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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 30. April 2017 | 06:58

     

    Primo Levi: Anderer Leute Berufe

    01.11.2004

     
    Entdeckungen mit einem Pfadfinder

    Chemiker, Auschwitzhäftling, Schriftsteller: der Italiener Primo Levi war einer der außergewöhnlichsten Autoren Italiens. Im Hanser Verlag sind nun erstmals auf deutsch Glossen und Miniaturen erschienen, in denen er sich in Anderer Leute Berufe mit Lust und Interesse bewegt.

     

    Die Qualität eines Verlags zeigt sich auch daran, wie er mit seinen verstorbenen ausländischen Autoren umgeht. Das heißt, ob er die ausländischen Autoren mit ihren bereits bekannten, also übersetzten Werken nicht nur weiterhin pflegt, also in Neuauflagen präsent hält, sondern ob er auch noch nach dem Tode der Autoren daran geht, sich in deren unübersetztem ¼uvre zurückzubuchstabieren. Letzteres heißt nichts anderes, als auf Leser zu setzen, deren literarische Neugier und (Er-)Kenntnisinteresse nicht mit dem Tod eines ausländischen Autors erlischt.
    Der Hanser Verlag gehört zu diesen „altklassischen“ Verlagen. So hat er die Vervollständigung der ¼uvres von Italo Calvino (1923–1985) und Primo Levi (1919–1987) bruchlos über deren Tod hinaus fortgesetzt. Von Calvino erschienen in diesem Frühjahr die Erzählungen Der General in seiner Bibliothek (TITEL-Besprechung siehe hier) und von Primo Levi jetzt Anderer Leute Berufe. Das ist eine Auswahl jener Glossen und Miniaturen, die der Torineser Autor meist in der einheimischen Tageszeitung „La Stampa“ publiziert und 1995, zwei Jahre vor seinem Selbstmord, unter diesem Titel gesammelt hat.

    Wahrscheinlich wäre Primo Levi ohne Auschwitz nie zum Schreiben gekommen. Dorthin wurde er Anfang 1944 deportiert, nicht weil er Jude war (erst die Deutschen haben den Italiener dazu „gemacht“), sondern weil er einer Widerstandsgruppe angehört hatte. Auschwitz überlebte er aber, weil er als Chemiker in der Buna-Dependence von Auschwitz arbeitete und im Krankenbau lag, als die Häftlinge von der SS auf ihren Todesmarsch vor der anrückenden Roten Armee geschickt wurden, und man im fluchtartigen Aufbruch vergessen hatte, ihn zu ermorden. Nach einer langwierigen Eisenbahn-Odyssee der überlebenden KZ-Häftlinge (quer durch die Sowjetunion und Osteuropa), die in Norditalien endete, arbeitete er wieder als Chemiker.

    Erfahrungen in Auschwitz

    In einem kleinen italienischen Verlag erschien 1947 sein Auschwitz-Bericht Ist das ein Mensch?, aber erst als das durch seine Nüchternheit bewegende Buch 1956 von dem großen Verlagshaus „Einaudi“ wiederaufgelegt wurde, gab es weltweite Anerkennung und Ruhm für einen Menschen, der nach „grundlegenden Erfahrungen“, die er in Auschwitz gemacht hatte, „als rechtmäßiger und in die Pflicht genommener Zeuge“ von diesem „Bestandteil der Weltgeschichte“ berichten mußte. Nicht zuletzt war das der „Gerettete“ den „Untergegangenen“ schuldig, wie es im Titel seines letzten Buches zum Lebensthema Auschwitz heißt, worin er die philosophisch-politisch bittere Bilanz eines Überlebenden zog.

