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Thomas Brandlmeier: Fantômas

29.10.2012

Ein Beitrag zum Gummimaskenmann

Thomas Brandlmeier zieht sich einen latex-dress über und erklärt die lust an der panik. Fantômas – gelesen von CRAUSS.

 

das buch zu zitieren heisst: Fantômas zitieren. man weiss nie genau, wer spricht. und es ist auch besser für die seele, dies nicht zu wissen. (Zorro)

 

die filmliteratur-büchlein, die der verbrecher verlag in zusammenarbeit mit der deutschen kinemathek herausgibt, sind poppig, praktisch im format und führen eine populärwissenschaft vor, die nicht den schwerpunkt auf das eine oder andere legt, sondern glücklicherweise auf beides zu gleichen teilen.

 

Fantômas, beiträge zur panik des 20. jahrhunderts ist fluffig sowie ohne spröderie geschrieben und hat – bei dieser art veröffentlichung nicht unbedingt zu erwarten – eine ausführliche biblio- und filmographie sowie ein register der behandelten namen. lustmachend ist nicht nur Thomas Brandlmeiers ton, sondern neben den zahlreichen abbildungen eines verbrechers in ganzkörperverkleidung und schwarzer maske die in kurzen kapiteln vorgeführte verquickung der methoden: denn die lust gehört zum verbrechen, das feuilletonistische wechselt nicht ab mit fachsprachlichem und stellenweise poetischem schreiben, sondern mischt sich mit ihnen.

 

Brandlmeier bedient die unterschiedlichsten bedürfnisse wie das phänomen Fantômas die unterschiedlichsten bedürfnisse bedient. kern der faszination ist die kindliche allmachtsphantasie, die auch gesunde erwachsene nie ganz loslässt. es geht um guilty pleasures und um das vordringen in verborgene zonen, das ansprechen erotischer träume. Fantômas ist der schwarze mann, der alle bürgerlichen ängste zusammenfasst und von surrealisten, anarchisten, faschisten oder einfach nur schwärmern (ein wunderschönes wort an dieser stelle) vereinnahmt wurde und weiterhin wird.

 

jeder naiven melodramatik von gut und böse hält das phänomen Fantômas radikal den wirklichen menschen als ganz normal triebhaft entgegen. Fantômas hat keine einzel-identität, was ihn im doppelten sinne un-fassbar macht: seine identität ist die verwandlung, im gegensatz zu amerikanischen superhelden, die sich zwischen Superman- und Klark-Kent-existenz entscheiden müssen. mal taucht er ganz in schwarz mit wehendem umhang auf, mal als biederer handlungsreisender, mal spielt Fantômas den doppelgänger des ihn jagenden untersuchungsrichters, der wiederum träumt, erselbst sei Fantômas usw. ein mummenschanz des unbewussten.

 

die filme, die den romanen auf dem fusze folgten, ziehen das kinematographische resumée einer schauer- und gothik-tradition des 19. jahrhunderts, ordnen das material aber mit filmischen mitteln neu. statt umständlich den ablauf des gewaltaktes zu zeigen, zeigen die streifen oft gleich das resultat, und was im roman ein kapitel ausmacht, kann im film in einem schnitt abgehandelt werden. fassadenklettern, geheimnisvolle zettelchen, verkleidungen und tricks sind massiv gehäuft, und für absurde situationen hat der wichtigste Fantômas-verfilmer Louis Feuillade zwischen 1913 und 1919 wahrhaft surreale bilder gefunden.

 

wenn die zuschauer das kino verliessen, fanden sie ein paris vor, das sie nicht kannten. paris als surrealer ort ist wesentlich eine erfindung von Feuillade, konstatiert Brandlmeier: menschenleere strassen, bedrohliche interieurs, insektenhafte metamorphosen von menschen und dingen sowie technische katastrophenphantasien. man kann nichtmal einen nagel in die wand schlagen, ohne dass blut herausfliesst.

