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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 28. April 2017 | 23:37

    Thomas Lang: Jim

    02.07.2012

    Wahlverwandtschaft mit Gorillas

    Thomas Langs neueste Erzählung Jim ist ein intimes Kammerspiel frei nach Goethes chemischer Experimentierfreudigkeit. Und auch in Langs moderner Version leben die vier mehr oder weniger handelnden »Personen« in einem goldenen Käfig, findet HUBERT HOLZMANN.

     

    Den Ausgangspunkt in Thomas Langs Erzählung Jim bildet ein Paar, lange schon verheiratet, auseinandergelebt im Alltag. Die gemeinsame Romantik des Anfangs ist längst ausgeträumt. Die Hauptperson heißt Frank Opitz und ist Schriftsteller. Ein verkannter. Der Erfolg völlig ausgeblieben. Stattdessen lebenslang Schreibkrise. Also arbeitet er gelegentlich journalistisch und gräbt Werke längst vergessener symbolistischer Autoren aus. Außerdem leidet er seit einem Unfall unter fürchterlichen Schmerzattacken im linken Arm. Seine Frau Anna ist erfolgreich, sie beschäftigt sich mit Innenarchitektur.

     

    Beide trennen Welten. Auch darum läuft zwischen ihnen rein gar nichts mehr. Diese Situation benötigt jetzt rein formal gesehen einen Dritten. Und wirklich öffnet sich bei Thomas Lang die Spielwiese für einen dahergelaufenen Gockel, einen etwas angegrauten zwar – vielleicht könnte man ihn sogar abgetakelt nennen. Tobias Mundt ist ein Fernseh-Showmaster, den das Paar aus einem früheren Italienurlaub kennt und der noch heute wegen seiner einstigen Erfolge vor Selbstbewusstsein und Potenz nur so strotzt. Nach seinen Auftritten bleibt für den Leser dennoch meist ein schaler Nachgeschmack.

     

    »Hier ist eine Trennung, eine neue Zusammensetzung entstanden«

    Das Spiel von »A, B, C« beginnt. Doch wer vervollständigt dieses etwas eigenartige Quartett? Es ist der »Titelheld« Jim. Ein Orang Utan-Jungtier, das von einem illegalen Tierhändler befreit wurde und nun von Anna bis zur Auswilderung im Garten aufgezogen wird. Ihr Engagement für die bedrohte Tierwelt scheint echt – jedenfalls ist es glaubwürdiger als das des derzeitigen spanischen Monarchen, der Exotisches vor allem vor dem Visier seiner Schusswaffen liebt. Annas Affenliebe signalisiert vor allem aber: Sie ist von sich selbst überzeugt.

     

    Der Garten ist neben dem Haus ein wichtiger Schauplatz, ganz wie in Goethes Roman. Nur dass es nicht um eine Neuanlage, um Pflanzungen und Perspektiven eines englischen Gartens geht, sondern um ein »stylisches« Gartenbett einer Lebensart-Firma für das Bildungsbürgertum. Das Freigehege also ein bewusst gestalteter Lebensraum für den Menschen. Für Anna ein Zeichen von Freiheit, Selbstständigkeit. Und es unterstreicht ihre Nähe zu Jim. Das Ehebett ist für Opitz reserviert.

     

    Das Bett bedeutet für Opitz Rückzug. Das Überstehen der Schmerzen. Ein Ort, um über Literatur nachzudenken. Über vergessene Dichter: ganz nach Gottfried Benns Motto »Wer allein ist, ist auch im Geheimnis«. Thomas Lang spielt mit diesem Zitat, verwandelt es leicht – Opitz trifft eben nicht immer ins Ziel. Er erinnert so ungefähr. Und kopiert. So zum Beispiel in seinen ersten Erzählungen als junger ambitionierter Schriftsteller. Doch auch das interessiert niemanden mehr. Epigonensterben. Und alles überschattet seine Angst. Vor den Schmerzen. Im Traum verfolgt er seine Umwelt, versucht es mit Therapien, zuletzt mit einer Spiegeltherapie.

