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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 30. April 2017 | 07:02

     

    W. Frühwald (Hg.): Adalbert Stifter erzählt die Natur

    14.07.2005

    Das sanfte Gesetz
    Heuer – so sagt man in Österreich – gibt es nicht nur den 200. Todestag des Weimarer Obersentimentalen Friedrich Schiller zu feiern, sondern auch den sich ebenso oft jährenden Geburtstag von Adalbert Stifter. Während auf manchen kulturtreuen Radiosendern sogar der Freitagabendkrimi für Schiller-Lesungen dahingegeben wird, bleibt es um Stifter stiller. Um so erfreulicher ist es, dass Wolfgang Frühwald ein Stifter-Lesebuch herausgegeben hat, das neun markante Texte versammelt.

     

    Himmlische Langsamkeiten

    Wendet man die durchaus plausible Spruchweisheit, man könne an den Freunden eines Menschen ihn selbst erkennen, auf Stifter an, so trifft man ihn in bester Gesellschaft, freilich erst post mortem.

    Da ist Nietzsche, der schon in seinem Frühwerk Stifters Prosa zu den Schätzen der deutschen Sprache zählt. Der spätere Nietzsche verwirft alles und jedes, das er früher schätzte, bis auf wenige Gestalten, unter diesen Dionysos, Goethe, und eben Stifter. In einem Fragment aus dem Spätestwerk bekennt er, den „Nachsommer“ habe er „mit tiefer Gewogenheit“ in sich aufgenommen, und es sei „im Grunde das einzige deutsche Buch nach Goethe, das für mich Zauber hat.“

    Und da ist der prominenteste aller Stifterfreunde der Gegenwart, selbst auch Österreicher: Peter Handke. Stifters „himmlische Langsamkeiten“ sind ihm ein Modell seines mystisch-analytischen Blicks für Mensch und Natur. In diesem Milieu – und auf diesem Niveau – ist auch Stifter anzusiedeln.

    Biedermeierliche Pantoffeligkeit

    Das bedeutet freilich nicht, dass Stifter sich einer übertriebenen Zustimmung erfreuen dürfte. Schon sein Zeitgenosse Hebbel hielt ihn für ein „überschätztes Diminutiv-Talent“ und versprach jenem die Krone Polens, der den ganzen „Nachsommer“ aus freien Stücken gelesen habe.

    Eine gewisse biedermeierliche Pantoffeligkeit haftet dem Stifterschen Erzählgestus tatsächlich an, eine langatmige Betulichkeit und Sentimentalität in Herz- und Glaubensdingen, die uns Gegenwärtigen mitunter gehörige Portionen an Geduld abfordern.

    Das ist aber nur die Oberfläche. Das Maß von Stifters Erzählen ist langsamer, als man es heute verträgt; er hat den großen Atem, den großen Blick auch im Kleinen, dem sich die Einheit von Mikrokosmos und Makrokosmos, von Einzelnem und Ganzem erst zu zeigen bereit ist.

    Nicht Milch noch Honig

    In der Mitte von Stifters Werk wirkt die Natur. Sie ist das Maß seines Erzählens, und zwar weder als rettende Idylle noch als schauerliche Nacht- und Unterwelt. Sie wirkt in ihrer unerbittlichen Stetigkeit, dem Menschen gegenüber gänzlich indifferent. Kein Baum neigt sich hier nieder, kein Raubtier wird lauschen, nicht Milch noch Honig werden fließen, Stifters Natur ist ganz unorphisch.

    Nicht umsonst lautet der Untertitel des Bandes „Adalbert Stifter erzählt die Natur“. Frühwald, der bereits in den Siebzigern Mitherausgeber der historisch-kritischen Gesamtausgabe von Stifters Werken war, hat neun Texte aus drei Jahrzehnten ausgesucht, die ein umfassendes Bild von Stifters Erzählen entwerfen. Einige prominente sind darunter, vor allem die Erzählung „Bergkristall“, die Joseph Vilsmaier („Schlafes Bruder“) letztes Jahr verfilmte, aber auch „Kalkstein“, die rührende Geschichte vom einfältigen aber heiligmäßigen Landpfarrer.

