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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 26. Juni 2017 | 10:55

    Henning Chadde und Jörg Smotlacha (Hrsg.): Buch oder Bier?

    15.10.2012

    Feierabend-Bier-Buch

    Sören hat ein Buch aufgeschlagen,

    Paul hat sich den Kopf aufgeschlagen,

    und ich frage dich: Buch oder Bier?

    STEFAN HEUER über Henning Chaddes und Jörg Smotlachas neue Anthologie Buch oder Bier? 

     

    Wer in den 1960er Jahren jung und an Musik interessiert war, sah sich mit einer Entscheidung von religiösem Ausmaß konfrontiert: Beatles oder Stones!? Während im darauf folgenden Jahrzehnt viele zwischen Bowie und Bolan schwankten, gab es in den 1980er Jahren einen Schnitt durch meinen Freundeskreis, der bei Robert Smiths Haaren eben das dran ließ, was er bei Dave Gahan entfernt hatte.

     

    Und heute? Musikalische Vorlieben gibt es selbstverständlich nach wie vor, aber aus taschengeldtechnischen Gründen muss sich heute – im Zeitalter der im Freundeskreis kursierenden digitalen Sicherungskopie – niemand mehr entscheiden, für welche Platte er sein Geld ausgibt. Und auch auf anderen Gebieten des alltäglichen Lebens ist es nicht mehr notwendig oder sonderlich angesagt, sich zu entscheiden; ganz im Gegenteil feiern sich viele Vertreter der Menschheit dafür, mehrere Dinge gleichzeitig tun zu können (neudeutsch: multitaskingfähig zu sein).

     

    Meist sind dies so wichtige Dinge wie Telefonieren und gleichzeitiges Nägellackieren oder »Ab ins Beet«-Glotzen und gleichzeitiges Eisessen. Selbstverständlich gibt es aber auch sinnvolle, erotisierende Duette. Der in dieser Hinsicht nicht zu schlagende Klassiker: Ein gutes Buch, genossen bei einer Flasche gutem, kühlem, aber nicht zu kaltem Bier.

     

    Zunge oder Hirn?

    Es kann daher kein Zufall sein, dass eben gerade diese beiden zeitlosen Lifestyle-Produkte durch ein magisches Band miteinander verbunden sind: dem Band des gemeinsamen Feiertags! Tatsächlich ist der 23. April nicht nur seit 1994 der Tag des Deutschen Bieres, sondern ebenfalls der (seit 1995 vom Buchhandel gefeierte) Welttag des Buches. In Hannover, eben jener Stadt, in der bekanntlich das beste Hochdeutsch gesprochen wird, wird dieser Tag seit einigen Jahren mit einem großen Dichter-Wettstreit begangen, bei dem es die auf Zunge und Hirn brennende Frage zu klären gilt, wem dieser Tag denn nun gehört: dem Geist oder doch eher dem Geistigen.

     

    Die 2012 im Blaulicht-Verlag erschienene und in Kooperation zwischen der (gerade im Bereich der jüngeren und regionalen Literatur engagierten) Buchhandlung Decius und langeleine.de (dem Online-Journal für Hannover) herausgegebene Anthologie Buch oder Bier? vereint 33 Texte von 13 Autorinnen und Autoren, in denen es, wie könnte es anders sein, um die Literatur und/oder den Alkoholkonsum geht.

     

    Nicht selten unterliegen die einzelnen Beiträge einer Anthologie qualitativen Schwankungen, und so ist es auch hier. Die guten bzw. besten der zumeist zwischen drei und sieben Seiten langen Texte sind sprachlich ansprechend umgesetzt, wobei eine starke Tendenz zu gesellschafts- und zeitkritischen, politischen Aspekten nicht zu übersehen ist. Jan Egge Sedelies, seines Zeichens Texter und Sänger der Elektro-Lyriker Beatpoeten und seit vielen Jahren mit eigenen Texten oder als Moderator unterschiedlichster Veranstaltungen auf den Bühnen der Republik unterwegs, eröffnet den Band mit seinem Schreibtischtäter, einer brillanten, in Worte gegossenen Vision, in der sich die Gesellschaft mittels gezielt unter das Volk gebrachter literarischer Sprengsätze zum Besseren wendet.

     

    Beeindruckend, wie Peter Märtens in seiner Kurzgeschichte Schöne Literatur eine Beklemmung hervorruft, die der in diesem Text thematisierten Bücherverbrennung durch die Nationalsozialisten gerecht zu werden vermag. Christian Friedrich Sölter ist mit seinem Live-Klassiker Die Völkerschlacht von Linden (Stadtteil von Hannover) vertreten, in der er seinen Protagonisten Otze mittels ausgesuchter verbaler Delikatessen einen Schützenaufmarsch sprengen lässt.

     

    Pauline Füg strickt aus einer Begegnung in der Bibliothek ein surreal anmutendes Spiel um Geben und Nehmen und Zeit- und Kopfverlust; an anderer Stelle wirft sie sich per Langgedicht dem Ersten Detektiv Justus Jonas an den Hals, bietet sich ihm als seine Rocky Bitch an und bekommt gegen Ende dann doch leichte Skrupel (vor allem, weil sie volljährig und er seit gut 30 Jahren immer noch 16 Jahre alt ist).

     

    DER Sex - DIE Migräne

    Tobias Kunze lässt für einen gerstensaftwilligen Freund vom Buch ab und zieht mit ihm bis zur totalen Willenlosigkeit durch die Kneipen. Daniel Terek schildert anschaulich den letzten Abend des Legasthenikers Kurt und seines Nachbarn Norbert K., der sich als Schund-Literotiker in einer Züchtigungs-Manufaktur sämtliche Werke von Stephenie Meyer und Charlotte Roche vorlesen lässt, um seine Sprachvergewaltigungs-Phantasien ausleben zu können.

     

    Und einfach nur schön, wie Dominik Bartels seinem türkischen Freund Tarek den korrekten Gebrauch der Artikel erklärt: »Das Alter betrifft uns alle, deshalb ist es auch sächlich. Allerdings sind die Auswirkungen bei Männern und Frauen höchst unterschiedlich. Weiblich sind DIE Falten, DIE Zellulitis und DIE Krähenfüße. Bei uns Männern äußert sich das Alter dagegen anders. Da heißt es: DER Altersstarrsinn, DER Bierbauch und DER Haarausfall. Und zum Thema Verkehr heißt es: DER Sex, DIE Migräne

     

    Viele wirklich hervorragende Texte, unterhaltsam und handwerklich gekonnt. Die für mich etwas schwächeren Texte kränkeln oftmals daran, dass sie merklich für die Live-Performance auf einer Poetry Slam-Bühne verfasst wurden. Da heißt es, auf den Punkt zu kommen, Lacher zu provozieren, um Publikum und/oder Jury eine hohe Wertung zu entlocken und in die nächste Runde einzuziehen.

     

    Was auf der Bühne mit eindringlicher Stimme und passendem Gestus funktionieren mag, funktioniert nicht auch zwangsläufig im Buch. Auf Drive eingestreute Binnenreime wie demonstrieren und vertikutieren sind der Bühne geschuldet und wirken in der Druckversion dann doch eher befremdlich bis gewollt. Aber wie gesagt: Gefühlte 5% Ausschuss, da hat man in jedem Erdbeerkorb mehr!

     

    Im Vorwort empfehlen die Herausgeber (und langeleine.de-Chefredakteure) Henning Chadde und Jörg Smotlacha, zur entspannten Lektüre eine Flasche Bier zu öffnen. Buch und Bier: Bei dieser Anthologie hat das prima funktioniert!

     

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