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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 29. Mai 2017 | 22:55

     

    Patrick Roth: Starlite Terrace

    18.10.2004


    Wann kommt die Flut?

    In „Starlite Terrace“ erzählt der Wahlkalifornier Patrick Roth in kunstvoll miteinander verwobenen Kurzgeschichten von wundersamen Begebenheiten im Leben alternder Herren. Immer wieder spielt dabei die Sintflut als schuldreinigendes Element eine Hauptrolle.

     

    Hollywood. Die Traumfabrik. Produzentin von großen und kleinen Mythen und dabei gleichzeitig selbst ein Mythos. Kaum ein anderer Ort hat in unserer westlichen Welt mehr Einfluß auf unsere Träume, Wünsche, Vorstellungen.
    In einem Vorort L.A.s, Sherman Oaks, unweit dieses traumverhafteten Erdfleckens steht die Starlite Terrace, das titelgebende Apartmentgebäude des neuen Buches von Patrick Roth, in dem alle Figuren wohnen, einander begegnen, sich ihre Lebensgeschichten erzählen. Immer sind es dabei einschlägige Erlebnisse, eine belastende Situation oder eine Schuld, die zur Sprache kommen und über die die Figuren nicht hinweggekommen sind.

    Da gibt es Rex, scherzhaft „Rex Iudaeorum“ genannt, der nie über den Verlust seines Vaters hinwegkam, der einfach abhaute als Rex sechs Jahre alt war und den er nie wieder gesehen hat. Moss McLoud kann nicht verwinden, dass ihn seine Frau einst verließ, die geliebte Tochter mitnahm und durch eine infame Lüge verhinderte, dass er sie jemals wiedersah. Dann gibt es Gary, der einen großen Teil seines Lebens im Drogenrausch verbracht hat und nun ein geläuterter, christlicher Fundamentalist ist, aber immer noch einer Liebe hinterher trauert, die er beim letzten Zusammentreffen auch noch vergewaltigt hat. Bei June, der Verwalterin der Wohnanlage, ist es der Großvater, der von der Familie gemieden wurde, weil er die Großmutter kurz nach Ankunft der Familie im gelobten Land Amerika verließ.

    Bezeichnenderweise haben (fast) alle dieser Personen irgendwie mit Hollywood zu tun. Rex konstruiert sich seinen Bezug zur Traumfabrik dadurch, dass er behauptet, sein Vater sei einst „Handdouble“ für Gary Cooper gewesen. Zudem ist er ein Filmverrückter, der nach dem Kino benannt ist, in dem sich seine Eltern kennen lernten. Moss McLoud hat zwar nicht direkt mit Hollywood zu tun –außer dass seine Ex-Frau später als Drehbuchautorin Erfolge feiern konnte - war aber in einer verwandten Branche tätig: zunächst als Schauspieler, dann als Casting-Agent am Broadway, Amerikas Mythenmaschine Nummer 2. Ara, eine wichtige Nebenfigur der dritten Geschichte, ist ein armenischer Filmemacher und Gary ist zunächst Schlagzeuger, dann Nebendarsteller und Statist in einigen Fernsehproduktionen. Und schließlich June, die jahrelang als Sekretärin bei der großen Filmfirma Fox gearbeitet hat und viel über die oft tragische Entstehungsgeschichte bewegter Bilder zu berichten weiß. Und selbst der namen- und geschichtslose Ich-Erzähler, dem all diese Lebensbeichten zugetragen werden, hat mit dem Film zu tun: er ist Kritiker. Von daher ist es auch nur natürlich, dass alle Geschichten durchdrungen sind von Star-Legenden, ihren Leben und ihren Filmen, die auch dazu beitragen, dass sich in den Geschichten immer wieder Traum, Wunsch und Wirklichkeit verquicken.

    Break o­n through to the other side

    Doch dies wäre kein Erzählband von Patrick Roth, wenn nicht auch die Bibel wieder zu ihrem Recht käme. Neben Christus, der als Erlösergestalt im Hintergrund die Sehnsüchte der Hauptfiguren bestimmt, strömt dieses Mal die Sintflut durch alle hier vereinigten Lebensgeschichten. Dabei geht er mit dem biblischen Mythenmaterial sehr frei um. Noah, die Hauptfigur der biblischen Geschichte, spielt fast gar keine Rolle. Er ist zum einen Namenspate für das Restaurant, das der hauptsächliche Gesprächsort für die Figuren ist. Zum anderen wird eine Variation des Mythos gegeben in Form des ersten Filmerlebnisses, welches Ara erzählt. Doch vielmehr geht es um die Symbolkraft der Geschichte. In dieser Eigenschaft steht sie in den Erzählungen für die Reinigung, eine überirdische Katharsis, die ins alltägliche Leben einbricht. Dadurch, dass der Erzähler die Erinnerungen in den verschiedenen Figuren quasi heraufbeschwört, reinigen diese sich von einer Last und feiern am Ende jeder Geschichte eine mystisch-symbolische Wiedervereinigung mit den verlorenen Teilen ihrer Vergangenheit.
    Der Ich-Erzähler fungiert dabei als eine Art Schamane, als spirituelles Medium, in dem sich die irdische, die filmische und die mythische Ebene vermischen. Immer ist es ein Traum von ihm, der die Reinigung und Wiedervereinigung einleitet und in dem sich ein Film, die stellvertretend für das Kosmisch-Göttliche stehenden Elementargewalten und Splitter der erzählten „Realität“ vermischen. Am Ende jeder Erzählung steht dann jedes Mal die Wiedervereinigung der Familie in einem traumhaften, ekstatischen Moment.

