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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 26. Juni 2017 | 10:55

    Heiko Arntz (Hrsg.): Der komische Kanon

    05.08.2012

    »Braucht´s des?«

    Fragte Gerhard Polt jüngst über die ihm anlässlich seines 70sten Geburtstags gewidmete große Ausstellung im Münchner Literaturhaus. Die Münchner bejahten kräftig, der Verlag Kein & Aber gab kürzlich eine zehnbändige Polt-Gesamtausgabe heraus und in Schulbüchern und Universitätscurricula ist Polt ohnehin schon lange vertreten. Keine Frage, Komik – zumindest die gut gemachte – ist schon lange beim Bildungsbürgertum angekommen. Von SANDRA FLUHRER

     

    Und dennoch handelt es sich bei dem von Heiko Arntz bei Galiani Berlin herausgegebenen Komischen Kanon um ein ganz besonderes Buch, eine »Anthologie, wie sie es noch nie gab«, wie der Verlag zurecht wirbt. Zwar gibt es andere komische Sammlungen – das Hausbuch der literarischen Hochkomik von Bernd Eilert zum Beispiel, das Arntz Komischem Kanon nahekommt, jedoch weniger systematisch angelegt ist, auch nicht-deutschsprachige Literatur einbezieht und vor allem nur noch antiquarisch erhältlich ist. Die Anthologie des schwarzen Humors des Surrealisten André Breton von 1939 wurde dagegen erfreulicherweise 2011 bei Zweitausendeins neu aufgelegt, hat allerdings durch sein Interesse am Dunklen der Komik anderes im Sinn als der Komische Kanon.

     

    Eine derart umfangreiche, sorgfältig recherchierte und ausnehmend schön gestaltete Anthologie, die die Geschichte der deutschsprachigen komischen Prosa von der frühen Neuzeit bis zur Jahrtausendwende nachzeichnet, hat es in der Tat noch nie gegeben. Was Heiko Arntz in seinen Vorbemerkungen ankündigt, nämlich »von verhaltener Ironie bis zur zugespitzten Pointe, von der gezielten Satire bis zum losen Nonsens, vom Humor des Realismus bis zur komisch gebrochenen Phantastik der Groteske« die ganze Palette komischer Ausdrucksformen darstellen zu wollen, ist geglückt.

     

    Die Texte, die teils nur wenige Zeilen, teils mehrere Seiten umfassen, werden jeweils eingeleitet durch knappe Informationen zu Autor und Werk und immer wieder auch durch kleine Anekdoten und Kurzkommentare vom Herausgeber angereichert. Ein kurzes Nachwort bettet die Texte literaturgeschichtlich ein. Man fühlt sich gut begleitet beim Gang durch die Geschichte des komischen Erzählens.

     

    Zwar ist die häufig vorgebrachte These, Komik sei zeit- und kulturabhängig wohl nicht von der Hand zu weisen, dennoch offenbart der Komische Kanon thematisch wie strukturell viele komische Konstanten. Gelacht wird immer: über komische Situationen beim Essen und Trinken, über Geldprobleme, über Sprach- und Kommunikationsverwirrungen und natürlich über Mann und Frau und die Fallstricke des Ehelebens.

     

    So gerät die Komik des wunderbaren Texts »Klicklaus« des Franziskaners Johannes Pauli aus dem frühen 16. Jahrhundert wohl nie aus der Mode: Ein Mann wird überall als »Klicklaus« geschmäht. Selbst seine Frau lässt sich das Klicklausen von zahllosen Schlägen und Tritten des Mannes nicht austreiben. Schließlich hängt der Mann seine Frau in einen Brunnen und droht, sie zu ertränken, wenn sie nicht aufhöre, ihn Klicklaus zu nennen: »Sie blieb stur, er hängt sie tiefer bis an den Hals. Es half alles nichts, und da ihr’s Wasser überm Kopf ging, reckt sie beide Hände über den Kopf, klickt mit den Daumennägeln zusammen, als ob sie Läus tötet, und zeigt mit beiden Händen an, was sie vor Wasser nicht mündlich sagen konnt. Eine sonderlich gute Art.«

