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Annette Wassermann (Hg.): Tour de France. Junge französische Literatur

03.04.2005

 
Am Faden der Ariadne

Theseus in Frankreich: über den Plot als Leitfaden im Labyrinth der Welt, eindeutige Wege und die Sehnsucht nach dem Ausgang.

 

Befragt man die deutschen Intelligenzblätter danach, welche literarischen Neuigkeiten es bei unseren französischsprachigen Nachbarn zu entdecken gibt, so herrscht Schweigen im Walde. Sieht man von Houellebecq und diversen Sex-Skandälchen à la Catherine Millet ab, dominieren auch hier die Alten Meister den Diskurs (o Flaubert!). Als Mittel gegen diese Malaise bietet nun der Wagenbach-Verlag die blau-weiß-rote Prosaanthologie Tour de France an, dessen Herausgeberin in ihrer Auswahl viel Neues präsentiert: alle Autoren sind jünger als 40, auf bekannte Namen wurde weitgehend verzichtet und für viele Autoren ist es das erste Mal, dass Texte von ihnen ins Deutsche übertragen wurden.

Der rote Faden

Damit hat sich’s aber auch schon, was das Neue betrifft: die meisten Erzählungen sind nett gemachte Geschichtchen im S-Bahn-Format, die sich artig am Faden der Handlung vorantasten. Der führt oft zur Pointe, wie in der kreuzbraven Erzählung über ein Essen bei McD. der Bestsellerautorin Anna Gavalda. Ein überraschender Satz pro Geschichte ist leider ein bisschen wenig. Netter schon der groteske Fall einer Giraffenleiche im Vorgarten eines frauenverlassenen Bürschchens, die in der Erzählung von Thomas Gunzig von einem polnischen Schwarzarbeiter (o moderner Messias!) mit einer Handkreissäge entsorgt wird. Und besser noch bei Martin Page, wo auch nach dem Wendepunkt das absurde Gespräch eines Mannes mit der Frau, die ihn umbringen soll, die Geschichte weiter trägt.

Schwer erträglich hingegen sind die pathetischen Betroffenheitsgeschichten von Olivier Adam, Arno Bertina und Tanguy Viel oder der Brief an die Eltern von Philippe Besson, in denen die tausend wahren Klischees des Andersseins und der Einsamkeit auch beim tausendersten Mal nicht besser werden. Zeitgeistwellenreiter wie Virginie Despentes (Big Brother, eine Runde weiter) oder Philippe Adam (Schönheitschirurgie) nerven eher, da sie außer aktuellen Themen literarisch nichts besonderes zu bieten haben. Geschickter sind da schon aZel luKas Gender-Rollenspiel oder Bessoras humorvoll (ver-)fremde(-te)r Blick à la Papalagi auf den clash of civilisations im Amt für Angelegenheiten ausländischer Studierender. Für Geschichten über die Liebe, die wie das Wetter nimmer, nimmer aufhört, sind hier Claire Legendre und Sébastien Lapaque zuständig. Und es hilft auch nicht, wenn andere Themen hinzukommen, etwa die Gefühlskälte der modernen Medizin in der Erzählung von Eliette Abécassis oder wenn die Liebe wie bei Arnaud Cathrine mittels Zitaten von Barthes bis Wong Kar-Wai beschworen wird (Auflösung auf Seite ...), die sich leider sanft in den linearen Erzählstrang einfügen.

Angesichts dieses Sich-führen-lassens am Ariadnefaden des Plots oder der massenmedial verbreiteten Meinung erscheinen diese Erzählungen wie die Suche nach einem Ausgang aus dem Labyrinth der Welt. Bloß raus hier, ehe der Minotaurus kommt. Kein Entdeckungsdrang, keine Neugierde darauf, wie das Labyrinth gebaut ist. Lieber am Gängelband des Erzählstrangs sich entlang hangeln. Anstatt auf die eigenen Fähigkeiten zu vertrauen, verlassen sich die Autoren wie Theseus lieber auf die Geschenke der künftigen Braut des Bacchus. Die wusste aber auch ein prächtiges Gewebe zu spinnen und konnte nicht nur Notleinen herstellen.

Regelkonforme Ausnahmen

Nirgendwo trifft die Redensart „Ausnahmen bestätigen die Regel“ besser als bei Tour de France. Denn auch hier lässt sich nicht alles über einen Kamm scheren. So läge ein gewisser Reiz in der bruchstückhaften, von einzelnen Figuren gelösten Erzähltechnik von Valérie Mréjen, wäre sie nicht so mit allzu bekannten Elternfloskeln gespickt, bei denen von Anfang an klar ist, wer hier den Schwarzen Peter hat. Ähnliches gilt auch für die Erzählung „Problemzonengymnastik zur Fastenzeit“ von Lola Lafon, die gekonnt eine Verknüpfung aus Kindheitserinnerungen und Gesellschaftssatire, aus Religion und neuem Biedermeier herstellt. Gelungen ist auch die Kanak Sprak von Y.B., der in „Allah Superstar“ sämtliche Regeln der political correctness klamaukig übertritt. Gut geschrieben (und gut übersetzt), nur immer die gleiche Kalamität: neu ist das alles nicht und widerspenstig nur abseits der Comedy-Einlagen. Auch hier greift immer wieder die Hand nach dem Leitfaden, wenngleich tastend eigene Schritte gewagt werden. Das ist insgesamt zu brav und zu vertraut; kein Textlabyrinth, in dem man sich verlieren könnte.

Carsten Schwedes


Annette Wassermann (Hg.): Tour de France. Junge französische Literatur.
Wagenbach, 2005.
Taschenbuch. 190 Seiten, 9,90 ¤.
ISBN 3-8031-2508-1

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