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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 17. August 2017 | 13:38

     

    Yann Martel: Die Hintergründe zu...

    13.06.2005

     
    Kraft der Phantasie

    Nach seinem Überraschungs-Erfolg "Schiffbruch mit Tiger" beeindruckt Yann Martel auch mit seinen sinnlichen und mit starken Gefühlen aufgeladenen Kurzgeschichten.

     

    „Ich spüre sie im Blut. Ich kann jeden einzelnen Virus spüren, wie er durch meinen Arm wandert, dann durch die Brust, dann ins Herz, und dann huscht er hinunter ins Bein.“ Der junge Student Paul wird an Aids sterben. Vor wenigen Jahren bekam er nach einem Unfall in Jamaika eine Bluttransfusion.

    Sein Freund, der Ich- Erzähler in Yann Martels erster Geschichte, baut auf die „Kraft der Phantasie, mit der sich die Wirklichkeit verändern läßt“ und gemeinsam erfinden sie eine finnische Familie italienischer Abstammung, die Roccamatios aus Helsinki. Abwechselnd erzählen sie Erlebnisse, Begebenheiten aus deren Leben, aufgehängt an großen Ereignissen der Weltgeschichte. Weltschicksale stehen plötzlich dem Einzelschicksal gegenüber, die große Welt der kleinen. „Ein Kind, das vor den Eltern stirbt, die Zukunft, die schon vor der Vergangenheit zu Ende ist? Kann es etwas Anderes geben, was so sehr die Seele tötet?“ Es ist der Kampf der Phantasie gegen eine „Welt voller Metastasen“.

    Sinnliches Empfinden

    Es sind Geschichten, die schnell gelesen sind, die aber ebenso schnell Wurzeln schlagen im Kopf, irgendwie wird man sie nicht mehr los, da sind Menschen in ganz besonderen Situationen. „Nichts machte mir mehr Spaß, als die Welt für eine Geschichte zu erforschen,“ schreibt Martel im Vorwort, „ich versetzte mich einfach in Empfangsbereitschaft für Geschichten“. Und in seiner offenen und sympathischen Art, über seine literarischen Anfänge zu erzählen, schwingt wie ein ätherisches Öl das mit, was sich beim Aufklappen seiner Bücher auf so magische Weise entfaltet: der Duft einer fremden Welt, sinnliches Empfinden in neuen Situationen, denen man wach, frei und unvoreingenommen gegenüber steht. Die vier Geschichten dieses Buches erinnerten ihn, so schreibt Martel, stets an die „Atemlosigkeit der Weltpremiere“.

    „Schiffbruch mit Tiger“, das war sein Durchbruch bei uns, jener fast zärtlich geschriebene Abenteuer-Roman über Pi Patel. Diese typische und meisterhafte Art, Geschriebenem eine zusätzliche, ganz eigene Dimension zugeben, sie zeigt sich auch in diesen vier frühen Erzählungen. So auch in „Spiegel für die Ewigkeit“. Da ist ein junger Mann, der seine Großmutter besucht und sich wie immer ihre Erzählungen von früher anhören muß. Als fast seitenlanges „Bla-Bla-Bla-Bla“ bringt Martel stilistisch ausgefallen und mit verständnisvollem Humor die Welt des Jungen mit der der alten Dame zusammen. „...manchmal ist das, was sie sagt, wie eine Speisekarte für sie; sie sucht sich ein Wort oder einen Satz aus und spinnt von da den Faden weiter.“ Für den jungen Mann ist das Leben noch wie ein „leerer Raum“, während er über den „ganzen Müll“ im Haus der Großmutter schimpft. Als er dann aber eine Spiegelmaschine entdeckt, sieht er plötzlich alles mit anderen Augen. „Jedes einzelne Stück in ihrem Haus hat eine Seele... im Grunde war ihr Häuschen eine ganze Stadt, eine Metropole der Geister.“

    Große und starke Gefühle

    Immer wieder sind es die großen und starken Gefühle, die so groß und stark werden, dass man meint, sie nicht mehr ertragen zu können, Traurigkeit, Wehmut, ein vages Glücksgefühl, aber auch Wut und Verzweiflung. Da ist John, der nachts putzen geht und seine Liebe zur Musik während des Vietnam-Krieges entdeckt hat. „Der Krieg hat einen Komponisten aus mir gemacht....Ich wollte etwas...das weiter weg war von dieser ganzen Scheisse in Vietnam“ Der Ich- Erzähler besucht eines Abends, mehr durch Zufall, in einem verfallenen Hinterhaus ein Konzert, in dem Johns Musik erklingt. „Wenn Musik Farbe wäre, dann hätte das Theater sich in ein einziges riesiges Kaleidoskop der Farben verwandelt.“ Gefühle, die sich gegenüber stehen, das Entsetzen des Krieges und die Schönheit der Musik. Konfrontation, die ein Ventil sucht, Erkenntnisse bringt: „Die Lichter im Saal gingen an. Ich rührte mich nicht. Mauern meines Lebens waren niedergerissen und ich spürte ein unglaubliches Gefühl der Freiheit.“

    Meisterhaft füllt Martel den Raum zwischen seinen Zeilen und verschafft Geschriebenem einen voluminösen Hintergrund, er spielt dabei mit Form und Stil auf dichtestem Erzähl- Parkett. Und sein Rezept für derart hinreißende Geschichten? „Ich kam dahinter,“ so offenbart er im Vorwort, „dass die Grundlage jeder guten Geschichte die Emotion sein muß.“

    Barbara Wegmann


    Yann Martel: Die Hintergründe zu den Helsinki-Roccamatios
    Stories. Übers. von: Manfred Allie, Gabriele Kempf-Allie.
    Verlag S. Fischer,
    Gebunden, 190 Seiten, 19,90 EURO.
    ISBN: 3100478266


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