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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 23. Juli 2017 | 08:44

     

    Axel Hacke: Deutschlandalbum.

    23.09.2004

     
    ...ach, wer da mitfahren könnte...

    Axel Hacke tourt durch die Republik, stößt auf ein paar Kuriositäten, aber eigentlich doch immer nur auf den normalen Wahnsinn, macht sich so seine Gedanken und klebt zu Hause alles fein säuberlich in sein Heftchen. Für die Enkel.

     

    So ein Familienalbum hat seine Tücken. Wir alle kennen das: O­nkel Dieter fährt vor Schreck zusammen, wenn er feststellt, dass der fliederfarbene Anzug, den er auf Omis fünfundsiebzigstem Geburtstag getragen hat, und den er damals vehement als den letzten Modeschrei verstanden haben wollte, doch irgendwie extrem scheiße aussieht. Und auch der dicke schwarze Schnurbart, der ihm über die Mundwinkel schlappt, ist ihm sichtlich peinlich. Das waren die Zeiten!
    Doch die Zeiten ändern sich. Und Familienalben respektive die Fotos und Schnappschüsse, die sie bewahren, dienen dazu, die Zeit festzuhalten, wenigstens als Surrogat. „Vielleicht ist es ja mal ganz nützlich, das eigene Land wie eine Familie zu betrachten“, sinniert Axel Hacke im Vorwort seines neuen Buches. Und er ist guter Dinge, dass er „die Fragen: Was macht uns eigentlich aus? Wie sind wir so geworden? Und was verbindet uns? Was ist trennend?“ mithilfe seiner Versuchsanordnung beantworten kann. Nun ist das ein Fragenkatalog, den man eigentlich einem fähigen Philosophen antragen möchte (in der Gewissheit, dass auch er keine Lösung finden wird), aber alternative Forschungsansätze sind heutzutage ja sehr beliebt.

    Nah am Mann

    Was macht Axel Hacke also? Er bereist die Republik. Norden, Süden, Osten, Westen: kein Winkel des Landes ist vor ihm sicher. Er stürzt sich ins Leben. Er spricht mit den Menschen. Er geht dahin, wo es wehtut: in Kneipen und Schlachthäuser, er besucht Taubenzüchter und Städte wie Halberstadt. Und tatsächlich: er schafft es, den Leuten ihre Geschichten aus dem Kreuz zu leiern. Sie erzählen ihm alles von sich und ihrem Leben, zumindest scheint es so. Der Reporter wird zum Kumpan der von ihm Porträtierten. Das ist eine Leistung, die man Hacke durchaus hoch anrechnen darf, denn seine Porträts entbehren jeglicher Diffamierung. Anders als in den notorischen nachmittäglichen Talkshows, in welche erbarmungswürdige Mitbürger und Mitbürgerinnen hordenweise rennen, wird hier niemand bloßgestellt und der Lächerlichkeit preisgegeben.
    Da ist z.B. Hans-Jürgen Schönberger, ehemaliger Brühpasten- und Worcestersaucenfabrikant aus Dresden. Nach der Wende schnell pleite. Westkonkurrenz. „Aber diese Schönbergers sind Leute, um die man sich nie Sorgen machen muss. Die könnte man irgendwo auf der Welt aussetzen, die würden nach ein paar Tagen irgendwo eine Marktlücke entdecken, eine Chance für ein kleines Geschäft und dann für ein größeres. So ein Schönberger kommt immer durch.“ Z.B. als Party-Service-Unternehmer. Einer von Dresdens größten.

    Solche Geschichten gibt es zuhauf, und Axel Hacke erzählt sie, wie sie ihm erzählt wurden. Direkt und ohne großartige Rhetorik. Sozusagen nah am Mann. Manche Geschichten sind traurig, fast tragisch, doch nie beschleicht einen das negative Gefühl, zu tief in die Privat- oder gar Intimsphäre einer Person vorgedrungen zu sein. Alles ist letztendlich doch leicht und abgefedert und irgendwie versöhnlich.
    So stellt man am Ende des Buches fest, dass man sich, wenn nicht mit allen, so doch mit vielen der Personen des Buches ohne großes Zaudern anfreunden könnte, dass sie, anders gesprochen irgendwie zur Familie gehören. Kritik wird nur selten, und wenn, dann behutsam geäußert. Seltsam ist das: man fühlt sich mit diesem Land, Deutschland, auf sonderbare Art verbunden. Und man fragt sich dann doch klammheimlich, ob darin eine Schwäche des Buches liegt oder ob man selbst ganz anders gepolt ist, als man immer dachte.

    Lars Reyer


    Axel Hacke: Deutschlandalbum
    Verlag Antje Kunstmann 2004
    Gebunden. 253 Seiten; 19,90 ¤.
    ISBN 3-88897-347-3

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