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    Mittwoch, 26. April 2017 | 19:30

    Katharina Bendixen: Gern, wenn du willst

    15.10.2012

    Freakschau fixer Ideen

    Katharina Bendixens Erzählband Gern, wenn du willst versammelt Figuren, die in absurden Ideenwelten verhaftet sind. Aber sind sie deshalb verrückt?

    Von LUTZ STEINBRÜCK

     

    Was ist zu halten von einem weißen Ring, der bis in den Himmel ragt, sich jede Nacht enger zusammenzieht und so den Bewegungsradius der Hauptfigur immer weiter einschränkt? Wie steht es um eine 50-Jährige, die mit dem verstorbenen Gatten, ihrem ersten Freund und einem langjährigen Ex-Liebhaber zusammenlebt? Was nach therapeutischem (Be-)Handlungsbedarf schreit, ist für das betroffene Personal aus Katharina Bendixens aktuellem Erzählband Gern, wenn du willst der Normalzustand.

     

    Wer Bendixens Prosa kennt, erwartet derlei kuriosen Wahnwitz. Schon in den Erzählungen ihres Debüts Der Whiskyflaschenbaum (2009) wimmelt es vor Absurditäten und tragikomischen Verhältnissen. Gern, wenn du willst, im Frühjahr 2012 ebenfalls im poetenladen erschienen, knüpft auch stilistisch an den Erstling an. Die 13 Geschichten, meist durch den mono-perspektivischen Filter einer Protagonistin vermittelt, sind in unaufgeregter Beiläufigkeit, mit sachlichem, fast kühlem Gestus erzählt und in gewöhnliche Alltagsszenarien eingebettet.

     

    Die 31-jährige Leipzigerin, die am Deutschen Literaturinstitut studierte, lässt ihre Erzählerfiguren ungewöhnlichen Selbst- und Weltwahrnehmungen folgen. Dass sie etwas wahrnehmen, das anderen Figuren verborgen bleibt, schürt Konflikte und ist ein typisches Muster dieser Geschichten, die sich nur über wenige Seiten erstrecken.

     

    In der Erzählung Die falschen Eltern ist die erwachsene Erzählerin davon überzeugt, ihre Abteilungsleiterin sei ihre Mutter. Erkannt hat sie das an den verschiedenfarbigen Augen, mit denen diese ihr beim Einstellungsgespräch zublinzelte, ohne sich dabei zu outen. »Sie hatte mich nach der Geburt ins Waisenhaus gegeben, denn sie wäre allein mit mir gewesen. Meinen Vater, einen Elektriker, hatte ein Schlag getroffen. Meine Mutter hatte schon Strampler und eine Wickelkommode gekauft. Aber sie war zu jung, sie schaffte das nicht. Es brach ihr das Herz. Sie weinte, bis eines ihrer braunen Augen die Farbe verlor: Es wurde grün.«

     

    So werden Vater und Mutter zu falschen (Adoptiv-)Eltern und mit den neuen Wahrheiten ihrer Tochter konfrontiert. Die Erzählerin geht auf Distanz. Die »falsche« Mutter weint und bekommt es mit der Angst zu tun. Was die Erzählerin ihr kühl und gefasst vorträgt, verunsichert auch die Leser. Ist sie ein entrückter Freak? Bildet sie sich das wirklich nur ein? Wo endet glaubhaft erzählte Realität, wo beginnt das Hirngespinst?

     

    Bendixen spielt mit dieser Uneindeutigkeit. Sie komponiert die Handlung um die fixen Ideen ihrer Hauptfiguren herum, unterläuft Erwartungshaltungen anderer Figuren und ihrer Leser. Dennoch ist es dank der anschaulichen Schilderungen in knappen, klaren Sätzen leicht, in die Geschichten hineinzufinden.

     

    Eine unterhaltsame Lektüre, die auf einer lakonischen Gratwanderung der scheinbaren Normalität des Irrsinns nachspürt und Fragen aufwirft. Zum Beispiel, ob wir nicht alle auf ganz eigene Weise verrückt sind. Dass es keine objektive Realität, sondern nur konstruierte, subjektive Wahrheiten gibt, haben wir ja schon vorher gewusst. Dieses Buch lässt sich als Plädoyer dafür lesen, eigenen Vorstellungen zu folgen – ohne Rücksicht auf Verluste.

     

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