    Der öffentliche Erfolg, der den bescheidenen Chemiker spät erreichte, machte ihn zum „Literaten“, obwohl er bis zu seiner Pensionierung seinen Beruf ausübte und erst danach sich als Schriftsteller fühlte, wenngleich er in einer der hier versammelten Betrachtungen behauptet: „Schreiben ist eigentlich kein Beruf oder sollte es meiner Ansicht nach jedenfalls nicht sein; Schreiben ist eine kreative Tätigkeit, die sich schlecht mit geregelter Arbeitszeit und Terminen, mit Verpflichtungen gegenüber Kunden oder Vorgesetzten verträgt. Dennoch ist Schreiben ein >Produzieren<, genauer gesagt ein Verarbeiten: wer schreibt, verarbeitet die eigenen Erfahrungen und bringt sie in eine Form, die dem >Kunden<, das heißt dem Leser, angenehm und zugänglich sein soll.“ Die Lebenserfahrung im weitesten Sinne sei der „Rohstoff“ des literarisch Schreibenden, jedoch: „Der Schriftsteller, der keine hat, arbeitet im Leerlauf, er glaubt zu schreiben, aber seinen Seiten bleiben leer.“

    Der Leser als Kunde

    In dieser Selbstdefinition hat man den ganzen Primo Levi: dem erlernten, sich angeeigneten Beruf (als Chemiker, als Naturwissenschaftler) ist der Angestelltenstatus derart eingeschrieben, daß für Levi die Schriftstellerei nur dann in die Nähe eines Berufs kommt, wenn der Autor seinen „Kunden“, den Leser, so wenig vergißt, wie es der angestellte Chemiker tat. Der Schriftstellerberuf verpflichtet den Autor, für seine kreative Selbstbeschäftigung eine Form zu suchen, die dem Leser zugänglich sein soll.

    Deshalb haßt er – und es ist das einzige Mal in diesen Aufsätzen, daß er scharf, bitter, ja sogar böse wird – „dunkles Schreiben“, womit er eine Literatur meint, die sich dieser kommunikativen Grundbedingung entzieht. Wo der Dialog zwischen Autor und Leser vom Werk verweigert wird, kann Primo Levi entweder nur eine „Verachtung des Lesers“ erkennen, wie im Falle Ezra Pounds, bei dem er mutmaßt, daß seine „poetische Dunkelheit dieselben Wurzeln hat wie sein Übermenschentum, das ihn erst in den Faschismus und dann in die selbstgewählte Isolation getrieben hat“; oder aber er sieht – wie bei Trakl und Celan – einen „Selbstmord bei Lebzeiten, ein Nicht-Sein-Wollen, eine Flucht vor der Welt, die dann im Freitod gipfelte“.
    Primo Levi ist bereit, im Werk beider Lyriker das „Spiegelbild der Dunkelheit“ ihres „Schicksals“ zu sehen und das auch trauernd zu respektieren. Aber „gespannt steht man davor wie vor einem Abgrund, gleichzeitig fühlt man sich aber um etwas betrogen, was hätte gesagt werden müssen, aber nicht gesagt worden ist, und dadurch frustriert uns diese Dichtung“. Es sei ein „typischer Fehler unseres Jahrhunderts der Unsicherheit“ anzunehmen und vor allem zu loben, „daß sich nur durch die Dunkelheit der Rede jene andere Dunkelheit ausdrücken ließe, aus der wir hervorgegangen sind“.

    Gegen das Dunkle: weder Pound noch Celan

    Das ist pragmatisch, arbeitsethisch, aufklärerisch und antiromantisch. Hier spricht der Rationalist, der am eigenen Leibe erfahren hat, welche politischen, sozialen und kulturellen Verheerungen die Feier des Irrationalen, Dunklen, A-humanen im 20. Jahrhundert hinterlassen hat. In einem anderen Essay singt er ein Loblied auf den Chemikerberuf und die gemeinsame Arbeit im Labor, das man am Abend mit dem Gefühl verlassen habe: „Ich habe gelernt, wie man etwas macht.“ Das sei mehr, fügt Levi hinzu, als bloß das Allgemeine: „Ich habe etwas gelernt.“
    Tätig sein, zu Erkenntnissen kommen, sich an den Naturgesetzen, indem man ihrer gewahr wird, abzuarbeiten: Das war ihm (wie übrigens auch Goethe) „höchstes Glück der Erdenkinder“. So läßt er seine Leser luzide daran teilnehmen, was es heißt, „einen Roman zu schreiben“, wo z. B. dessen Freiheiten beginnen und wo sie aufhören. Nahe sieht er den Schriftsteller auch dem Schachspieler, deren beiderseitige „Reizbarkeit“ im Akt der totalen Entblößung (weil rückhaltlosen Entäußerung ihres Inneren) zu suchen sei. Zwei Aufsätze beschäftigen sich mit der jüdischen Welt, die er erst als Älterer wirklich wahrnimmt, wenn er aus den verzwickten Haarspaltereien, die er einem Buch aus dem 16. Jahrhundert entnimmt, das Lachen über die Spitzfindigkeiten heraushört, oder wenn er aufgrund eines Kongresses in Turin über die Rolle von Bildung, Wissen und Intelligenz im Ostjudentum und den Reichtum von dessen Jiddisch nachdenkt.

