zum glücklichen Tag gehört das Projekt. Der Traum von der notwendigen Kunst, immer dringlicher wurde er, und immer mehr blieb er aus? 'Heilige Schrift!'. Sich durchs Leben schreiben; auf der Spur der Leere bleiben. (...) Lesen! Auch das Lesen, nicht nur das Schreiben, in Augenhöhe!; Bekräftigung und Steigerung des Hierseins. (...) Im leeren Haus ein Brief mit Worten der Liebe, und er wußte auf einmal, wohin mit der Lavendelblüte in seiner Hand“.

Ein paar Fragen, die Peter Handke sich nicht gestellt hat

So glücklich Peter Handke mit seiner Verwandlung und schließlichen Heimkehr am Ende von „Gestern unterwegs“ ist – als nachlesender Begleiter seiner sich zur religiösen Verzückung steigernden Weltfrömmigkeit kann man sich denn doch auch noch ein paar Fragen stellen, die er sich nicht gestellt hat – vorallem zur Eigenart, Reichweite und Stimmigkeit seines ästhetischen Programms, dessen Begründung ja in dieser „Vorschule der Ästhetik“ von ihm versucht wird.

So frage ich mich, ob das Ziel & Ergebnis von Handkes umschweifig-asketischer Selbstrepoetisierung, nämlich die beiden Erzählmonumente („Niemandsbucht“ & „Bildverlust“), dem Weg dorthin in „Gestern unterwegs“ wirklich poetisch-literarisch überlegen sind? Ich habe eher den Eindruck, daß das ihnen nachgeschickte Buch der Notate offener, vielfältiger, dissonanter, balancierender zwischen Ich & Ding, Gedanken, Gedenken und Empfinden sich darbietet, kurz: als ein schwebendes Mobile, in dem mehr Welthaltigkeit, Wahrnehmung, Phantasie eingegangen ist, als in die danach ausgeführten Modellprosastücke der Handkeschen Epik. Die „unreine Mischung“ ist aufregend-bewegender als die Erzeugnisse des Handkeschen Reinheitsgebots. „'Der Augenblickdenker': nur das bin ich“, erkennt er einmal (zurecht?) – und in der punktuellen Epiphanie momentaner Blickfindungen leuchten „Bilder“ auf, die ebenso sichtbar sind wie sie rätselhaft & ahnungsvoll bleiben – und damit „poetisch“ werden. In „Gestern unterwegs“ bilden sie so etwas wie eine Lichterkette zärtlicher, verwunderlicher, ahnungsvoller Weltwahrnehmung – und eben darin, im unverhofft „erkannten“ Fragment, das der Zufälligkeit & Koinzidenz des gesehenen & erlebten Augenblicks abgenommen wurde (wie ein Foto-Bild), besteht die Schönheit dieses Buches, das die verdichteten Bildchen und „kleinen Epopoen“ gewissermaßen auf & in ihrer Flüchtigkeit erhascht.

Darüber hinaus darf & muß man sich aber auch fragen, ob „das Epische“, das Handke sich zum höchsten Ziel seines Schreibens erklärt, nicht doch – in Schillers Terminologie – die angestrengteste Sehnsucht eines sentimentalischen, nämlich selbstreflexiven Autors ist (oder bleibt?), der durch ein asketisches Training von reduzierter & fokussierter Wahrnehmung & Teilhabe sich derart „reinigen“ zu können glaubt, daß er gewissermaßen autogen ein naiver Autor (wie Goethe) wird? Bleibt diese Selbstdisziplinierung des „Blicks“ auf die Welt aber nicht doch eine sentimentalische Naivität, eine bloß antrainierte epische Haltung, die dann erzählerisch durchgehalten wird? Ist Epiphanie, von der mehrfach in „Gestern unterwegs“ die Rede ist und wo vielfach deren glückliche Augenblicke notiert werden, als Dauerzustand reproduzierbar? Sind Handkes Phantasie und sein Phantasieren nicht eher apperzeptiv auf ästhetischer Höhe (als Stillleben), während sie aber produktiv (z.B. als „erfundene“ Erzählwelt im „Bildverlust“) ästhetisch weit darunter bleiben und ihm unter der Hand ins Allegorische abgleiten?

Überhaupt scheint Handkes eigenwillig-selbstbezogener Begriff des „Epischen“ in der Literatur nicht primär literarisch gewonnen, sondern der bildnerisch-malerischen Ästhetik des von ihm verehrten Paul Cézanne nachempfunden zu sein, was ja schon der ihm zentrale Begriff des „Bilds“ zu annoncieren scheint. Gottfried Boehm (in seiner Kunstmonographie „Paul Cézanne Montagne Sainte-Victoire“, 1988) schreibt über den provencalischen Maler: „Sehenden Blicks entdeckte er in der scheinbar festgelegten Welt des Gegebenen, der geheimnislosen Positivität der Dinge, in den zivilisatorischen Klischees wieder das Gesicht der Natur. Mit ihr tritt er, Auge um Auge, in Zwiesprache. Bei aller Reflexion auf das eigene Sehen, seine Arbeit mit der Natur muß doch ein Dialog gewesen sein. Cézanne nimmt sie ernst als eine höhere Instanz, die er in der Sprache der katholischen Theologie als die des Pater omnipotens aeterne Deus (Gottes, des allmächtigen, ewigen Vaters) umschreibt. Kurzum: die Askese, sich nur auf das Sehen zu verlassen und allem Wissen abzuschwören, erneuert die Wirklichkeit“.