     

    Die Grundstrukturen des Komischen

    Vertreten sind natürlich alte Bekannte wie Till Eulenspiegel, das Lalebuch, Grimmelshausens Simplicissimus oder der Baron von Münchhausen, es gibt aber sicher nicht nur für Laien auch bisher wenig Gekanntes zu entdecken, wie zum Beispiel den Finkenritter, einen um 1560 in Straßburg erschienenen Nonsens-Quichotte, der später als Volksbuch Verbreitung fand oder die Tatsache, dass Knigge weniger ein oberlehrerhafter Benimmpapst, als vielmehr ein großer Satiriker war.

     

    Johann Fischarts freie und wild wuchernde Übersetzung von Rabelais’ Gargantua und Pantagruel zeigt, wie wichtig das Komische und das Groteske für Wortschöpfungen und kreative Sprachentwicklung sind. Das Aufzählen und Aneinanderreihen, aus dem sich Rabelais’ Komik schöpft, spielt auch für viele andere komische Texte eine Rolle. So sinniert Georg Christoph Lichtenberg in seinen Sudelbüchern: »Es gibt eigentlich 62erlei Arten, das Gesicht mit einem Ellbogen zu unterstützen« – die verschachtelte und verkomplizierte Aufzählung derselben bringt dann jedoch kaum Klarheit in diesen wohl wenig untersuchten Sachverhalt. Das Spiel mit Ordnung und Chaos und auch das Zusammenführen von Banalitäten des Alltags mit einer beinahe wissenschaftlichen Vorgehensweise scheinen zu den Grundstrukturen des Komischen zu gehören und tauchen auch im 20. Jahrhundert immer wieder auf, zum Beispiel bei Karl Valentin oder bei Jörg Metes und Tex Rubinowitz mit ihren Listen, die die Welt erklären.

     

    Da die Sammlung sich mit wenigen Ausnahmen auf komische Erzähltexte beschränkt, tauchen Goethe und Schiller nicht auf; Lessing ist nur mit fünf wenig lustigen kirchenkritischen Zeilen (»Die Sperlinge«) vertreten. Ohne Höhenkamm kommt aber auch ein komischer Kanon nicht aus. Im 19. Jahrhundert zum Beispiel scheinen sich besonders viele der großen Namen der deutschen Literatur auch im komischen Fach erprobt zu haben, darunter Johann Peter Hebel, Jean Paul, Ludwig Tieck, E.T.A. Hoffmann, Heinrich von Kleist, die Gebrüder Grimm, Heinrich Heine, Theodor Fontane, Gottfried Keller oder Wilhelm Raabe. Wilhelm Busch ist natürlich auch vertreten. In einem Auszug aus der Reiseerzählung Der Schmetterling lässt sich der selten gelesene Prosa-Busch entdecken, der allerdings an den reimenden nicht heranreicht. Ebenfalls ins 19. Jahrhundert gehört Friedrich Theodor Vischer, dessen Formel von der »Tücke des Objekts« – ohne die heute keine Slapstick-Analyse mehr auszukommen scheint – größere Berühmtheit erlangt hat, als der durchaus lesenswerte komische Roman, aus dem sie stammt: Auch Einer von 1879, aus dem Arntz einige Ausschnitte abdruckt.

     

    Komik im Jahrhundert der Weltkriege

    Nach über 300 Seiten tauchen im frühen 20. Jahrhundert mit Franziska zu Reventlow und Sir Galahad (Bertha Helene Diener) die ersten komischen – und heute wohl nur noch wenig bekannten – Erzählerinnen auf. Beide sind es mit ihrer spritzigen, ja, geradezu coolen Prosa, wert, wiederentdeckt zu werden. Erst nach 1945 erhalten zu Reventlow und Sir Galahad von Ilse Aichinger, Brigitte Kronauer, Fanny Müller und Susanne Fischer Unterstützung. Trotz bekundeter Bemühungen seitens des Herausgebers war da offenbar einfach nicht mehr zu holen. Und gegen das Hausbuch der literarischen Komik, in dem sich trotz Einbezug fremdsprachiger Texte Jane Austen und George Eliot allein auf weiter Flur bewegen, kann man Arntz’ mutige Sechs fast schon als große Ausbeute betrachten.

