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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 29. Mai 2017 | 22:48

     

    Johannes Jansen: Halbschlaf

    11.10.2004


    Träumerische Meditationen

    Johannes Jansen sammelt im Zustand des Dämmerns Gedanken und Bilder, die vor allem um die eigene Befindlichkeit kreisen, vage aufschimmernde Impressionen bei Sonnenaufgang, mit halbgeöffneten Augen gesehen.

     


    Die Comicästhetik aufgreifende Textbilder mit expressivem Duktus: diese Form charakterisierte bislang viele Veröffentlichungen von Johannes Jansen. In seinem neuen Band Halbschlaf beschränkt er sich ganz auf die Textarbeit und überlässt die bildnerische Gestaltung Simon Wachsmuth. Dessen die bekannte Metapher für Tafelbilder evozierende Arbeiten, im Sujet melancholisch wie das themengleiche Gedicht aus Verlaines Romances sans paroles, unterlaufen in ihrem Minimalismus diese Melancholie aber sofort wieder.

    Beobachter auf der Schwelle

    Dieses Setzen und wieder Aufheben von Positionen lässt sich auch in einigen Texten von Johannes Jansen beobachten: "Alles ist möglich. Nichts ist möglich." Jansens Standpunkt ist häufig der des Beobachters auf der Schwelle, der aus einer gewissen Distanz heraus den Ereignissen ihre Ambiguität lässt. Manchmal lässt er kurz ein charakteristisches Bild aufscheinen, meist aber entwirft er abstrakte, lebensphilosophische Gedanken. Alles ist ihm Fragment, die Teile fügen sich nicht zu einem Ganzen, die Eingebung hilft weiter als die Berechnung und allgemeine Regeln lassen sich prinzipiell nicht aufstellen: diese Maximen, fast schon literarischer Common Sense und bei zahlreichen Autoren anzutreffen, tauchen in Jansens aufgrund ihrer Kürze und ihrer Zentrierung auf einen Gedanken durchaus als Aphorismen zu bezeichnenden Texten wiederholt auf.

    Es gibt zwei Arten von Aphorismen. Die einen zeichnen sich dadurch aus, dass sie Erkenntnisse prägnant auf den Punkt bringen. Andere wiederum – und zu dieser Gruppe sind die besseren Texte von Johannes Jansen zu rechnen – sind vielschichtig und offen gehalten, so dass sie eher weitere Fragen aufwerfen und beim Lesen hier und da etwas wie verschleiert erahnbar wird. "Gedankengebilde, die das Festgeschriebene offenlassen für jene, die damit Umgang haben": so lautet Jansens Beschreibung seiner Texte. Die Offenheit liegt aber selten auf der Seite der Texte, in denen schon eine deutlich erkennbare Position umrissen wird. Vielmehr scheint sie eine Lebens- und Schreibhaltung zu bezeichnen, für die das Bild des Halbschlafs steht: nicht mit voller Klarheit durchdachte Reflexionen, sondern aus dem Nebel des Halbschlafs aufdämmernde Erkenntnisse peilt Jansen mit seinen Texten an.

    Aufdämmernde Erkenntnisse

    In diesem Gedankennebel scheinen durchaus bekannte Züge auf: "Alles noch einmal gesagt. Niemals Zitat, immer nur wiederholte Erfahrung, tatsächlich, variiert und geäußert mit entliehenem Wortschatz ..." Eine ewige Wiederkehr des Gleichen, die nur dadurch authentisch wird, dass man sie selbst erlebt. Das Problem der Authentizität und der eigenen Prägung durch die Sprache anderer versucht Jansen mit dem Appell an den Glauben der Leser zu entschärfen, dass seine Texte tatsächliche Erfahrungen wiedergeben. Ein Hoffen auf Verständnis für die eigene Lebensweise tritt an die Stelle argumentativen Überzeugens oder neuer Ausdrucksformen.
    Überhaupt, die Hoffnung: sie ist das Band, das diese Sammlung kurzer Texte zusammenhält. Zwischen "Es muss alles gut werden" und "Freundschaft, die Verständnis erzeugt. Dies durfte ich erfahren" werden zwar auch manche Störungen der Harmonie erwähnt, jedoch durchzieht ein in gleichbleibendem sprachlichem Feinklang vorgetragener hoffnungsvoller Pessimismus das gesamte Buch. Es gebe keine Sprache, um die Hoffnung herbeizuzitieren, heißt es in einem Abschnitt. Auch Jansens Texte vermögen diesen Mangel nicht zu beseitigen: weder wirkt die Sprache zerrissen in den Abschnitten, in denen das Fragmentarische im Mittelpunkt steht, noch gelingt es ihm in den hoffnungsvollen Passagen immer, Sentimentalitäten zu vermeiden.

    Bezeichnend ist ein kurzer Text, in dem der Sprecher angesichts des romantischen Klischees schlechthin bereitwillig seine eigene Überflüssigkeit bekennt. Auch der spätere Verweis darauf, dass gelebte Klischees keine seien, bewahrt das entworfene Bild nicht davor, sentimental zu wirken. Neben diesem Rückzug nach innen sind die Grundzüge von Jansens lebensphilosophischen Betrachtungen eine stoische Ergebenheit in den Lauf der Dinge und eine an die Mystik oder den Zen-Buddhismus erinnernde innerliche Leere. Eine alte Subjektivität durchdringt diese träumerischen Meditationen.

    Carsten Schwedes


    Johannes Jansen: Halbschlaf. Tag Nacht Gedanken;
    edition suhrkamp, Frankfurt am Main 2004;
    Kartoniert. 85 Seiten. 7,- ¤.
    ISBN 3-518-12380-7

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