Jim & Judy
Und auch Jim bricht heraus aus seiner Käfigwelt, seinem künstlichen Paradies. Er beginnt nämlich – und wen wunderts – zu klettern. Erst auf den Balkon – dort zeigt er den Bewohnern sein mächtiges Geschlecht, Opitz erblasst vor Neid! –, dann auf einen Baum und schließlich des Nachts über die Mauer des Grundstücks. Und ein Ende wie im Film: das Geräusch quietschender Reifen, ein dumpfer Schlag. Und Opitz und Frau rennen in Panik ins Freie. Anne verliert zuletzt noch die Kontrolle über das von ihr gerettete Wesen.
Sollen wir Leser daraus etwa lernen, dass Langeweile und zu viel Geld zu allzu verrückten Phantasiewelten führen können? Nein, didaktisch ist Thomas Lang nicht. Das zeigt er auch in seinen früheren Werken, in Than, Unter Paaren. Vielmehr ist ihm ein Sinn für eine gewisse Ironie, einen komischen Unterton nicht abzusprechen. Der 1967 geborene Autor ist Kind einer Generation, die noch mit Serien wie Daktari, dem Affen Judy und dem schielenden Löwen Clarence aufgewachsen ist.
Spielerisch zumindest schleicht sich Thomas Lang in seinen Erzähltext ein. Wie in Goethes großem Urtext »Eduard – so nennen wir« beginnt er mit derselben Initialzündung: »Wir setzen ein« und schließt im Finalsatz »Damit hören wir auf.« Auch dieser poetologische, auktoriale Rahmen setzt dem Alten aus Weimar ein Denkmal. Wie in dessen Text erfolgt auch in Jim der Blick zurück, die Rückschau auf einen gemeinsamen Urlaub mit Mundt im klassischen Arkadien, in Tarquinia, das Motiv der Sexualität, des Triebs verankernd. Denn dort betrachten sie die frühen erotischen Fresken in den etruskischen Grabkammern.
Beinahe trivial zu deuten ist ebenfalls das stilistische Gegensatzpaar bestehend aus Banalitäten italophiler Lebensart und den Anspielungen auf Hochkultur. Eingestreut auch ein Zitat, hinter dem sich die lyrische Tradition des großen Peter Rühmkorf versteckt: das Spiel mit Kinder- und Abzählreimen, wie es der Hamburger in seiner Göttinger Poetikvorlesung von 1999 Wo ich gelernt habe vorgibt. Kompositorisches Spiel klingt nicht zuletzt in den Kapitelüberschriften von Jim an, die Zweiteilung in »linke Hand«, »rechte Hand«, das Abzählen jedes einzelnen Fingers. Das Solmisationsspiel als kompositorisches Prinzip, ein Herunterzählen wie im Boxring, der Kampf ist beendet. Jedenfalls für Frank Opitz. Fast ohne Pathos. Den Leser mags freuen.