     

    Geht man von dem ihm gewidmeten Umfang aus, muss das 20. Jahrhundert trotz zweier Weltkriege ein besonders komisches gewesen sein. Wahrscheinlich spielen für Komik aber eben doch auch zeitliche, kulturelle und soziale Aspekte eine Rolle, sodass es uns leichter fällt, mit Thomas Mann über ein kleines Eisenbahnunglück, mit Hermann Hesse über den Vegetarismus oder mit Robert Walser über Montagvormittage im Großraumbüro zu lachen. Hinzu kommt, dass das Komische – und komische Prosa noch dazu – lange zu den weniger hochgelobten Künsten zählte – und womöglich bis heute zählt. Heiko Arntz’ Anthologie trägt also vielleicht tatsächlich dazu bei, das Komische endlich und weiter zu kanonisieren – auch wenn der Begriff des Kanons fast schon aus der Zeit gefallen zu sein scheint.

     

    Wie die komischen Listen Rabelais’ oder Lichtenbergs reiht auch der Komische Kanon scheinbar Nicht-Zusammenpassendes aneinander. So lässt er zum Beispiel Karl Valentin zwischen Robert Musil und Franz Kafka auftauchen und konterkariert damit einschränkende Rezeptionen von ersterem als kalauernden bayrischen Volkskomiker und letzteren als kaum zu durchdringenden Höhenkammliteraten. Vom noch immer überwiegend als ›kafkaesk‹ gelesenen Kafka sind gleich eine ganze Reihe komischer Kurzerzählungen und Romanstellen angeführt. Vielleicht kommt diese Kafka-Lesart, für die sich jüngst auch Astrid Dehe und Achim Engstler in Kafkas komische Seiten stark gemacht haben, irgendwann auch in den Klassenzimmern an.

     

    Die Komik der Gegenwart?

    Wie jede Sammlung hat auch der Komische Kanon den ein oder anderen blinden Fleck. Neben der offenbar schwer zu behebenden weiblichen Unterrepräsentation fehlen natürlich auch diejenigen komischen Dichter, die sich nicht als Erzähler betätigt haben. Macht Arntz da beim multimedialen Alleskönner Karl Valentin noch eine Ausnahme, in dem er neben einigen komischen Prosatexten Valentins auch Dramatisches wie Wie heißt der Notenwart? oder die Anekdote vom Zufall abdruckt, hätte man sich eine solche Sonderregelung vielleicht auch für Nestroy wünschen können, dessen sprühender Sprach- und Körperwitz dann doch irgendwie fehlt. Kaum entschuldbar und unerklärlich ist das Fehlen Thomas Bernhards im Komischen Kanon über dessen Romane im Nachwort nur der kleine Satz fällt, sie gehörten »möglicherweise voll und ganz hierher«. Wie gut hätte sich auch Bernhards Kurzprosa aus dem Stimmenimitator in die Sammlung eingefügt!  

     

    Unter den jüngeren komischen Autoren finden sich unter anderem Loriot, Robert Gernhardt, Eckhard Henscheid, Max Goldt, Wilhelm Genazino und natürlich der eingangs erwähnte Gerhard Polt mit dem bitterbösen Monolog des Herrn Grundwirmer über seine ›Katalog-Asiatin‹ Mai Ling.

     

    Über die Komik der Gegenwart gibt die Sammlung indes keinen Aufschluss. Sie endet 1999, ohne größere kanonische Risiken einzugehen: Ausgewählt wurden nur Texte von Autoren, die sich bis zur Jahrtausendwende bereits qualitativ und quantitativ bewährt hatten, wie der Herausgeber im Vorwort angibt. Bleibt zu hoffen, dass der Nachfolge-Kanon nicht weitere 500 Jahre auf sich warten lässt.

     

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