    Am wundervollsten und dezentesten ist dieser in meiner persönlichen Lieblingsgeschichte des Buches mit dem Titel „Sonnenfinsternis“ gestaltet. Es ist die Geschichte von Moss McLoud, der vom Verlust seiner Tochter erzählt, die ihm durch seine Ex-Frau entfremdet worden ist durch den Vorwurf, er habe sie sexuell missbraucht. Er berichtet davon, wie er einmal fast einen Mafia-Killer auf seine Ex-Frau angesetzt hätte, nur um wieder die Möglichkeit zu erhalten, seine geliebte Tochter bei sich zu haben. Daraufhin folgt ein Traum - basierend auf einem Humphrey Bogart Film -, in dem dieser bei stürmischem Wetter ein Boot zurück ans Land holt. McLoud beendet seinen Lebensbericht dann mit der Episode, wie er seine Frau kennen lernte und wie Amy in den Stunden des drohenden dritten Weltkrieges aufgrund der Kubakrise gezeugt wurde. In diesem Moment hält er entrückt inne und der Ich-Erzähler spürt, dass jetzt, in diesem Moment des Erinnerns, seine Ex-Frau und seine Tochter wieder bei ihm sind, bildlich neben ihm stehen.

    Riders o­n the storm

    Zu jedem Schamanen gehört auch ein Initiationserlebnis, durch das er zum spirituellen Mittler wird. Im Rahmen dieses Erlebnisses oder Rituals wandert die Seele eines verblichenen Schamanen in den Körper eines anderen über. Leuten, die sich intensiver mit den „Doors“ auseinandergesetzt haben, die Lyrik Morissons kennen oder auch den entsprechenden Film Oliver Stones gesehen haben, dürften diese Vorstellung kennen. (Ein Zitat der „Doors“ dient übrigens als Überschrift der dritten Erzählung von „Starlite Terrace“: „Reiter auf dem Sturm" heißt sie.)
    Ein solches Erlebnis erzählt Roth In der ersten Geschichte „Der Mann an Noahs Fenster“, in der die Seele von Rex Iudaeorum auf den Erzähler übergeht. Und auch so ist der Erlöser- und Erlösungsgedanke in jeder Geschichte vorhanden.

    Die Geschichten in Patrick Roths „Starlite Terrace“ sind erzählerische Kleinode, in denen sich irdische, ästhetische und kosmische Dimensionen des Menschen auf gekonnte Weise verschränken. Allein wie schwer ich mich tat, dieses Buch zu beschreiben und wie leicht in den kurzen Erzählungen die verschiedenen Ebenen ineinander fließen, sind ein Beleg für die große Könnerschaft des Autors.
    An diesem Gelingen hat die Wahl Hollywoods als Handlungsort großen Anteil. Denn gerade durch die Filme aus der Traumfabrik scheint dem neuzeitlichen Menschen das Wunderbare möglich, ein „happy end“ für das Leben, das so oft versagt ist. Dazu gehören auch die Mythen um seine Schauspieler, die seit über hundert Jahren nicht nur Teenager aus mehr oder minder schweren Krisen zu retten oder wenigstens Leid zu lindern vermochten (um hier mal jegliche Medienkritik und Selbsttäuschungsbezichtigungen beiseite zu lassen).

    Ein weiterer raffinierter Kniff Roths ist es, dass sich die mystisch wundersamen Verwandlungen nicht zeitfern vollziehen, sondern im Hier und Jetzt durch die Nennung politischer und sonstiger Ereignisse verortet sind.
    „Starlite Terrace“ erzählt von der Hoffnung im alltäglichen irdischen Leben, trotz aller Verwirrungen und Verstrickungen Versöhnung und Frieden zu finden, mit sich eins zu werden, ohne dabei in religiöse Blasiertheit oder esoterischen Kitsch zu verfallen.

    Ivo Wieczorek


    Patrick Roth: Starlite Terrace.
    Suhrkamp Verlag 2004.
    Gebunden, 167 Seiten, 16,80 ¤.
    ISBN: 3-518-41662-6

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