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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 28. April 2017 | 23:39

    Matthias Kehle & Mario Ludwig: Die Wanderbibel

    05.11.2012

    Wetterkapriolen, Nacktwanderer, harte Fakten und der Gipfelschnaps

    Matthias Kehle und Mario Ludwig sind in der Wanderbibel auf der Spur von Ötzi und Rübezahl. Von STEFAN HEUER

     

    »Alles hat seine Zeit« – ob dieses geflügelte Wort, dieser vermutlich bekannteste Abschnitt des biblischen Predigerbuches mehr Menschen über ihre Beschäftigung mit der Religion oder aus dem wunderbaren »In weiter Ferne, so nah!« ein Begriff ist, das vermag ich nicht zu sagen, aber: Es gilt für mich in besonderem Maße. Mein Kalenderjahr unterliegt zu großen Teilen festen Zeitfenstern, sich seit vielen Jahren wiederholenden Arbeits- und Ruhephasen, die sich in erster Linie an persönlichen Daten orientieren und somit feststehen wie Ostern oder Weihnachten. Meine traditioniert verbrachte Zeit erspart mir viele Entscheidungen.

     

    Einer dieser feststehenden Termine im Jahr ist das Wanderwochenende mit einem Freund. Seit gut 20 Jahren verbringen wir das letzte Wochenende im Oktober im wunderschönen Harz. Anreise am Freitag, Quartier beziehen, Alkoholgenuss bei fettigem Essen. Früher Aufbruch am Samstag, strammes Wandern, unterbrochen nur von mitgeführten Kräuterlikören und Zigarettenpausen bei Stellen mit besonders schöner Aussicht (und davon gibt es im Harz ja recht viele). Pünktliche Rückkehr zur Sportschau, altersbedingtes Umschwenken auf Bier – der Sonntag ist traditionell der Pflege des Katers und der geschundenen Füße vorbehalten.

     

    »Fußläufig« in den Herbst

    Ich gebe gerne zu, dass ich als Jugendlicher dem Reiz des Wanderns noch nicht erlegen war. Wie die meisten meiner Freunde assoziierte ich mit dem Begriff des Wanderns entweder lederbehoste Rentner mit Tirolerhut und Metallschildchen auf dem Wanderstock oder aber Witzeleien (»Haste schon gehört? Der Verein Die Wandervögel hat sich in zwei Gruppen gespalten – die einen wandern jetzt nur noch, die andern...«) – so in dieser Preisklasse.

     

    Wie ich letztlich doch zum Wandern gekommen bin, das weiß ich heute gar nicht mehr zu sagen: Wahrscheinlich habe ich es einfach mal probiert! Wie gesagt, ich bin ein reiner Spaßwanderer, ziehe mir dabei unabhängig vom Wetter meine ältesten und löchrigsten Chucks an und nehme die mitleidigen Blicke der Ausrüstungsfetischisten ohne Gram und mit erhobenem Glas entgegen.

     

    Von deutlich anderem Kaliber sind da schon Matthias Kehle (der mir bis dato vor allem als ausgezeichneter Lyriker und fachkundiger und engagierter Lyrik-Blogger bekannt war) und Mario Ludwig, die sich gemeinsam (und oftmals in Begleitung ihrer Frauen Anja und Katharina) nahezu an jedem Wochenende im Freien zu tummeln scheinen. Bereits in 2011 erschien bei Heyne Die Wanderbibel, in der sie in 24 Kapiteln ihre Eindrücke festgehalten haben – herausgekommen ist eine lesenswerte Mixtur aus Reise- und Wanderführer, Gesellschaftsstudie und Tagebuch, die Lust aufs Wandern macht.

     

    Bereits im Vorwort, dem »Einstieg in den Aufstieg«, in dem die beiden Autoren kurz auch auf Wanderkollegen aus der Humorbranche eingehen, auf Schmidt-Sidekick Andrack und Kerkeling, die in den vergangenen Jahren durch starke Medienpräsenz das Bild vom Wandern geprägt haben, wird deutlich, warum sie dieses Buch geschrieben haben. Sie haben es nicht nur geschrieben, um anderen Spaß zu bereiten, sondern weil sie selbst Spaß daran hatten. Kehle und Ludwig nehmen das Wandern ernst, weil es für sie eine wichtige, regelmäßige Tätigkeit ist – gleichzeitig zeigen viele der Episoden, dass sie sich selbst dabei nicht allzu ernst oder gar wichtig nehmen. Aus ihren Worten spricht die gesunde Demut vor dem Berg, der lange vor ihnen da war und lange nach ihnen da sein wird.