Fast wortwörtlich wie von Handke scheint das formuliert, aber gewiß identisch in der Intention ist Peter Handkes Drainage des schriftstellerischen Blicks zur „seherischen“ Wahrnehmung, mit welcher der von allem Begrifflichen, Intellektuellem, aber auch Gesellschaftlichen absehende „Künstler die Natur wieder im Zustand der Schöpfung, in einem Werden, in aller Gestalthaftigkeit (sieht): hoffnungsvoll und verwandlungsfähig“ (Boehm). Die Holzwege, die Handke in seinen serbischen Parteinahmen beschritten hat, sind damit schon vorgezeichnet.

Das romanische Tympanon als Geburtshelfer einer heutigen Epik

Wie sehr Peter Handkes literarische Utopie epischen Wahrnehmens und Schreibens sich an bildnerischen Vorbildern kristallisiert, offenbart seine ebenso offenkundige wie auch kundige Pilgerreise zu romanischen Kapitellen in oft abgelegenen Kirchen Südfrankreichs, der Pyrenäen und Nordspaniens. Er folgte da wohl einer unerwähnt gebliebenen Geschichte romanisch-sakraler Baukunst. Was er dort an Darstellungen des christlichen Glaubens bewundert, ist für ihn „die klassische Antike (wieder?) kindlich geworden“ – und emphatisch: „Meine Heimat“. Nur Hans-Henny Jahnn, der die monumentalen ägyptischen Totenkammern und Pyramiden als seine geistig-religiöse Heimat bewunderte, ist noch weiter in der Menschheitsgeschichte zurückgegangen – ohne sich freilich für seine Epik daran ein Beispiel zu nehmen.

Ob er sein „Heil in den romanischen Szenerien“ suche, fragt Peter Handke und antwortet sich: „Nein, ich suche in ihnen meine Phantasie, die Struktur meiner Phantasie, meine zuinnerste Lebensfolge, meine Sachverhalte“. Die Romanik sei „keine Gegenbewegung, sondern ein tiefes, begeisterndes, allgemeines, inbrünstiges Insichgehen“ gewesen, während schon die „gotischen Formen“ ihm wie „aus der Fassung“ geraten erscheinen, weil sie die „überpersönliche Ruhe der Romanik“ verloren haben: die Figuren „runzeln schon >individuell< die Stirn, verkneifen schon persönlich den Mund, machen einen Hüftknicks, gebärden sich“. Dagegen die Romanik: „Was für ein gemeinsamer Atem muß um 1100 durch ganz Europa gegangen sein, ein Atem, ein Bild“. Und sogar in der „Wohltat der rein ornamentalen Kapitelle zwischen all den erzählenden“ sieht er „Vorbilder auch für ein schriftliches Erzählen, heute“, nämlich die Wohltat des „Durchatmens“, der „Pausen“, der „Absätze im Lesen“.

Hier träumt sich ein Autor in eine religiös fundierte universalistische Weltwahrnehmung des „Christlichen Europa“ (Novalis) zurück, deren Essenz „für heute“ er nur erreicht, in dem er alle poetische Moderne (seit dem 11. Jahrhundert) ausblendet und verwirft. Verwundert fragt er: „Warum hat Goethe sie (die kindlichen Meisterwerke der Romanik) nur übersehen, ja missachtet?“. Jedoch die Antwort ist einfach: dem „Großen Heiden“ (H. Heine), der in der griechischen Antike die Menschheit auf der Höhe des Glücks und des gelungenen Lebens sah, waren die bildnerischen Manifestationen des christlich-romanischen Mittelalters einfach zu primitiv und kunstlos, wenn nicht gar, zumindest in seinem Hohen Sinn: „barbarisch“. Der naive Künstler Goethe kam nie auf die Idee, sentimentalisch zu werden.

Wolfram Schütte


Peter Handke: Aufzeichnungen November 1987 bis Juli 1990.
Verlag Jung und Jung, Salzburg und Wien 2005.
Taschenbuch. 554 Seiten, 25 ¤

... bis sie dann gestorben sind.

Wenn Comics sich klassischen Märchenmotiven widmen, dann tun sie das meist in Form einer eher überzogenen Parodie. Selbst wenn sich dahinter so viel Sophistication verbirgt wie hinter ...

Musik in Schwarz-Weiß

Noch ein paar Tipps für die Tage in denen Stimmung und Landschaft sich den Grau-Tönen nähern und die richtige Musik dabei hilft, ruhige Momente zu ...

Zwischen Karikatur und Avantgarde

Lyonel Feininger ist eine Ikone der Klassischen Avantgarde. Er hat einen festen Platz im Lieblingsmaler-Pantheon. Doch auch solch ein Weltrangmeister ist nicht vom Himmel gefallen. Die Ausstellung ...

Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

Wer will fleißige Handwerker sehn

Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter