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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 21. Juli 2017 | 06:28

     

    Siegfried Unseld: Briefe an die Autoren

    24.02.2005

    Außenpolitischer Notenverkehr – Siegfried Unselds Briefe an die Autoren
    Zehntausende Briefe soll der Verleger Siegfried Unseld im Laufe seiner Zeit als Chef des Suhrkamp-Verlags geschrieben haben. 77 davon sind nun in einem Band der „Bibliothek Suhrkamp“ versammelt. Unselds Briefe an die Autoren sind außenpolitische Noten und Sendschreiben des Herrschers im kleinen Königreich des einst dominierenden Frankfurter Verlags.

     

    Im 100. Band der noch von ihm initiierten Reihe der „Bibliothek Suhrkamp“ sammelte sein junger Nachfolger Siegfried Unseld Briefe an die Autoren, die der Gründer und Namensgeber des Frankfurter Verlags, Peter Suhrkamp, geschrieben hatte. Im 1384. (!) Band der „Bibliothek Suhrkamp“hat Cheflektor Rainer Weiss nun Siegfried Unselds Briefe an die Autoren herausgegeben, zwei Jahre nach dem Tod des großen Verlegers. Repräsentativ sollen diese 77 Zeugnisse Unseldscher Autorenbriefe nicht sein. Sie sind Zehntausenden von Briefen entnommen, die der Suhrkamp-Verlagschef im Verlauf von mehr als 50 Jahren geschrieben hat, besser hat schreiben lassen, weil er sie in der Regel diktierte. Ihnen gingen Gespräche mit Mitarbeitern voraus, und auch bevor er die Briefe abschickte, beriet er sich mit seinen Lektoren noch über die Triftigkeit einzelner Formulierungen.

    Für den promovierten Philologen Siegfried Unseld gehörte der Briefverkehr mit „seinen“ Autoren, wie Weiss erinnert, zu den wichtigsten Tugenden eines Verlegers, den er nicht nur als verläßlichen Geschäftspartner der ihm anvertrauten Manuskripte der Autoren ansah, sondern auch als persönlich Verbündeten im Literaturbetrieb und nicht selten als (Duz-)Freund und privat Vertrauten weit über das Literarische und Geschäftliche hinaus.

    Wer wollte das Paternalistische einer solchen verlegerischen Berufsauffassung und-praxis leugnen – und zugleich übersehen, daß sie „ihre Zeit hatte“, also noch vergleichsweise idyllische Umstände im bundesdeutschen Verlags- und Buchhandelswesen an der Tagesordnung waren, aber auch einen außergewöhnlichen Charakter voraussetzte, der über Jahrzehnte hinweg das Vertrauen seiner höchst unterschiedlichen Autoren gewann und behielt, so viele auch im Laufe der langen Zeit noch dazu gekommen sind?

    Es muß eine innerste Befriedigung von Siegfried Unseld gewesen sein, dieses Netz persönlich grundierter literarisch-privater Beziehungen knüpfen zu können, und wenn Rainer Weiss in diesem Zusammenhang von einer „geradezu ethischen Notwendigkeit“ spricht, so meint er, daß der Verleger mit seinen Briefschaften „zugleich das eigene Denken und Tun für Zeitgenossen und Nachgeborene unmißverständlich dokumentiert“ sehen wollte. Denn wer über „Goethe und seine Verleger“ ein umfängliches Buch der Recherche geschrieben hatte, sah sich auch selbst als ein Verleger, der vor der künftigen Literaturgeschichte als verantwortlicher Sachverwalter der Literatur bestehen wollte. Zu Recht: denn „nur Lumpe sind bescheiden“, wie Unselds Lieblingsautor Goethe wußte.