 

die affinität des kinos zum traum hat Feuillade instinktiv erkannt und ausgebeutet. ästhetisch steht er David Lynch nahe und nimmt das kino als gefährliches spiel mit der wirklichkeit vorweg. ein krankenwagen ist kein krankenwagen, sondern ein überfallauto, türen sind nur ornamentale elemente, häuser betritt man durch fenster, schornsteine und kellerlöcher; wer den fehler begeht, eine tür zu öffnen, stürzt sofort in einen doppelten boden.

 

die filme arbeiten stets mit den gleichen, dann neu arrangierten requisiten. das déjà vu evoziert das unvorhergesehene. aufzüge dienen zum transport von leichen, mit füllfederhaltern kann man tödliches gift verspritzen und man erwartet, dass Brandlmeier in diesem zusammenhang (Fantômas als literarischer knotenpunkt der moderne, der roman, der wie eine postmoderne textmaschine per diktaphon produziert wird und sämtliche neuesten errungenschaften gleich auch zum motiv macht) vielleicht auf James Bond zu sprechen kommt, jedoch... da fällt ein schuss und sofort springen alle türen gleichzeitig auf, von allen seiten stürzen statisten herbei.

 

ihr auftreten ist immer plötzlich, massenhaft und von rasender geschwindigkeit. eine tänzerin, die im kostüm der vampire einen vampirtanz aufführt, bricht auf der bühne tot zusammen, ein schauspieler, der Fantômas darstellt, landet auf der guillotine. Brandlmeier steigert sich in details und führt treffend das spiel mit dem spiel vor, die doppelte charade sowie das wandelbare wesen des Fantômas-motivs: als personaler ableger etwa die vampirin Irma Vep und zahlreiche andere vampirfilme, -plakate, tuschegraphiken, gedichten, comics (neben „echten“ Fantômas-mysteries auch ein als Phantomias verkleideter Donald Duck), Louis de Funès, bis hin zu einem computerprogramm zur analyse von gesichtern; die am bochumer zentrum für neuroinformatik entwickelte software phantomas soll auch masken erkennen.

 

bei der serienproduktion der 32 Fantômas-romane von Pierre Souvestre und Marcel Allain zwischen 1911 und 1913 häufen sich redundanzen, seiten werden geschunden, klischees und schlichter quatsch treten sich gegenseitig die füsse platt, die unlogik der handlungsführung wird der höheren logik des trivialen geopfert, die mangelnde koordination der beiden autoren erzeugt erzählerische engpässe und absurde verzögerungen. mitten in einer handlung, die sich in wenigen sekunden abspielt, wird resümiert: »die minuten vergingen«, »minutenlang« oder »die sekunden schienen ihm jahrhunderte lang zu dauern«.

 

in solchen exaltationen, begeistert sich Brandlmeier, weist sich Fantômas in jeder hinsicht als meisterwerk der trivialliteratur aus. nicht umsonst existiert eine offenbar bis heute nicht aufgelöste societé des amis de Fantômas, deren tätigkeit unter anderem darin bestand, die mauern von montmartre mit mysteriösen graffiti zu übersäen, vor allem mit motiven wie blutigen händen: man erzitterte, man erschrak, und Brandlmeier weiss der harmlosen geste eine politische dimension zuzuordnen.

 

Fantômas ist der verbrecher, der das selbstsüchtige prinzip der gesellschaft mit letzter konsequenz verfolgt, er ist der anarchist, der die gesellschaft herausfordert, sich ihr als selbstbewusstes subjekt entgegenstellt, heisst es auf dem umschlag des im verbrecher verlag [sic] erschienenen buchs. man zögert vielleicht einen moment, weil man die konsequenz nicht absieht, aber möchte man sich in zeiten egoistischen neureichentums und heuchlerischer politik nicht auch für das 21. jahrhundert mehr panik – und mehr lust daran – wünschen?

 

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