     

    Wer tatsächlich glauben sollte, beim Wandern ginge es ausschließlich darum, auf der einen Seite auf den Berg rauf und auf der anderen Seite wieder runter zu gehen, der irrt. Vor meiner letzten Harzwanderung wurde ich von einem Kollegen gefragt, warum ich denn auf den Brocken wolle, wo ich doch letztes Jahr erst oben gewesen sei – viel verändert haben dürfte sich jawohl nicht. Ich erklärte ihm, dass es nicht immer nur darum gehe, viel Neues zu sehen, sondern sich in der Ruhe selbst zu begegnen. Er bezeichnete mich als Spinner und zog ab. Vielleicht sollte ich ihm Die Wanderbibel ausleihen, damit er neben dem Fußball mal eine weitere Welt kennen lernt.

     

    Matthias Kehle und Mario Ludwig berichten von ihren Wanderungen im Allgäu und im Pfälzerwald, im Wallis und im Schwarzwald, im Taunus, den Dolomiten und den ecuadorianischen Anden, von Sonntags- und Alibisportlern, von Flora und Fauna, von natürlichen (Bäume) und künstlichen (Stromleitungen) Hindernissen und Erleichterungen durch das Nutzen von Seilbahnen (was zwar recht unsportlich, bei einsetzender Dunkelheit oder Nachwirkungen vom vorabendlichen Alkoholgenuss jedoch praktisch ist).

     

    Sie schreiben von Barfuß- und Nacktwanderern, über kuriose und höchst irreführende Beschilderungen, über Mountainbiker und Nordic Walker und mitgeführte Allzweckmesser mit eingebautem Luftschutzbunker. Sie schreiben über Wetterkapriolen und Gipfelschnaps, über die gesundheitlichen Aspekte, über Sagen und Mythen und kulinarische Spezialitäten der von ihnen durchwanderten Regionen. Sie schreiben von Gipfelsammlern und Schicksalsbergen und listen penibel auf, was auf Wanderungen dabei zu sein hat (Höhenmesser, Kompass) und was auf keinen Fall in den Rücksack kommt (indiskutabel sind GPS-Systeme für Wanderer, die jegliche Wegunsicherheit und Spannung aus dem Freizeitvergnügen eliminieren!).

     

    Kehle und Ludwig schreiben kurzweilig und humorvoll. Quasi nebenbei erfährt der Leser so einiges über Massiv-Formationen, über Höhen und Lagen, und auch darüber, von welchen Erhebungen sich die Jungfrau umgeben sieht und welche Stadt sich am Fuße des Matterhorns befindet – Wissen, das sich mit etwas Glück nicht nur bei Wer-wird-Millionär, sondern auch auf Partys mit körperlich attraktiven, am Besteigen interessierten Menschen auszahlen könnte...

     

    Wie bei vielen Büchern, so bestand sicherlich auch bei der Wanderbibel die Gefahr, Klischees zu überreizen. Schnell kann es peinlich und platt sein bzw. werden, wenn man Nationen die ihnen zugeschriebenen Charaktereigenschaften zur Seite stellt: Polen klauen Autos, Deutsche sind fleißig, alle Schotten sind geizig, haha, aber hier ist es anders, und das ist erfreulich und gut so. Bedeutet: Auch hier werden in einzelnen Kapiteln Unterschiede herausgestellt und beschrieben, etwa die nach Gipfelehren strebenden, in atmungsaktive Kleidung gewandeten Deutschen und die ihnen dabei zusehenden, rauchend und Wein trinkend im Gras liegenden Italiener, aber, und das ist das Entscheidende: Es wird zu keiner Zeit eine Wertung vorgenommen. Kehle und Ludwig halten es streng mit dem Credo des Alten Fritz und sprechen einem jeden das Recht zu, nach seiner Façon selig zu werden. Wer also in Rekordzeit auf den Gipfel muss, der soll sich sputen. Wer aber lieber beim Hüttenwirt dem Frascati zuspricht, der sei willkommen.

     

    In wie vielen Hotel- und Privatzimmern habe ich im Laufe der Jahre im Nachtschrank die Heilige Schrift vorgefunden... Liebe Tourismusverbände: Wie wäre es, wenn man sie (zumindest in ausgewiesenen Wandergebieten) gegen Die Wanderbibel austauschen würde? Mich würde es freuen!

     

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