    Im kleinen literarischen Königtum des Unseldschen Suhrkamp-Verlags war der briefliche Kontakt und Dialog mit den Autoren so etwas wie der außenpolitische Notenverkehr. Auch deshalb mußte jedes Wort auf die Goldwaage gelegt und jede Formulierung auf eventuelle unbeabsichtigte Mißverständnisse abgehört werden. So persönlich Siegfried Unselds Briefe je nach dem Verhältnis zu den Adressaten waren, so diplomatisch und sachlich waren sie auch, ob sie nun den Autor als Mitglied der „Suhrkamp-Culture“ begrüßten und den Bund fürs literarische Leben besiegelten, ob der Verleger als Lektor Vorschläge zur Verbesserung des Manuskripts machte, auf Beschwerden der Autoren regieren mußte oder ihnen berichtete, was er alles für sie oder ihr Buch getan hatte. Wo immer man den Band aufschlägt, wird man auf solche diplomatischen Noten stoßen.

    Im „Dienst“ für „treue“ Autoren

    Natürlich hatte Unseld ungemeines Glück, als frisch über Hermann Hesses Anschauung vom Beruf des Dichters Promovierter nicht nur in Hesses Verlag einzutreten, sondern auch schon bald als Nachfolger von Hesses Verleger Peter Suhrkamp ausersehen zu sein. So schlägt sich in seinem ersten hier publizierten Brief an den „hochgeehrten, lieben Hermann Hesse“, den er ja bereits persönlich in Montagnola kennengelernt hatte (was ihm auch künftig wichtig sein würde), der damals noch übliche Tonfall nieder: Unseld wolle seine „Lebensarbeit“ vom „bisher mehr literarisch-philologischen Dienst an Ihrem Werk (...) zum praktisch beruflichen Dienst erweitern“. Im „Dienste“ seiner Autoren sah er sich ja auch später gerne, wenn er bei Premieren dabei war oder sich öffentlich zu ihnen bekannte. Von Adornos Nachruf auf Suhrkamp ist er so erschüttert, daß er ihm versichert, „die Treue, die Sie Suhrkamp gegenüber empfinden, wird auch die Treue des Verlages Ihnen gegenüber sein“.

    Dienst und Treue: natürlich waren diese Begriffe durch schmählichen Gebrauch kontaminiert; aber sie bezeichnen doch Unselds männliches Solidarverhältnis zu „seinen“ Autoren, besonders auch dann, wenn diese sich öffentlich zum wohl auch von ihm erkannten „falschen Fenster“ und dort zu weit „hinausgelehnt“ haben – wie in Unselds später Zeit die Duz-Freunde Peter Handke und Martin Walser. Pflichtbewußt hielt er zu ihnen, sein Zähneknirschen behielt er für sich.

    Ein wenig von seinem Zähneknirschen ist aber in einem Brief an Max Frisch zu spüren, der 1966 auf der Höhe seines Ruhms und auch seiner finanziellen Einträglichkeit war. Deshalb mußte Unseld mit dem Erfolgreichen mit höchster Diplomatie umgehen, weil Frisch wichtige Verlagsanfragen zu lange liegen ließ, andererseits gewissermaßen eine eigene Sekretariatskraft im Verlag verlangte, die sich nur um seine Belange kümmern sollte. Noch heikler waren aber Frischs Klagen über zu spät eingegangene Honorarabrechnungen, für die er einen Versäumniszuschlag in Zinshöhe verlangte. Das zwang Unseld dazu, dem gleich ihm geschäftstüchtigen Schweizer Alemannen Einblicke in den ökonomischen Hintergrund seines Verlags zu geben, der zuerst Dank der Verkaufserfolge von Hesse und Shaw, später Dank Brechts und nun aufgrund von Frischs öffentlicher Resonanz gut dastehe. Das erlaube dem Verleger, „großzügig gegenüber Autoren zu verfahren“, denen Unseld Darlehen und Vorschüsse geben könne, die „teilweise nicht mehr hereinkommen“. Es sei zwar von keinem Autor zu erwarten, daß er „Verständnis oder gar Dankbarkeit dafür hat, daß der Verlag durch den Erfolg eines Autors seine Arbeit so leisten“ könne. „Aber es muß doch für Sie“, fährt Unseld fort, „ein sehr angenehmes Gefühl sein, zu hören, daß eben dadurch es dem Verlag möglich ist, seine Arbeit so zu leisten. Auch hieraus resultiert ein Bewußtsein, dazuzugehören und resultiert in jedem Falle die Treue, die der Verlag Ihnen für die Dauer schuldet“. Listig, nachdem er Frisch zum ideellen Halbmäzen für bedürftige Kollegen zwischen den Zeilen gemacht hat, schließt er die heikle Sache mit: „Ich bin sehr neugierig, was Sie mir zu diesen Überlegungen schreiben.“ Es kann wohl doch nur Zustimmung gewesen sein.

