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    María Sonia Cristoff: Unbehaust und Patagonische Gespenster

    03.09.2012

    Natürliche Ansichten: die Schriftstellerin María Sonia Cristoff

    Patagonische Landschaften und das Verhältnis von Tieren und Menschen sind Themen, mit denen sich die argentinische Schriftstellerin und Journalistin María Sonia Cristoff in ihren beiden auf Deutsch erschienenen Büchern befasst. BETTINA GUTIÈRREZ stellt die 2 Bände Unbehaust und Patagonische Gespenster vor.

     

    Entlegene Orte sind ein beliebtes Motiv in der lateinamerikanischen Literatur. In seiner meisterhaften Erzählung Luvina beschreibt der Mexikaner Juan Rulfo ein Dorf, dessen Bewohner sich nicht mehr daran erinnern, seit wann sie hier leben und in dem man außer dem Geräusch des Windes »nur die Stille hört«. Der Peruaner Mario Vargas Llosa führt den Leser in seinem hermetischen Roman Das grüne Haus in den Urwald des Amazonas. Und Macondo, der Schauplatz von Gabriel García Márquez Roman  Hundert Jahre Einsamkeit gehört zu den wohl berühmtesten Dörfern der Weltliteratur.

     

    Dieser literarischen Tradition schließt sich die argentinische Schriftstellerin und Journalistin María Sonia Cristoff an. In ihrem ersten ins Deutsche übersetzte Buch Patagonische Gespenster. Reportagen vom Ende der Welt berichtet sie von ihren Reisen in ihre Heimatregion Patagonien. Es sind kunstvoll ausgearbeitete Reportagen, in denen sie das Leben in Orten, die fernab jeglicher Zivilisation liegen, schildert. So trifft sie in der Provinz Santa Cruz auf Federico, der für eine Erdölfirma arbeitet, sich vollkommen von den Menschen zurückgezogen hat und nun »nicht weiß, wohin er gehört«. Weiter im Norden, in El Caín, wohnt sie in einer Schule, in der die ebenfalls dort wohnenden Mädchen jeden Abend auf sie warten, damit sie ihnen von ihren Ausflügen erzählt.

     

    Besonders beeindruckend ist eine Reportage über die Selbstmorde mehrerer Jugendlicher, die sich in den 90er Jahren in dem Geisterdorf Las Heras ereigneten und deren Gründe bis heute nicht geklärt sind. Doch María Sonia Cristoff möchte den Leser mit ihren Reportagen nicht nur unterhalten, sondern auch auf allgemeine Missstände hinweisen. Grund für die Abgeschiedenheit dieser Region ist die Expansion der  Erdölindustrie: Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre ließ sich das staatliche Erdölunternehmen YPF dort nieder, was wiederum zur Folge hatte, dass in den meisten Ortschaften kein kulturelles und gesellschaftliches Leben mehr stattfand. Die Menschen gingen nur dorthin, um zu arbeiten und organisierten ihr Leben rund um das Unternehmen. Das Erdöl wurde von den Bewohnern Patagoniens daher »weniger als Segen, denn als Strafe« zwecks Ausbeutung von Mensch und Natur angesehen.

     

    Etwas anders und universeller geht es in ihrem zweiten hierzulande erschienenen Band Unbehaust. Was Menschen mit Tieren machen zu. Hier setzt sich die argentinische Schriftstellerin nicht für die Landschaft und Natur, sondern für die Tiere ein. Um ihrer durch den Lärm ihrer Nachbarn verursachten Schlaflosigkeit zu entgehen, flüchtet sie sich in den Zoo von Buenos Aires.

     

    Es ist nicht das erste Mal, dass sie sich in diesen Zoo begibt, der ihr immer dann als Zuflucht dient, »wenn«, so die Autorin, »mir die Menschen wie fremde und rätselhafte Wesen vorkommen.« In ihren lose aneinandergereihten Plaudereien und Reflexionen erfährt man dann, dass Nilpferde ihre Lieblingstiere sind, dass sich Affen harmonisch bewegen und was man alles so mit den Tieren anstellen kann.

     

    Hier greift sie auf reale Begebenheiten zurück, wie etwa die Geschichte von zwei Löwen, die hundertfünfzig Eisenbahnbauer töteten, von einem britischen Ingenieur erlegt wurden und heute ausgestopft als »Ghost« und »Darkness« ihr Dasein im Field Museum in Chicago fristen. Erhellend ist ebenfalls die Anekdote über einen Politiker, der für seinen Wahlkampf zwei Giraffen einspannte, die anschließend von seinen politischen Gegnern umgebracht wurden. Aber auch den Affen Cholmondoley, der aus einem Zoo ausbrach, einen Bus bestieg, wieder eingefangen wurde und seinen zweiten Fluchtversuch nicht überlebte, vergisst man als Leser nicht. Ebenso wenig wie die wissenschaftliche Theorie einer in Uganda aufgewachsenen Psychiaterin, die einer Elefantenherde, die ein afrikanisches Dorf überfallen hat, eine »posttraumatische Belastungsstörung« attestiert.

     

    Oder die Tatsache, dass in Florida »nicht integrationswillige« Kaimane zum Abschuss freigegeben werden und dass es unweit von Buenos Aires ein Wildgehege gibt, in dem die Tiere Namen wie Fidel oder Violeta haben. Es sind vielmehr Beispiele, mit denen María Sonia Cristoff ihrer Überzeugung, dass der Mensch den Tieren nicht überlegen ist, bekräftigt und für ein besseres Verständnis der Tierwelt plädiert. Ein Anliegen also, dem man sich am Ende ihrer Ausführungen anschließen kann.

     

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