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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 30. April 2017 | 07:06

     

    Geoff Dyer : Reisen, um nicht anzukommen

    27.05.2004

     
    Die Schrumpfung der Welt

    Man merkt man an vielen Stellen des Buches, dass der Autor Kolossales zu leisten imstande wäre, allein, er will nicht. Dyer hantiert mit seiner Subjektivität herum, ohne zu merken wie ihm das, was er versucht in den Blick zu bekommen, eine hermetisch abgeriegelte Region bleibt.

     

    Der Volksmund sagt, wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Geoff Dyer, englischer Kultautor, hat in seinem Leben schon viele Reisen getan. An manchem Ort blieb er hängen, richtete sich eine Zeitlang dort ein, um schließlich weiterzuziehen. Andere Orte besichtigte er ganz nach Touristenmanier, klapperte die Sehenswürdigkeiten ab, hatte seine Not oder seine Freude an den Mentalitäten der Menschen in den für ihn fremden Ländern. Und, ganz an den Volksmund gebunden, drängt es ihn, von seinen Erlebnissen zu erzählen.

    Reisend sich umkreisen

    Der Titel seines neuen Bandes, in welchem der Autor elf Stories versammelt hat, wirft gleich ein bemerkenswertes Licht auf die Tätigkeit des Reisens, denn Reisen, um nicht anzukommen stellt im eigentlichen Sinne ein Paradoxon dar. Das Ziel einer jeglichen Reise ist das Ankommen. Wer nicht ankommt, der befindet sich auf einer ewig andauernden Irrfahrt; Odysseus lässt grüßen. Allerdings muss man auch fragen dürfen, welche Sinnzuschreibungen das Reisen in Zeiten der Globalisierung erfährt. Globalisierung bedeutet nicht zuletzt, dass die Welt, in ihren groben Strukturen, überall gleich ist. Orte gleichen sich. Städte, Landschaften, Menschen werden in Raster eingeordnet, die nach dem Prinzip der Wiedererkennung von Merkmalen funktionieren. Wozu also reisen? Wozu die Distanzen überbrücken, wenn man doch nur im Immer-Gleichen landet? Eben, um nicht anzukommen. Um im ewigen Schwebezustand der Unzugehörigkeit zu verbleiben, so lässt sich vermuten.

    Bei Dyer scheint es so zu sein, dass es tatsächlich weniger um das zielgerichtete Reisen geht, als vielmehr um die Person, die reist. Der Autor umkreist sich, als reisendes d.i. nie ankommendes Subjekt, in seinen Texten selbst. Das ist durchaus erlaubt, warum soll man nicht von sich schreiben? Den Zweck einer Reiseliteratur erfüllt eine solche Herangehensweise jedoch nur selten. Die fremden Landschaften und Menschen verschwinden hinter dem beschreibenden Ich, dienen bestenfalls als Staffage, verpuffen aber meist bloß in Belanglosigkeit. Dyers Welt – an welchem Punkt er sich darin auch immer befindet – schrumpft auf das kleine, und oft sehr einfache, Zentrum zusammen, das er selbst ist. Egal wo, ob in Paris, in New Orleans oder in Manila: Dyer kann nicht ankommen, weil er immer schon da ist, bei sich.

    Vergebene Möglichkeiten

    Man kann den Erzähler dieser Abhandlungen leicht für einen spätpubertierenden Nerd halten, der nicht viele Freunde hat, die wenigen aber in verschwörerischem Kreis um sich schart, und der dann freimütig von seinen sexuellen Begegnungen berichtet, halb mit einem Augenzwinkern, halb mit todernster Miene. Überhaupt scheint es eine Nähe zwischen Reiseberichten, wie sie hier vorliegen, und Tagebuchnotizen zu geben, mit dem Unterschied, dass letztere nur sporadisch und oft erst posthum an die Öffentlichkeit gelangen, und dies vielleicht nicht ganz ohne Grund.

    Nun mag das alles so klingen, als hätten wir es hier mit einem fröhlich vor sich hin dilettierenden Schreiberling zu tun; dem ist nicht so. Vielmehr merkt man an vielen Stellen des Buches, dass der Autor Kolossales zu leisten imstande wäre, allein, er will nicht. Man soll von subjektiven Berichten keine ethnologischen Erkenntnisgewinne erwarten, doch wenn jemand in die Fremde reist, ist das eine unheimlich gute Gelegenheit, um genau hinzuschauen. Diese Möglichkeit vergibt sich Dyer. Er hantiert mit seiner Subjektivität herum, ohne zu merken wie ihm das, was er versucht in den Blick zu bekommen, eine hermetisch abgeriegelte Region bleibt. Da lässt er lieber ein paar Shakespeare-Zitate mehr einfließen, statt sich auf die Knie zu begeben und – im übertragenen Sinne – im Schlamm zu wühlen. Wunderlich, wie hier eine subjektive Sicht der Authentizität gegenüber steht...

    Was am Ende bleibt, ist das etwas ungute Gefühl, die Welt sei zusammengeschrumpft auf den Blickwinkel einer schreibenden Monade. Und so könnte das Buch auch den Titel tragen „Reisen, um bei sich selbst zu bleiben“.

    Lars Reyer


    Geoff Dyer : Reisen, um nicht anzukommen
    Stories; aus dem Englischen von Regina Rawlinson.
    Argon 2004.
    Gebunden. 285 Seiten. 19,90 ¤.
    ISBN 3-87024-603-0

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