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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 23. Juli 2017 | 08:45

     

    Peter Bichsel: Kolumnen, Kolumnen

    15.08.2005

     
    Kolumnen, Kolumnen: Gebrauchsanleitung für Leser

    Über 300 Kolumnen, ca. 800 Seiten Text umfasst der große Suhrkamp-Band. Fragt sich, wer das alles lesen soll. Hier steht, wie man es machen kann.

     

    Peter Bichsel hat einmal – im Gestus der Bescheidenheit – bekannt, dass er fürchterlich darüber erschrocken sei, schon so viel geschrieben zu haben. Und nun stelle man sich seine Reaktion vor, wie er den schweren Suhrkamp-Band in den Händen hält, ihn hin und herwiegt: Das Erschrecken mag noch drastischer ausgefallen sein, auch wenn es sich bei den Kolumnen um ursprünglich journalistische Beiträge handelt – jedenfalls der Form nach. Und darüber mag sich Bichsel vielleicht trösten, denn: Was wird nicht alles in der Zeitung geschrieben. Grell und bunt muss es sein, Schlagzeile und Aufmerksamkeit und damit Auflage bringen. Aber so etwas mag Bichsel nicht. Abseits der sonst gewollten „Originalerlebnisse“ schaut er an, bezieht Stellung, deckt das Vorurteil, das Oberflächliche unserer Kultur auf.

    Dem Inhalt nach sind seine Kolumnen gewiss kleine Prosastücke, ganz ähnlich seinen sonstigen Arbeiten, die sich daran nahtlos anfügen. Auch in den Kolumnen erweist sich Bichsel als sanfter Erzähler, der mal über das aktuelle Zeitgeschehen, über Menschen und nicht zuletzt über sich selber als Lesenden und Schreibenden berichtet.

    Das Besondere seines Schreibens liegt dabei in der Art des Umgangs mit den Dingen, wie er sich als schreibender Mensch zu diesen Dingen verhält. Mit einer großen Liebe zur Anschauung des Unspektakulären, das sonst ständig in den Hintergrund (und damit in Vergessenheit) gerät, macht er eben dieses sichtbar. Er tut dies so sanft, oft geradezu zärtlich, dass seine Kritik – als Aufklärer und Sozialist –, selbst wenn er sich einmal empört, immer das sympathisch Menschliche seiner Person durchscheinen lässt, das ihn so glaubwürdig macht. Das in der westlichen Kultur tagtäglich eingeübte Besserwisserische und das allgegenwärtige Vorurteil sind ihm fremd.

    Zu seiner Glaubwürdigkeit gehört das zur ausgeschriebenen Selbstkritik Fähige. Das Ich des Autors drückt nämlich in all seiner Kritik die Selbstkritik und damit das eigene Unvermögen aus, die Hilflosigkeit bestimmten Dingen und Situationen gegenüber. Seine Kritik, seine Skepsis – auch und vor allem hinsichtlich der Sprache – beziehen daraus ihre eigentliche Stärke. So sind seine Texte ehrlich, offen, und darin mit einem Wort: entwaffnend.

    Nun aber kommt der Leser und hält den schweren Band in den Händen, wiegt ihn ebenfalls hin und her, und: mag ebenfalls erschrecken. Das Erschrecken Bichsels entspricht dem Erschrecken des Lesers. Und rührt das Erschrecken Bichsels nicht auch vom Wissen um die Zeitnot des Lesers? „Wer mag dies alles noch lesen?“, wird er sich fragen.

    Leser sind eine seltene Spezies, erst recht solche, die 800 Seiten Kolumnen lesen. Leser gehören, wie Bichsel in einer der Kolumnen einmal sagt, einer verschworenen Gemeinschaft an. Und diesen hat der Suhrkamp-Verlag ein wertvolles Hilfsmittel an die Hand gegeben: das Personen- und Stichwortregister, das als Gebrauchsanleitung Verwendung finden kann und zu thematisch zentrierten Probebohrungen in die Bichsel’sche Kolumnenwelt einlädt. Aber wo anfangen?

    Zählen wir einmal die Anzahl der Nennungen von „Schweiz“, „Schweizer“ und „Solothurn“ – die Stadt, die seinem Wohnort am nächsten liegt – so zählen wir 320 Stellen und belegen damit Platz eins aller Stichwörter. Peter Bichsel ist ein kritischer Schweizer, einer, der damit lebt und sich mit den Eidgenossen auseinander setzt. Man lese also daraus ein paar Kolumnen, z.B. „Vom Geiz, der Ehrgeiz heißt“.

    Platz zwei belegen „Lesen“, „Leser“ und „Buch“, natürlich nicht überraschend, aber immerhin. Man lese einige. Darunter auch die, in der er die Leser als Teil einer „verschworenen Gemeinschaft“ verortet mit dem Titel „Anton und die Verschwörung der Leser“.

    Nun geht es weiter mit Platz drei: „Kind“, kein Wunder bei dem Autor der „Kindergeschichten“. „Freund“ landet auf Platz vier und muss sich den Platz mit „Amerika“ und „New York“ – eine Stadt, die er sehr mag – teilen, und endlich „Kneipe“ und „Beiz“ gleich nach „Politik“ und „Politiker“ auf Platz sechs. Eigentlich hatten wir vermutet, dass die Beiz, die bei so vielen Kolumnen Ausgangs- und Endpunkt seiner Betrachtungen ist, häufiger genannt würde. Denn schließlich erzählt er viel über die kleinen Leute in der Kneipe, denen er „aufs Maul“ schaut, ihre Denke und immer wieder ihre Widersprüche aufdeckt.

    So können Sie selber weiter machen und mit den Personen ebenfalls verfahren, bis Sie von Peter Bichsel nahezu persönlich aufgefordert werden, jede einzelne Kolumne zu lesen. Und ehrlich gesagt ist die hier angeregte Vorgehensweise nur zu einem Zweck gut: Sie als Leser zum Lesen aller Kolumnen zu bringen. Wie dies geschehen kann? Indem Sie in all der Hektik noch merken, was Peter Bichsel für ein wunderbarer Erzähler ist, der sich tatsächlich zu lesen lohnt. Vielleicht indem Sie den voluminösen Band auf Ihr „Nachtchäschtli“ (Schweizer mögen mir die Aussprache verzeihen) legen und jeden Abend eine Kolumne lesen – ein knappes Jahr bräuchten Sie dazu aber schon.

    Und wo bleibt die Kritik? Gibt’s nicht. Bichsel ist einfach fabelhaft! Die Kritik respektive die Gelbe Karte richtet sich an den Suhrkamp-Verlag in Frankfurt, der glaubte, auf einen Textnachweis der Kolumnen verzichten zu müssen, was tatsächlich ziemlich ärgerlich ist. In Richtung Frankfurt sei gesagt: Kolumnen sind immer noch journalistische Beiträge und werden für einen bestimmten Erscheinungstag geschrieben – jedenfalls der Form nach.

    Frank Kaufmann


    Peter Bichsel: Kolumnen, Kolumnen
    Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 2005
    829 Seiten,
    ISBN: 3-518-41664-2

    siehe auch den Beitrag von Peter Mohr: Peter Bichsel wird 70

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