    Die reinen Vergnügen des Dilettanten

    Aber die meisten Aufsätze und Essays, die Primo Levi zum Entzücken seiner italienischen Zeitgenossen und nun für uns geschrieben hat, verdanken sich weniger der Selbstreflexion des Schriftstellers (der sich als Bewunderer Rabelais´ und als höchst kundiger Kritiker gewisser manieristischer Szenen von Manzonis I promessi sposi ausweist), sondern dem „reinen, ungetrübten Vergnügen des Dilettanten“, der sich aus Neugier und Interesse in „anderer Leute Berufsfeldern“ umtut. Es sind höchst amüsante und kenntnisreiche Streifzüge durch Physik und Biologie, auf deren mäandrierenden Wegen uns Levi an seinen Funden und seinem Staunen, seinem Erkenntnisvergnügen und an seinen Entdeckerfreuden teilnehmen läßt. Ob es sich dabei um Schmetterlinge oder den „Gesang der Vögel“, den „Flohsprung“ oder die „Angst vor Spinnen“ handelt: immer ist es eine „fröhliche Wissenschaft“, die sowohl die Gesetze der Natur und die Findigkeiten der Evolution im Größten wie im Kleinsten ins Auge faßt, als auch Phantasie, Vorstellungskraft und intellektuelle Spekulation der Menschen – z. B. der Kinder, die Tiere erfinden sollen – bewundernd betrachtet. Unausgesprochen geht es dem Naturwissenschaftler als Schriftsteller um die Poesie des Faktischen, sei es beim Blick in ein Buch „kurioser Daten“, das durch Paradoxien zu „schlagartigen Erhellungen“ führt, sei es daß z. B. das Wort „Silhouette“ ein Feuerwerk semantischer und kulturhistorischer Überlegungen auslöst. Ebenso bedenkenswert sind aber auch die Erfahrungsberichte des Älteren, der eine Sprache lernt und dabei, wie beim ersten Umgang mit dem Computer, mit Jüngeren in Konkurrenz tritt, oder seine Betrachtungen über seine Wohnung als zentraler Ort seines Lebens, seiner Familie, seines Schreibens.

    Und heute – keine Nachfolger?

    Man fragt sich, warum ein so reich und vielfältig gedeckter Gabentisch von intellektuellen Gemüts- und Gedankenergötzungen eines gebildeten und mitteilsamen Lesers und Nachdenkers kaum noch heute von einem der unseren Autoren zu erwarten ist. Liegt es daran, daß sie nicht mehr zu der „mit Strenge erzogenen Generation von Humanisten gehören, die den Anspruch erhoben, die Welt um sich herum zu verstehen“, wie Primo Levi von einem jungen Mann attestiert wurde? Oder hat das Genre des literarischen, subjektiv vermittelten Essays über allgemein interessante Gegenstände unseres Lebens keinen Platz mehr im Tageszeitungsjournalismus? Diese menschen- und gedankenfreundlichen Arbeiten eines neugierigen „Dilettanten“ in „anderer Leute“ Wissensgebieten haben jedoch nichts von ihrem ursprünglichen Reiz und ihrer anregenden Geistesfrische verloren – und machen uns durch ihre Anwesenheit darauf aufmerksam, daß es eine aktuelle Fortsetzung nicht mehr gibt.

    Wolfram Schütte


    Primo Levi: Anderer Leute Berufe. Glossen und Miniaturen.
    Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner.
    Edition Akzente. Carl Hanser Verlag 2004.
    188 Seiten. Engl. Broschur. 17,90 Euro.

    ... bis sie dann gestorben sind.

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