• losttorrent
  • richtorrent
  • pushtorrent
  • Titel-Magazin
    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 25. Juni 2017 | 17:31

     

    Florian Werner: Wir sprechen uns noch.

    16.05.2005

     
    Mit aufgefeilten Pulsadern in der Sofagarnitur

    Es sind die kleinen Dinge, die Florian Werner in seinem ersten Erzählband beschäftigen. Es sind kleine Ängste, es sind Bilder aus der Kindheit, es sind Wünsche und Wahrnehmungen.

     

    In vierzehn Geschichten zeigt Florian Werner uns vielerlei Charaktere, die mit sich und dem Leben ringen. Wir schauen in die Köpfe dieser Personen und sehen uns selbst. Wir schauen in die fiktionale Realität und entdecken überall Sinnbilder für das, was wir eben noch im Kopf von Thea, Bastian, Francesco, Katalin oder Axel gesehen haben.
    Wenn Francesco in einer der Geschichten mit seiner Freundin Katalin in die Berge fährt, um etwas gegen das drohende Scheitern ihrer Beziehung zu tun – ein Krisenbewältigungswochenende sozusagen –, sehen wir nicht nur ihn, wie er ohne sie einen ganz realen Berg erklimmt, nein, wir sehen ihn, wie er in die obersten Kammern seines Kopfes klettert, sich von der Wirklichkeit entfernt, sich etwas vormacht. Francescos Betrug kann Werner dadurch entlarven, dass er das Innere nach außen projiziert. Damit ermöglicht er anderen Personen eine Reaktion auf die Gedanken und Gefühle, die unausgesprochen bleiben. Das ist das Besondere an diesem wunderbaren Buch, es zeigt uns die Vorgänge im Kopf nicht nur als inneren Monolog oder Beschreibung des Erzählers, es zeigt uns etwas Real-Psychisches, etwas aus dem Kopf, das sich durch einen Fehler in der Wahrnehmung im Realen materialisiert hat.

    Da gibt es den Schotten Graeme, der seinen Bruder umbringen möchte, zu sehr hat dessen Erfolg auf der Bühne und im Leben den Bruder verhöhnt. Nun ist es an der Zeit, den Rivalen zu töten, richtig zu töten, nicht nur auf der Bühne oder wie damals, als die beiden noch Kinder waren und Sterben improvisierten. Plötzlich taucht da Walross auf, ein Mann, der Leute mit der linken Faust so schlägt, dass sie die Engel in einer Dur-Tonart singen hören. Mit rechts landen sie im Grab, an dessen Rand die Trauergemeinde sicherlich ein Stück in Moll hören wird. Deswegen prangen auch die Wörter Major und Minor als Tattoo auf seinen Pranken. Walross schlägt zu, ohne Auftrag und mit rechts. Graemes Wunsch hat sich materialisiert.

    Wurzeln des Poetry Slam

    Florian Werner, Jahrgang 1971, gewann 2001 den ersten Preis des Allegra-Literaturwettbewerbs mit einer Geschichte, die uns nicht nur Werners Wurzeln, den Poetry-Slam, zeigt, sondern auch in unverschämter Weise mit unserer Wahrnehmung spielt. Ab achtzehn, auch im Erzählband zu finden, handelt vom Erfolg auf der Bühne, von der ersten Liebe und dem ersten Sex und von einer alten Frau, die stirbt. Sterben und Lieben werden bei Werner eins, und das ist das Unverschämte an seinen Texten. Er führt uns vor Augen, was wir gern verdrängen, er zeigt uns unsere kleinen Lügen und Fluchten. Er vereint dabei starke Prosa mit dem Rhythmus des Poetry-Slams.

