• losttorrent
  • richtorrent
  • pushtorrent
  • Titel-Magazin
    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 26. Juli 2017 | 14:45

     

    Wilhelm Genazino: Der gedehnte Blick

    06.12.2004

     
    Bunter Gedankenstrauß

    Wilhelm Genazinos Band „Der gedehnte Blick“ findet der Leser sowohl etwas peinliche, als auch leise und gelungene Textpassagen.


     

    Es war schon eine kleine Überraschung, als die Darmstädter Akademie im Mai bekannt gab, dass Wilhelm Genazino in diesem Jahr den Georg-Büchner-Preis erhält. Nun scheint es so, als wolle der Carl Hanser Verlag, der dem Autor seit vielen Jahren die Treue hält, an der bedeutendsten literarischen Auszeichnung des deutschsprachigen Raums kommerziell partizipieren. Ein Band mit 18 Essays und Aufsätzen wurde – stärker marktwirtschaftlichen Strategien als künstlerischen Motiven folgend – schnell auf den Markt gebracht.

    Zu schnell, wie man gleich zu Beginn des Bandes erfahren muss. Weder für das Lektorat des renommierten Münchener Verlagshauses noch für den mit frischem Lorbeer bekränzten Autor ist es ein Ruhmesblatt, wenn man liest: „Das war in den siebziger Jahren, als Willy Brandt Regierender Bürgermeister West-Berlins war.“ Tatsächlich ging schon 1974 Brandts Kanzlerzeit nach der Guillaume-Affäre zu Ende, zuvor war er Außenminister und seine Berliner Regentschaft dauerte vom 3.10.1957 bis zum 1.12.1966.

    Doch es stört nicht nur dieser (unverzeihliche) Ausrutscher. Wenn Wilhelm Genazino zu aktuellen Themen (Rechtsradikalismus, Literaturbetrieb) Stellung bezieht, dann geschieht dies häufig auf einer moralischen Ebene, die haarscharf an der Peinlichkeit vorbei schrammt.
    Dass Kritiker vom Schreiben keine Ahnung haben, war schon häufiger zu vernehmen. Wenn Genazino zum Thema Rechtsradikalismus allerdings ein hundertfach in Talkshows abgesondertes Statement paraphrasiert („Ich habe nicht den Eindruck, daß unsere Politiker den Rechtsradikalismus adäquat einschätzen.“), klingt dies schon wenig originär. Einige Seiten später degradiert sich der Büchner-Preisträger sogar selbst noch zum Parolenschmied: „Diese Notbremse, Herr Schily und Frau Däubler-Gmelin, müssen Sie ziehen.“ Sind das Dichterworte oder Platitüden?

    Diese zu Anfang des Bandes platzierten Texte trüben den Gesamteindruck nicht unerheblich. Es gibt aber auch äußerst gelungene Passagen, in denen der leise, wohl bedachte Tonfall aus Genazinos Romanen wieder zu erkennen ist. Im Text „Der gedehnte Blick“ beschreibt der 61-jährige Autor seine Gedanken über ein auf einem Flohmarkt gekauftes altes Foto, das auch den Umschlag des Bandes ziert. Hier ist Genazino ganz bei sich, als minutiöser Beobachter, der die eingefangene Momentaufnahme der beiden leicht melancholischen Kinder subtil analysiert.
    Außerdem setzt sich der in Frankfurt lebende Autor in diesem Band mit vielen Größen der Literaturgeschichte auseinander. Man erfährt, dass ihm Robert Musil augenscheinlich näher ist als Thomas Mann, dass Subjektivität ein entscheidender Faktor für gute Literatur sei und „Werkphantasie eine Größenphantasie“ sein müsse. Wiederholt bricht er zudem eine Lanze für unterschätzte Dichter wie Marie-Luise Fleißer, Undine Gruenter und Friederike Mayröcker – hoch gelobte und anspruchsvolle, aber wenig gelesene Autorinnen. Ein Schicksal, dass der „literarische Großstadtflaneur“ Genazino viele Jahre lang am eigenen Leib erfahren hat.
    Dass er nun im Oktober den Georg-Büchner-Preis erhalten hat, ist eine wohl verdiente Auszeichnung. Der vorliegende bunte, leicht angewelkte Gedankenstrauß dieses Bandes hingegen ist alles andere als preiswürdig. Als künstlerisches Korrektiv empfiehlt sich, schnell noch einmal zu Genazinos vorzüglichen, im letzten Jahr erschienenen Roman „Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman“ zu greifen.

    Peter Mohr

    Hier Buch bestellen
    problemlos über unseren eigenen Bücherservice


    Wilhelm Genazino: Der gedehnte Blick.
    Carl Hanser Verlag, München 2004,
    Geb. 190 Seiten, 17,90 Euro (SFR 32,50)

    ... bis sie dann gestorben sind.

    Wenn Comics sich klassischen Märchenmotiven widmen, dann tun sie das meist in Form einer eher überzogenen Parodie. Selbst wenn sich dahinter so viel Sophistication verbirgt wie hinter ...

    Musik in Schwarz-Weiß

    Noch ein paar Tipps für die Tage in denen Stimmung und Landschaft sich den Grau-Tönen nähern und die richtige Musik dabei hilft, ruhige Momente zu ...

    Zwischen Karikatur und Avantgarde

    Lyonel Feininger ist eine Ikone der Klassischen Avantgarde. Er hat einen festen Platz im Lieblingsmaler-Pantheon. Doch auch solch ein Weltrangmeister ist nicht vom Himmel gefallen. Die Ausstellung ...

    Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

    Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

    Wer will fleißige Handwerker sehn

    Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

    NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter