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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 26. Mai 2017 | 07:33

    Sigrid Damm: Wohin mit mir

    02.07.2012

    Römische Elegien

    Manchmal wartet das Leben mit überraschenden Alternativen auf: ein mediterran anmutendes Rom gegen das nördliche Lappland, Lärm und Abgase gegen Kontemplation und Abgeschiedenheit. Wohin mit mir fragt sich Sigrid Damm angesichts dieser auseinanderstrebenden Möglichkeiten. Von INGEBORG JAISER

     

    Sie gilt als Grande Dame der literarischen Biographie, als überaus feinsinnige, einfühlsame Erzählerin, die in meisterhafter Verquickung von Fakten und Fiktion die Lebenslinien längst vergangener Größen vor uns ausbreitet. Ihre zahlreichen Arbeiten, Darstellungen, Miniaturen und Essays haben uns Klassiker wie Goethe, Schiller, Mörike ungewohnt nahe gebracht, haben unser Herz geöffnet für die Frauen an Goethes Seite, das ungewöhnliche Leben von Caroline Schlegel-Schilling oder das bedrückende Schicksal des Dichters Lenz.

     

    »Geschichte an sich ist doch totes Material, es wird doch nur durch uns Heutige lebendig, durch unsere Zuwendung, unsere Interessen«, erklärt Sigrid Damm in einem Interview.

     

    Spurensuche und Selbstbefragung

    Doch was passiert, wenn die Spurensuche in fremden Lebensläufen und vergangenen Zeiten sich zur intimen Selbstbefragung wandelt? Wenn nicht die großen Protagonisten der Weltliteratur im Mittelpunkt stehen, sondern das eigene Empfinden und Erleben? Wenn das tiefe Abtauchen in die Vergangenheit der unmittelbaren Gegenwart weicht?

     

    Gerade, als Sigrid Damm 1999 an einem ihr wichtigen Text-Bildband über Lappland arbeitet und für sich selbst den hohen Norden als neuen Lebensmittelpunkt entdeckt, nehmen ihre Geschicke eine unerwartete Wendung. Für die zweite Jahreshälfte wird ihr als Stipendiatin ein Aufenthalt in der Casa di Goethe in Rom zugesprochen. Zum ersten Erstaunen gesellt sich Widerwillen. »Eingepackt, zugeschnürt, liegt das Geschenk vor mir. Ich erwäge sogar, es zurückzugeben.« Alles spricht gegen eine Abreise: Sigrid Damm wird zum ersten Mal Großmutter und ihr aktuelles Buch Christiane und Goethe entwickelt sich zum Publikumsrenner. Doch das Stipendium ist Ehre und Verpflichtung zugleich.

     

    Italienische Reise

    Mit ambivalenten Gefühlen reist die Autorin nach Rom. Erst nach einer wochenlangen Eingewöhnungsphase in die laute, hektische, turbulente Stadt Chor von Autohupen, Preßlufthämmern, Sirenen von Polizei- und Krankenwagen, das ständige minutenlange Heulen der Fehlalarme…«) will sich das einstellen, was einst Goethe mit Klarheit und Ruhe überschrieben hat. Abwartend und abwägend lässt Sigrid Damm Orte und Mensche, Gedanken und Empfindungen zu. Wohin mit mir ist das sehr persönliche Tagebuch dieser vorsichtigen Annäherung.

     

    Die (fast) täglichen Skizzen, Notate, Reflektionen zeugen von anfänglichem Zweifel und Suchen, von ersten Freundschaften und Zufallsbekanntschaften – bis sich Sigrid Damm einen Pfad ebnet, der ihrer jahrzehntelangen Vorgehensweise entspringt: eigenen Ausdruck über den Umweg der Leben anderer Menschen finden. Empathie, Umsicht und verhaltene Neugier sind ihre Begleiter. Inspirieren lässt sie sich nicht nur von Goethe, der 1786/87 an seinem ewigen Sehnsuchtsort weilte, sondern von einer langen Liste legendärer Romreisender und -exilanten: Wilhelm Waiblinger, Theodor Fontane, Friedrich Nietzsche, Ingeborg Bachmann, Hans Werner Henze.

     

    Klarheit und Ruhe

    Während in Deutschland Christiane und Goethe die Bestsellerlisten stürmt und sich insgesamt 500.000 Exemplare verkaufen, verharrt Sigrid Damm staunend in Rom, findet ihre ganz persönliche Klarheit und Ruhe vor den Gemälden Caravaggios oder den Schattenbänken im Park der Villa Borghese oder den Erinnerungen an frühere Reisen. Am Ende ihres Aufenthaltes siegt fast die Wehmut angesichts des paradiesisch anmutenden Szenarios: »Ein wunderbarer Tag: Agaven, Tamarisken, gute Gespräche, sonnenbeschienene Mauern, frühlingshaft schmeichelnde Luft.«

     

    Auch wenn Sigrid Damms Tagebuch sich bei Weitem nicht so sinnesfroh und überbordend wie die enthusiastische Rom-Beschreibung ihres Zeitgenossen Hanns-Josef Ortheil liest – selten wurde die Ewige Stadt mit so viel warmherzigem Einfühlungsvermögen und abwartender Neugier porträtiert.

     

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