    Wie die Erzählungen seines Kollegen in der literarischen Boygroup Fön, Tilman Rammstedt, der 2003 sein Debüt Erledigungen vor der Feier bei DuMont veröffentlichte, lesen sich die Geschichten aus Wir sprechen uns noch am besten laut. Dann entfalten sie ihre Kraft, ihren Rhythmus und rocken wirklich. Aber nicht alle Geschichten haben diesen Rhythmus. Das ist das Problem mit Erzählbänden. Werner selbst sagt, dass das gedruckte Buch für ihn eine andere Möglichkeit des Ausdrucks bietet als die Bühnenauftritte von Fön, welche Musik und Literatur vereinen und sich ganz klar in einer oralen Tradition bewegen. Doch die Geschichten aus Florian Werners Buch spiegeln eine Entwicklung des Autors wider. Da gibt es Texte mit Rhythmus und Lautmalerei und da sind die ‚richtigen’ Prosastücke, die im Slam vorgetragen das sehr spezielle Publikum zum Eierwerfen animieren würden, gedruckt aber immer noch den Duktus der Bühne in sich tragen. Starke Bilder, kreative Metaphern und eine krasse Wortwahl sind Ausdruck dieser Erfahrung.

    Tiefe des Unaussprechlichen

    Der rote Faden in Werners Buch sind die Geschichten des Erzählers von sich und seiner Freundin Thea. Es sind kleine Episoden aus dem Alltag. Dieser Alltag stellt das Problem der Geisteswissenschaftler und Literaten in der Welt dar. Thea, eine Juristin, und der Erzähler, ein Autor, ecken sehr häufig aneinander, weil ihre Auffassungen von der Welt drastisch divergieren. Da gibt es "allerhand wirres Zeug über das Verhältnis zwischen Kunst und Wirklichkeit" zu erzählen, es geht um Drogen, Feminismus, die Kommerzialisierung des Islam, Liebe und Tod. In ihrer trockenen Ironie schaffen es die beiden inmitten einer desillusionierenden Welt eine Zweisamkeit zu pflegen, die in ihrer Unaufrichtigkeit ihre Aufrichtigkeit findet. Was sie machen würde, wenn er plötzlich tot sei, will er wissen. Wie das wäre, wenn sie ihn selbst tot auffände: "abends nach der Arbeit, ausgerechnet, sie kommt müde nach Hause, freut sich auf einen entspannten Abend zu zweit, aber ich mache mal wieder alles zunichte, hänge verkokelt an einem schadhaften Elektrogerät oder – bei jemandem, der solche Fragen stellt wie ich, müsse man ja auf das Schlimmste gefasst sein – liege mit aufgefeilten Pulsadern in der cremefarbenen Sofagarnitur beziehungsweise baumle vom Ikea-Deckenstrahler". Nach seinem Ableben werde zwischen den beiden garantiert nichts laufen, auch wenn er sicherlich eine schöne Leiche abgebe, meint sie, aber wer am Körper eines Verstorbenen beschimpfenden Unfug verübe, würde bestraft und für solche sittenwidrigen Sauereien sei sie nicht zu haben. Auf die Frage nach ihrer seelischen Lage in einem solchen Fall findet sie keine Antwort, und in genau diesem Unaussprechlichen liegt die Tiefe und Ehrlichkeit ihrer Beziehung.

    Das Motto des Allegra-Literaturwettbewerbs 2001 hieß übrigens ‚Realitätsverlust’. Alle diese Geschichten Werners könnten unter diesem Motto stehen. Aber das wäre nicht exakt genug. Es geht ihm eher um eine Realitätsverschiebung und -erweiterung. Darin steckt nicht nur die Kraft dieser Geschichten, sondern auch die Macht, ihre Charaktere und die Leser ihre eigene Realität neu begreifen zu lassen.

    Heiko Zimmermann.


    Florian Werner: Wir sprechen uns noch.
    dtv 2005.
    TB. 160 S. 14,00 ¤.
    ISBN 3-423-24426-X

    ... bis sie dann gestorben sind.

    Wenn Comics sich klassischen Märchenmotiven widmen, dann tun sie das meist in Form einer eher überzogenen Parodie. Selbst wenn sich dahinter so viel Sophistication verbirgt wie hinter ...

    Musik in Schwarz-Weiß

    Noch ein paar Tipps für die Tage in denen Stimmung und Landschaft sich den Grau-Tönen nähern und die richtige Musik dabei hilft, ruhige Momente zu ...

    Zwischen Karikatur und Avantgarde

    Lyonel Feininger ist eine Ikone der Klassischen Avantgarde. Er hat einen festen Platz im Lieblingsmaler-Pantheon. Doch auch solch ein Weltrangmeister ist nicht vom Himmel gefallen. Die Ausstellung ...

    Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

    Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

    Wer will fleißige Handwerker sehn

    Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

    NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter