Spiel mit Zahlen, Zeiten und Spiegeln
Und sie sind verschieden lang, die längste Geschichte hat 29 Seiten, die kürzeste vier Zeilen. Sie geht so:
Am Ufer der siebten Insel, auf der ich strande, weht eine deutsche Fahne. Ich versuche mit letzter Kraft, das noch fehlende Stück zum rettenden Strand zu kraulen, wo ein Mann steht und mir zuruft: 'Mann, können Sie nicht lesen? Hier ist Schwimmen strengstens untersagt!'
Der achtzehnten und letzten Insel im Buch sind in der Erzählung selbst »sechzehn oder siebzehn oder vielleicht noch mehr« vorangegangen: »Ich weiß nicht mehr, die wievielte Insel es ist.« Aber wir Leser wissen inzwischen, dass das mit dem Stranden noch viel komplizierter ist als gedacht, und gleichzeitig seltsam vertraut. Die letzten Inseln nämlich sind eine ganze Kette inmitten eines endlosen Ozeans. Der Erzähler verlässt eine nach der anderen durch unerhörte Kraftakte, gegen die Brandung anschwimmend oder auf improvisierten Flößen, jedes Mal hoffend, die nächste könnte ihm bessere Chancen zum Überleben bieten, jedes Mal danach überzeugt, solche Kraft nie wieder aufzubringen. Ganz allein unterm freien Nachthimmel, beim tiefen Blick ins Universum, hat er »ein unbeschreibliches Gefühl« und weiß, er wird sich wieder aufraffen. »Ich bin schon soweit gekommen! Und jetzt aufzuhören, aufzugeben, das hätte wirklich keinen Sinn.«
Aus dem Ende wird fast unbemerkt und geheimnisvoll ein ewiger Anfang. So schließt sich der Bogen zur neun Zeilen langen Anfangsgeschichte, die einen ostentativ knalligen Endpunkt gesetzt hat: »Ich hatte nicht die geringste Chance. Aber es war auch kein faires Spiel.« Und mit diesem Stichwort wiederum wird gleichzeitig das Spiel eröffnet: Das ganze wunderschön gestaltete Buch ist auch ein Spiel mit Zahlen und Zeiten, eine geheimnisvoll verschachtelte Komposition aus bildmächtigen Texten. Und sie werden noch einmal kongenial gespiegelt in den ebenso kunstvollen, zart kolorierten, haarfeinen Illustrationen von Christian Schneider.
Eine erste Version dieser Rezension wurde am 25. April 2012 bei Deutschlandradio Kultur veröffentlicht, ein Gespräch mit Pieke Biermann ist als Audio on Demand verfügbar.