Roth ist ein »literarischer Etappenfahrer« mit gewaltigem erzählerischen Stehvermögen. Seine Romane bauen aufeinander auf, ergänzen sich und enthalten unzählige Querverweise. Mit dem im letzten Jahr erschienenen Monumentalepos Orkus hat er eine Art »Zwischenbilanz« gezogen und seine beiden opulenten Erzählzyklen beendet.
Gerhard Roth, der am 24. Juni 1942 in Graz als Sohn eines Arztes geboren wurde, studierte nach dem Willen seines Vaters zunächst Medizin, brach aber früh sein Studium ab. Von 1966 bis 1977 arbeitete Roth als Programmierer und Organisationsleiter im Grazer Computerrechenzentrum, um (neben seiner literarischen Arbeit) ein halbwegs solides Auskommen zu haben.
Fasziniert von Wolfgang Bauer, dem literarischen Lokalmatador seiner Heimatstadt Graz, veröffentlichte er in den frühen 70er Jahren zunächst experimentelle Prosa: »Ich wollte allen Ernstes unverständlich schreiben. Nicht verstanden werden – das war mein ästhetisches Ziel! Der Erfolg hat sich allerdings in Grenzen gehalten«, resümiert Gerhard Roth im Rückblick auf seine literarischen Anfänge.
Leichte Kost sind seine Romane allerdings nicht. Ein Hauch von Rätselhaftigkeit ist zu Roths Markenzeichen geworden. Seine ausschweifende Erzählweise mit Exkursen in die Welt der bildenden Künste, der Psychiatrie, der Philosophie und der Geschichte macht es den Leser nicht immer einfach, dem erzählerischen Faden zu folgen. Das ist durchaus intendiert, denn in vielen Roth-Romanen begegnen wir im Hintergrund auch Motiven von Kriminalfällen.
Ein großzügiger Vorschuss des S. Fischer Verlags ermöglichte es Gerhard Roth, sich ganz auf seine schriftstellerische Arbeit an den Archiven des Schweigens zu konzentrieren. 1980 erschien als erster Band des Zyklus' Der stille Ozean. Mittelpunkt des aus den unterschiedlichsten literarischen Gattungen zusammengesetzten Zyklus', in dem Fiktion und (auch fotografische) Dokumentation ineinander fließen, ist das 1984 erschienene 800-Seiten-Buch Landläufiger Tod.
Seit rund 30 Jahren lebt Roth – Vater von vier Kindern (darunter der Regisseur Thomas Roth, der auch Drehbücher seines Vaters verfilmte) – mit seiner Frau abwechselnd auf einem alten Bauernhof in der Südsteiermark und in Wien. Die steirische Hügellandschaft an der Grenze zu Slowenien, deren Bewohner und die von Roth dort zusammengetragenen Anekdoten haben ebenso Eingang in seine Bücher gefunden wie das rege gesellschaftliche Treiben in der österreichischen Hauptstadt. Zudem bedient sich der Autor bei seiner Arbeit eines umfangreichen Fotoarchivs, das für ihn die Funktion eines literarischen Notizblocks übernommen hat.
Pünktlich zum runden Geburtstag ist nun ein Band mit 16 biografischen Texten erschienen, in denen sich Roth über Begegnungen mit Persönlichkeiten auslässt, die in seinem Leben Spuren hinterlassen haben. Die Bandbreite reicht von Ex-Kanzler Bruno Kreisky über André Heller und Tennessee Williams bis zu Thomas Bernhard.
Gerhard Roth, der im Laufe der Jahre mit vielen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde (u.a. 2003 mit dem Goldenen Ehrenzeichen der Stadt Wien), ist fraglos einer der wichtigsten zeitgenössischen Schriftsteller Österreichs, beinahe schon ein Klassiker zu Lebzeiten.