     

    Versucht Opitz in seinen Träumen zu Beginn noch »eine Horde frecher Kinder« zum Schweigen zu bringen – »seine ausgestreckte Monsterhand schlägt ohnmächtig rasend auf die Bettdecke ein« –, so erfährt er im Verlauf der Geschichte Befreiung von Angst und Ausgeliefertsein. Wie in großer Oper – jedenfalls in Peter Konwitschnys Regiearbeiten – greift Opitz zur Kettensäge und entledigt sich – seiner Angst vor dem Affen, Annas Gartenbetts und entsorgt damit nicht zuletzt auch seinen Kontrahenten Mundt: »Opitz startete die Kettensäge. Die Picco duro schnitt durch das Douglasienholz wie Butter. Er machte das verdammte Bett kurz und klein, sogar die Matratze rissen die gehärteten Sägezähne in tausend Fetzen. Die Stücke warf er Mundt hinterher, er vertrieb ihn so aus dem Garten. Und seine Hand hielt stand. Diese neue Hand.«

     

    Jim & Judy

    Und auch Jim bricht heraus aus seiner Käfigwelt, seinem künstlichen Paradies. Er beginnt nämlich – und wen wunderts – zu klettern. Erst auf den Balkon – dort zeigt er den Bewohnern sein mächtiges Geschlecht, Opitz erblasst vor Neid! –, dann auf einen Baum und schließlich des Nachts über die Mauer des Grundstücks. Und ein Ende wie im Film: das Geräusch quietschender Reifen, ein dumpfer Schlag. Und Opitz und Frau rennen in Panik ins Freie. Anne verliert zuletzt noch die Kontrolle über das von ihr gerettete Wesen.

     

    Sollen wir Leser daraus etwa lernen, dass Langeweile und zu viel Geld zu allzu verrückten Phantasiewelten führen können? Nein, didaktisch ist Thomas Lang nicht. Das zeigt er auch in seinen früheren Werken, in Than, Unter Paaren. Vielmehr ist ihm ein Sinn für eine gewisse Ironie, einen komischen Unterton nicht abzusprechen. Der 1967 geborene Autor ist Kind einer Generation, die noch mit Serien wie Daktari, dem Affen Judy und dem schielenden Löwen Clarence aufgewachsen ist.

     

    Spielerisch zumindest schleicht sich Thomas Lang in seinen Erzähltext ein. Wie in Goethes großem Urtext »Eduard – so nennen wir« beginnt er mit derselben Initialzündung: »Wir setzen ein« und schließt im Finalsatz »Damit hören wir auf.« Auch dieser poetologische, auktoriale Rahmen setzt dem Alten aus Weimar ein Denkmal. Wie in dessen Text erfolgt auch in Jim der Blick zurück, die Rückschau auf einen gemeinsamen Urlaub mit Mundt im klassischen Arkadien, in Tarquinia, das Motiv der Sexualität, des Triebs verankernd. Denn dort betrachten sie die frühen erotischen Fresken in den etruskischen Grabkammern.

     

    Beinahe trivial zu deuten ist ebenfalls das stilistische Gegensatzpaar bestehend aus Banalitäten italophiler Lebensart und den Anspielungen auf Hochkultur. Eingestreut auch ein Zitat, hinter dem sich die lyrische Tradition des großen Peter Rühmkorf versteckt: das Spiel mit Kinder- und Abzählreimen, wie es der Hamburger in seiner Göttinger Poetikvorlesung von 1999 Wo ich gelernt habe vorgibt. Kompositorisches Spiel klingt nicht zuletzt in den Kapitelüberschriften von Jim an, die Zweiteilung in »linke Hand«, »rechte Hand«, das Abzählen jedes einzelnen Fingers. Das Solmisationsspiel als kompositorisches Prinzip, ein Herunterzählen wie im Boxring, der Kampf ist beendet. Jedenfalls für Frank Opitz. Fast ohne Pathos. Den Leser mags freuen.

     

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