    In einem anderen Brief an den späten Neuzugang Louis Begley rechnet er dem amerikanischen Rechtsanwalt und Suhrkamp-Erfolgsautor vor, was der Verlag alles unternommen hat, nachdem Begleys autobiographischer Roman Lügen in Zeiten des Krieges sich auf dem Weg zum Bestseller befand. Es erstaunt einen dann doch, daß der sparsame Unseld 180.000 DM (!) für eine PR des Romans in „buch aktuell“ aufgebracht hat. Ob sich das ausgerechnet da „gerechnet“ hat?

    Schlitzohrige Nasen-Reibereien

    Wie vorsichtig Unseld mit einem Autor umgeht, dem einerseits der Lektor, andererseits der Verleger stilistische oder Korrekturvorschläge des Titels machen, zeigt ein später Brief an Norbert Gstrein, dem aber immer zugleich versichert wird, er müsse sie alle nicht berücksichtigen, weil ja der Autor immer das letzte Wort habe – und der unnachsichtige Gstrein nahm es sich und wies alle Korrekturen zurück. Als Ralf Rothmann sich einmal wegen Unregelmäßigkeiten des Druckes für den Umschlag eines seiner Bücher beim Verleger beschwerte, kann Unseld zwar Rothmanns „Empfindlichkeit verstehen, aber nicht teilen“, erklärt ihm aber die Gründe für die sogenannte „Fliegenschisse“ bei der Herstellung und verspricht für die 2. Auflage „Besserung“. Ein PS ist ihm aber der Widerspruch gegen Rothmanns groteske Vermutung wert, man habe ihm „handverlesene Belegexemplare“ geschickt, damit er die Unregelmäßigkeiten nicht bemerke, was natürlich ebenso unsinnig war wie die unfreundliche Unterstellung. Dafür wird der Autor sanft vom Verleger mit einem PPS abgestraft: „Es wird Sie interessieren“, schreibt Unseld schlitzohrig und zitiert aus einem gleichzeitig eingegangenen Brief von Hermann Lenz, in dem er Lenz’ lobende Dankesworte über die „vorbildliche“ Buchgestaltung und -herstellung so ganz nebenbei Rothmann unter die Nase reibt.

    Amüsant und ganz und gar aus der Reihe der übrigen ernsthaften Sendschreiben des Verlegers ist ein Bericht an Cees Noteboom von Unselds „adventures in Chicago“, wo er auf eine offenbar höchst attraktive Verehrerin des Niederländers gleich mehrfach trifft, die ihn nach dem befreundeten Schriftsteller ausfragt. Aber als „Siegfried“ am Ende einer Veranstaltung vorschlägt, noch einen Drink zusammen zu nehmen, um ihr von Cees Noteboom zu erzählen, „trat ein Mann, der uns schon die ganze Zeit beobachtet hatte und um sie herum gegangen war, zu uns, ich hörte nur, wie Sie sagte: >Siegfried, this would be nice, but ...!<“ – und Siegfried Unseld, der nach Ernst Blochs Wort, das er sich zum Lebensmotto gemacht hatte, „ins Gelingen verliebt“ gewesen ist, blieb für dieses eine Mal glücklos. Man darf sich aber sonst Siegfried Unseld als einen glücklichen Menschen und Verleger vorstellen.

    Wolfram Schütte


    Siegfried Unseld: Briefe an die Autoren.
    Herausgegeben von Rainer Weiss.
    Bibliothek Suhrkamp Nr. 1384. Suhrkamp Verlag 2004.
    Gebunden. 169 Seiten. 12,80 Euro.
    ISBN:3-518-22384-4

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