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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 29. Mai 2017 | 22:54

     

    Judith Pouget: sprechen, um zu berühren.

    25.07.2005

    Kleiner großer Schatz

    Heute schon über den Sommer geärgert? Zu kalt, zu warm, zu nass oder zu trocken kommt er mal wieder daher? Egal. Es gibt ein kleines Büchlein, das in jedem Fall hilft. Geschrieben von Judith Pouget.

     

    Am Anfang steht der Schock. In Gestalt des Titels: sprechen, um zu berühren. Tatsächlich, so steht es da. Kleingeschrieben und kursiv gedruckt. Das muss man doch jetzt weglegen! Das wird doch jetzt furchtbar werden. Oder? Immerhin klingt der Untertitel mit Briefjournal eines Sommers dagegen angenehm neutral. Na gut – man kann ja mal anfangen zu lesen. Ein, zwei Seiten; vielleicht drei.

    Und nun? Wie jetzt den Bogen hin bekommen und erklären, dass sich hinter jenem unglaublich kitschigem Titel ein ganz wunderbares Buch verbirgt? Eines, das nichts und gleichzeitig alles erzählt? Tja – das ist nicht recht zu erklären; das muss gelesen werden.

    Wie immer kann man sich erst mal zu den Autorinnendaten flüchten: Pouget, Judith; geboren 1959 in Oberösterreich, zwei Jahre Aufenthalt in den USA; Übersetzungen für Film und Theater; verschiedene literarische Beiträge in den „Facetten“ und in „kursiv“. Offenbar also keine so genannten größeren Veröffentlichungen, Romane, Gedicht- oder Erzählbände. Nichts, was sagt: Hallo, die Frau ist gut und wichtig und schon richtig bekannt und das bestimmt zu recht. Auch gut.

    Verdichtetes Tagebuch

    „Es ist spät mein Lieber, elf Uhr; ich bin gerade nach Hause gekommen.“ So beginnt Pougets kleines Büchlein und damit ist schon das Thema vorgegeben: Eine Frau kommt nach Hause, sie sitzt zu Hause und sie denkt an ihren Liebsten und weil sie es nicht mit dem an ihn denken belassen will, schreibt sie ihm in der Küche auf ihrem Laptop einen Brief. Berichtet, was heute vorgefallen ist, wie das Wetter steht, wer vorbeikam und wie sie dann möglicherweise zu zweit in einer Bierstube saßen und über was man sich unterhielt. Und es braucht nur wenige Momente und man wird beim Lesen dieser tagbuchartigen Ausführungen (die – das wird nicht groß überraschen – keineswegs ungelenk herunter geschrieben wurden, sondern verdichtet und klarsichtig sich erheben) ruhiger, entspannter, ja: empfindsamer.

    Mit immer wachsenderem Interesse verfolgt man alsbald die Tagesberichte, ist bald mit dabei, wenn die Erzählerin aufs Fahrrad steigt, wenn sie im Dunkeln noch vor der Tür steht und in den Himmel schaut. Eine Wespe sticht ihr aufs Augenlid, eine Freundin übernachtet bei ihr, sie ist unterwegs in die Stadt, die Linz heißt und an der Donau liegt, die mal schmutzig braunes Wasser führt, mal helles und klares. Sie sitzt vor dem Küchenradio, sie raucht genussvoll eine Zigarette, sie liest in dem Indienbuch von Naipaul, sie will sich hinsetzen und schreiben, aber ihr steht der Sinn nicht danach und so hadert sie so lange, bis sie aufsteht und das Schreiben Schreiben sein lässt, wie sie ihrem Liebsten schreibend beichtet.

    Parallel vollzieht sich der Sommer. Mit kühlen Tagen, mit massiver Hitze, die umschlägt in wolkenbruchartige Regengüsse, dass die flusswärts gelegenen Sträßchen Linz’ unter Wasser stehen. Das Korn wächst und wird gelb. Die Bäume erblühen und lassen ihre Blätter sich wieder spröde einkringeln, so vergeht also die Zeit.

    Verästelter Kosmos des Alltags

    Gewiss, das alles kennt man; meint man zu kennen. Jenen Blick auf den eigenen Alltag, das tägliche Aufstehen, das tägliche Zubettgehen, das so großartig ist für einen selbst und – angeblich – so nichtssagend sein soll, erzählt man es anderen. Was nicht stimmt, wie wir wissen (hoffentlich).

    In diesem Sinne ist das Buch eine Erziehungsmaßnahme. Es setzt darauf, den eigenen Alltag wahrzunehmen, ihn zu seinem persönlichen Kosmos zu erheben und ihn in all seinen Verästelungen zu bemerken. Es setzt auf Pausen, auf Stille, auf Innehalten und – sehr angenehm – bleibt strikt dabei, statt hinter dem Rücken mit irgendwelchem philosophisch-religiösem Budenzauber zu winken, der uns doch nur wieder antreiben, weil anfeuern soll. Es beharrt stattdessen darauf, wachen Sinnes durch die Welt zu gehen; aufmerksam zu bleiben, auch gerade dann, wenn man sich von der selbsternannten Hektik der Welt in den Würgegriff genommen fühlt.

    Gut möglich, dass das Buch die Lesegemeinde spaltet. In die, die bald beim Lesen abschweifen, an Eigenes denken, aus dem Fenster schauen, selbst aufs Rad steigen und selbst Bier trinken, wenn auch vielleicht nicht in Sichtweite der Donau. Andere aber und es werden nicht wenige sein, werden dieses Buch wie einen kleinen Schatz aufheben und es wird ihnen auf sonderbare Weise nicht gelingen, es ins Regal zu stellen – die übliche Art, ein Buch abzuhaken und zu vergessen. Vielmehr liegt das Buch weiterhin herum, will sich nicht weglegen lassen, nicht zudecken mit anderen Büchern, die man allesamt noch lesen will und vielleicht findet es am Ende ein dauerhaftes Plätzchen auf dem Nachttisch, wo es da und zur Hand ist, wenn einem danach ist, sich seiner eigenen Bedeutung zu versichern oder auch nur um sich mal wieder den Sommer herbei zu lesen.

    Frank Keil-Behrens



    Judith Pouget: sprechen, um zu berühren.
    Edition Linz / Bibliothek der Provinz, Linz, 2005.
    Gebunden, 77 S., 9,00 ¤.
    ISBN 3-85252-583-7.

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