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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 26. Juni 2017 | 10:55

    Florian Freistetter: krawumm! ein plädoyer für den weltuntergang

    30.07.2012

    Galaxien aus Glühbirnen

    Florian Freistetter frischt in krawumm! Ein Plädoyer für den Weltuntergang unser kosmologisches wissen auf. von CRAUSS.

     

    das buch ist knackig aufgemacht und grösstenteils ebenso geschrieben. krawumm! macht es in comic-schrift bereits auf dem umschlag. ein meteoroid stürzt auf die erde zu und zerbricht sie. Florian Freistetter, wissenschaftsjournalist in jena, holt den leser dort ab, wo er sich befindet: viele machen sich sorgen wegen des »endenden« maya-kalenders oder anderer prophezeihungen nahender apokalypse. viele sind sogar so hysterisch, dass Freistetter dem krawumm! gleich ein zweites buch nachgereicht hat. in 2012 keine panik versucht er darzulegen, weshalb es (zumindest dieses und in den nächsten hundert oder tausend jahren) nicht zum weltuntergang kommt.

     

    der autor betreibt mit astrodicticum simplex einen sternweiser-blog, bei dem das feedback der leser wichtig ist, daher besteht krawumm! vor allem aus in kapitel und verständliche sprache gefassten blogeinträgen zum thema kollisionen im kosmos. wie der weltenschöpfer nimmt Freistetter sich sieben kapitel lang zeit, um sich von der kleinsten karambolage zum grössten knall aller zeiten vorzuarbeiten. »im all stehen katastrophen auf der tagesordnung. der weltuntergang ist – aus kosmischer sicht – etwas völlig normales […] wir vergessen dabei oft, dass die gleichen kollisionen, die uns menschen, unsere zivilisation oder gar unseren planeten komplett auslöschen können, überhaupt erst dafür verantwortlich sind, dass es uns gibt.« gemeint ist damit neben dem urknall und  dem ineinanderstossen zweier kosmen vor allem die kernfusion und die dadurch entstehende gravitation der sonne.

     

    krawumm! ist ein sehr lesenswertes buch, weil es vieles, was wir aus dem physikunterricht oder aus schnellen medien nur noch vage im kopf haben, einmal mehr veranschaulicht oder ins gedächtnis ruft, ohne sich in kompliziertem wissenschaftsdeutsch zu verlieren. »heute hat die erde einen kern aus eisen, der in etwa so gross wie der mond ist.« das klingt nicht nach grober vereinfachung, das kann man sich merken. ganz so haben es ja auch die entdecker gemacht: sie liessen einen apfel auf die erde fallen, um die schwerkraft zu erklären, oder sie bauten glühbirnenmodelle wie der schwedische astronom Holmberg, um herauszufinden, was bei einer kollision ganzer galaxien passiert.

     

    manchmal schreibt Freistetter auch, »man versucht am besten erst gar nicht, sich konkret vorzustellen, worum es sich [zb. bei einer wahrscheinlichkeitswelle in der quantenmechanik] handelt.« andererseits habe ich nun endlich begriffen, wie ein schwarzes loch funktioniert, dass der mythos vom marsmenschen auf einem übersetzungsfehler beruht, oder dass »die charakteristische spur einer sternschnuppe« nicht entsteht, weil ein kosmisches staubkorn in der erdatmosphäre verglüht (»okay, das macht das staubkorn auch, aber das allein wäre nicht so hell, dass wir es vom erdboden aus sehen können.«), sondern durch die reibung zwischen dem meteor und der luft bzw der dadurch entstehenden hitze.

     

    Freistetter betont immer wieder, dass einige astronomisch wegweisende erkenntnisse von hobbyisten getan wurden, die eigentlich stenograph, postbeamter oder musiker (wie F.W. Herschel, dem entdecker des uranus) und bierbrauer waren (wie R.C. Carrington, dem deuter der sonnenflecken).

     

    leider ist es heute so, dass viele amateursterndeuter das bedürfnis haben, ihre beobachtungen mit esoterischen untergangsszenarien zu verknüpfen. dem versucht Freistetter durch vorträge und eben auch seine bücher einhalt zu bieten, indem er ausführlich erklärt, weshalb genau der weltuntergang nicht stattfindet. hier und da lässt er sich sogar auf die absurden asteroiden- oder planet-x einschlagsszenarien ein und legt dar, dass wir uns im fall der knälle »nicht so sehr darauf konzentrieren [sollten], den asteroiden zu zerstören. gewalt ist keine lösung,« es wäre »sogar so ziemlich das dümmste, das man in so einer situation machen kann,« da sich durch beschuss nur noch mehr gefährliche brocken bilden. stattdessen sei ein »anstupsen« oder rechtzeitiges ablenken von seiner bahn viel leichter und sicherer. dass wir einen uns bedrohenden himmelskörper schon lange im voraus wahrnehmen werden und er sich nicht »hinterrücks« anschleicht, scheint ohnehin klar.

     

    »sterne sind  enorm grosse gebilde und sie [genauso wie die entfernungen zwischen ihnen] passen einfach nicht in unsere köpfe. wie sollen wir uns da erst vorstellen, was passiert, wenn zwei dieser giganten miteinander kollidieren?« am ende, nämlich ausgerechnet im kapitel über die komplizierten string-theorien (dem versuch, die relativitätstheorie mit der bislang nicht zu vereinbarenden quantenmechanik zusammenzubringen) – am ende beobachte ich, wie Freistetter mein laiengehirn animiert hat, gegenfragen zu stellen und die von ihm vorgestellten wissenschaftlichen ansätze weiter zu denken. das ist nicht nur »spannend«, wie der ecowin verlag aufs buch schreibt, sondern ein gewinn!

     

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