    Weniger bekannt ist die frühe Erzählung „Der Condor“, die von einer Ballonfahrt in für jene Zeit (um 1840) ganz ungewohnte Höhen und der daraus folgenden Erschütterung berichtet; das Erlebnis der sich entfernenden Erde, der Durchquerung niedriger Wölkchenschichten, des in der Ferne aufglänzenden Meers und des blauschwarzen Himmels ist von ungeheurer Eindringlichkeit – die noch ungeheurere Art der Erfahrung ist radikal modern; Paul Bowles’ Roman formuliert aus ihr den Titel und das zentrale Erlebnis seines Romans „The Sheltering Sky“.

    „Das sanfte Gesetz“, die Vorrede zur Novellensammlung „Bunte Steine“, ist das Credo Stifters, gleichzeitig eine Verteidigung seiner Schreibweise gegen die Häme seiner Kritiker, die sich vor allem über seine Neigung zum genauen Hinsehen echauffierten.

    Bezeugen, nicht beschreiben

    Die „Winterbriefe aus Kirchschlag“ sind eine erstaunliche Mischung aus Lebenskunst, Meteorologie, Diätetik und begeisterter Naturbetrachtung, wie man sie sonst nur aus dem Nietzsche-Nachlass der 1880er Jahre kennt; erstaunlich auch die sorgfältige Abwägung von Luft- und Ernährungseinflüssen, die uns so zeitgenössisch vorkommt, als sei sie im Verbraucherschutzministerium verfasst worden, nur eben mit Können.

    Die beiden Novellen „Brigitta“ und „Der sanftmütige Obrist“ erzählen von Heißspornen, die in der späteren Ausgabe sanfter Hand mit edler Einfalt, stiller Größe sich gebärden; das Erzählen der Natur ist hier nur Kulisse – fast nur, denn eigentlich ist die Handlung die Kulisse; der Erzähler betrachtet sie aus solcher Entfernung wie einen Bergkamm oder einen Sonnenaufgang.

    Ganz im Mittelpunkt der Erzählung steht die Natur und ihre Ausnahmeereignisse dann in den Texten über die „Sonnenfinsternis am 8. Juli 1842“ und „Aus dem bairischen Walde“. Hier ist es das eigentümliche Oszillieren zwischen Erzählen und Berichten, zwischen Fiktion und Reportage, das gradlinig auf Peter Handke verweist; Stifter wie Handke berichten nicht und beschreiben nicht, sie bezeugen.

    Zum Schluss

    Das Nachwort des Herausgebers fasst in fünf Abschnitten wesentliche Ergebnisse der Stifter-Forschung gut lesbar zusammen und macht das Buch zu deutlich mehr als einem schlichten Lesebuch. Das angenehme Format des Bandes macht das Lesen auch sinnlich angenehm.

    Stifter ist kein Schriftsteller, der in einem Zuge zu lesen wäre. Man muss bereit sein, sich auf den Rhythmus seines Atems einzulassen, um den ganzen Genuss seines Erzählens zu erfahren. Die kommenden Ferien sind dafür die rechte Zeit. Und so klingt das sanfte Gesetz: „Das Wehen der Luft, das Rieseln des Wassers, das Wachsen der Getreide, das Wogen des Meeres, das Grünen der Erde, das Glänzen des Himmels, das Schimmern der Gestirne halte ich für groß“.

    Bernd Draser


    Wolfgang Frühwald (Hg.): Sonnenfinsternis und Schneesturm. Adalbert Stifter erzählt die Natur.
    DuMont, 2005.
    Gebunden. 413 Seiten. 19,90 ¤.
    ISBN 3832179224.

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