• losttorrent
  • richtorrent
  • pushtorrent
  • Titel-Magazin
    TITEL kulturmagazin
    Montag, 26. Juni 2017 | 02:02

    Stefan Sprang: Boy Meets Girl

    11.06.2012

    Der Meister melancholischer Töne

    Stefan Sprang zum Dritten: Im Kurzgeschichtenband Boy meets Girl erklärt der Essener Autor seine Liebe der wohl schönsten aller Frauen: Der Liebe selbst! Von MARTIN SPIESS

     

    Es gibt zwei Arten, über die Liebe zu schreiben: die verklärt romantische und die realistische. Verklärt romantische Geschichten haben ein Happy End oder sind zumindest optimistisch. Sie feiern die Liebe als möglich, als allgegenwärtig und immer bereit, zwei Menschen zueinander zu führen.

     

    Realistische Liebesgeschichten hingegen fangen da an, wo schon alles vorbei ist oder alles vorbei zu sein beginnt. Und sie sagen, dass eben nicht immer und überall die Liebe wartet. Sondern dass alles vorbei geht, irgendwann. Unnötig zu erwähnen, dass letztere – gerade wegen ihres Realismus und ihrer Melancholie – die besseren Liebesgeschichten sind.

     

    Das Glück, nur ein vermuteter Traum

    Stefan Sprang ist – um gleich mit der sprichwörtlichen Tür ins Haus zu fallen – ein Meister melancholischer Töne. Düster und verbittert ging es bereits in seinem preisgekrönten Hörspiel helden:tot (2007) zu, in dem der geschasste Werber Marcus Wennmann mit der Welt abrechnet, von seiner Kindheit erzählt, von seinen Träumen, seiner Jugendliebe und schließlich davon, wie er alles verlor. Und auch in Sprangs 2011 erschienenen Roman Fred Kemper und die Magie des Jazz erlischt die Liebe – diesmal die Liebe zur Musik – nach einer kurzen Zeit des beinahe verzehrenden Glühens.

     

    Und auch in Boy meets Girl geht es wieder um verpasste Chancen und zerbrochene Lieben, nicht um das strahlende Glück. Das Glück ist in den Geschichten stets ein entfernt vermuteter Traum, der selten oder gar nicht geträumt wird. Es wird erhofft und gefeiert, das große Glück der erfüllten und erfüllenden Liebe; Sprang aber enthält es seinen Figuren vor. Der Leser hofft bei jeder Geschichte auf das Ende von Schmerz oder den Beginn von Glück. Aber Liebe ist zwar, wie Richard Curtis für »Love, Actually« erschreckend uneloquent schrieb, »überall«, sie hält bei Sprang jedoch nicht an. Durch ihr Sterben aber wird ihr Leben umso süßer.

     

    Keine Liebe, nirgends

    Sprang aber erzählt nicht einfach eine Menge x trauriger Geschichten, seine Figuren sind miteinander verknüpft: Im Prolog werden sie – noch Jugendliche – vorgestellt, und dann geht Sprang von Figur zu Figur: Von »Alexander, dem Adligen«, der nicht weiß, was er mit der Frau anfangen soll, die er online kennengelernt hat, zu »Jens, dem Athletischen«, der, gerade verlassen, im Zug sitzt, auf dem Heimweg vom letzten Besuch seiner jetzt Exfreundin. Und von »Jutta, der roten Zora«, die, von ihrem Verlobten verlassen, in der dunklen Wohnung sitzt und trinkt, zu »Katharina, dem Rapunzelchen«, die sich mit einem Musiker und Wasserballsportler einlässt, nur um am Ende alleine und schwanger zu sein.

     

    Und auch Marcus Wennmann, der tragische Held aus helden:tot, hat einen Auftritt in Boy meets Girl. Aber selbst (oder vielmehr gerade) ihn, der es so sehr verdient hätte, glücklich zu sein, lässt Sprang verlieren. Wenngleich das – bei all der Empathie mit der Figur – im ersten Moment schmerzt, es ist Zweifels ohne die bessere Geschichte.

     

    Sätze, die man sich in die Haut ritzen will

    Bei all der Liebe, Melancholie und Bedeutungsschwangerschaft entsteht jedoch kein Kitsch. Zu dicht ist Sprangs Sprache, zu pointiert und zu klar, als dass es Zwischenräume geben könnte, in denen der schwülstig-unsägliche Ton eines Paulo Coelho Platz finden könnte. Ganz im Gegenteil wartet Sprang mit Sätzen auf, die man sich in die Haut ritzen und an Häuserwände sprühen will. Sätze, die man betrunken von den Dächern der Stadt rufen und zu Songzeilen machen will: »Alkohol ist keine Lösung, aber er macht die Zeit angenehmer, bis man eine gefunden hat.« Der Stärkste aber, bezeichnenderweise in der letzten Geschichte, ist: »Ist die wahre Liebe nicht stets die unerfüllte?«

     

    Bessere Geschichten hätte der kleine Berliner Kulturmaschinenverlag wohl kaum finden können. Der – und hier findet sich auch das einzige Manko des Buches – eben diese durchweg großen und großartigen Geschichten zwischen zwei Buchdeckel getan hat, die nur als Scherz gemeint sein können: Katastrophale Farbauswahl und -kombination sowie unübersichtliche Textmengen auf der Rückseite des Buches erinnern eher an eine Abi-Zeitung. Das Buch ist, mit einem Wort, hässlich.

     

    Am Ende ist das zwar ärgerlich, aber zu verschmerzen. Am Ende ist nur wichtig, dass es mit Stefan Sprang so ist wie mit dem US-amerikanischen Schauspieler Ethan Hawke. Über dessen Debütroman Hin und weg schrieb die Süddeutsche Zeitung 1997: »Wer heute über die Liebe schreibt, kann es eigentlich nur so machen.« Was Sprang angeht, kann man das »eigentlich« getrost streichen.

     

    | kommentar schreiben

    Name:
    Kommentar:

    ... bis sie dann gestorben sind.

    Wenn Comics sich klassischen Märchenmotiven widmen, dann tun sie das meist in Form einer eher überzogenen Parodie. Selbst wenn sich dahinter so viel Sophistication verbirgt wie hinter ...

    Musik in Schwarz-Weiß

    Noch ein paar Tipps für die Tage in denen Stimmung und Landschaft sich den Grau-Tönen nähern und die richtige Musik dabei hilft, ruhige Momente zu ...

    Zwischen Karikatur und Avantgarde

    Lyonel Feininger ist eine Ikone der Klassischen Avantgarde. Er hat einen festen Platz im Lieblingsmaler-Pantheon. Doch auch solch ein Weltrangmeister ist nicht vom Himmel gefallen. Die Ausstellung ...

    Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

    Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

    Wer will fleißige Handwerker sehn

    Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

    NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter