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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 28. April 2017 | 23:41

    James Wood: Die Kunst des Erzählens

    30.01.2012

    Subtilitäten & Tricks des Realismus

    James Woods Kunst des Erzählens ist ein brillanter Essay & eine Leseanleitung.

    Von WOLFRAM SCHÜTTE

     

    Daniel Kehlmann, dem wir wohl die Möglichkeit zur Bekanntschaft mit James Woods Die Kunst des Erzählens verdanken, schreibt in seinem Vorwort zu der nicht immer gelungenen Übersetzung Imma Klemms, er habe das in New York gekaufte Buch verschlungen & gleich noch einmal gelesen. Mir ging es genauso jetzt mit der deutschen Ausgabe & ich bin sicher, ich werde noch öfters zu den 12 Kapiteln & ihren vielen Untertiteln zurückkehren, mit denen der in England geborene, jetzt in den USA lebende & beim »New Yorker« publizierende Literaturkritiker seine Überlegungen zur Kunst des Erzählens vor einem ausbreitet.


    Man kann hier mit Lust lernen, was man eigentlich als Kritiker & Prosaleser wissen sollte oder mehr oder weniger schon weiß, aber noch nie so augenfällig dargestellt bekommen hat.

     

    Ganz abgesehen von kursorischen literaturhistorischen Informationen – wie z.B. der, dass der englische Roman zur Zeit Joseph Conrads & Virginia Woolfs technisch & ästhetisch wesentlich von den ersten englischen Übersetzungen Dostojewskis beeinflusst wurde.

     

    Apropos englische Literatur. Natürlich zitiert Wood für seine Leser gerne angloamerikanische Autoren – wie Henry James, George Eliot, Saul Bellow oder Iris Murdoch –, die einem kontinentaleuropäischen Leser mit ihrem Œuvre nicht immer vertraut sein dürften. Aber das mindert den Lese- & Erkenntnisgenuss des Buchs nicht im mindesten; im übrigen greift Wood – eine Koryphäe seines Berufs – auf geläufige Titel der historischen & aktuellen Weltliteratur zurück.


    Natürlich steht auch in seinem Versuch, systematisch zu erklären How Fiction Works (Originaltitel), Gustave Flaubert im Mittelpunkt. Er war es ja auch, der sich als erster – wenn auch nur in seinen Briefen & nicht in Form einer theoretischen Abhandlung – über den Roman als Kunstmöglichkeit geäußert hat. Und er war es ja auch, der immer das angeblich einzig »richtige Wort« suchte & zugleich sich als Autor in seiner Prosa unsichtbar machen wollte. Es war wohl so etwas wie wissenschaftliche Dignität, die der Zeitgenosse des naturwissenschaftlichen (19.) Jahrhunderts seiner Prosa zusprechen wollte. Schließlich war der Roman bis dahin übel beleumundet, galt als poesiefern & wegen seiner hybriden Form als unkünstlerisch.

     

    Der Roman à la Flaubert ist der »realistische«, das Gegenteil des Exzentrischen à la Laurence Sterne. Wood beschäftigt sich nur mit der realistischen Schreibweise, sie ist ja auch die häufigste, besonders in der »auf einer Grammatik des intelligenten, tragfähigen und transparenten Erzählens« beruhenden Form des »kommerziellen Realismus«, der sich von Graham Greene abwärts erstreckt.

     

    Was Wood aber an zahllosen Zitatbeispielen von Cervantes, Jane Austin, Stendhal, Dickens oder Nabokov exemplifiziert, sind die subtilen Feinheiten der Prosakunst, die sich aus dem Gebrauch der von Flaubert entwickelten Erlebten Rede ergeben. Sie erlaubt »die persönliche Sprache des Autors, seinen Stil, seine Wahrnehmungsweise etc, dann die unterstellte Sprache der Figur, ihren Stil und ihre Wahrnehmungsweise und schließlich was man die Sprache der Welt nennen könnte (...) So gesehen ist der Romancier ein Dreifachschreiber«.

     

    Darin besteht die Grundironie literarischer Prosa, der Leser ist versiert genug, die Wechsel dieser drei Schreibweisen, welche oft nur durch ein Wort angezeigt werden, nachzuvollziehen. Wobei der Romancier auch scheitern kann, wenn er als Autor – sei´s durch eigenen Stil, sei´s durch eine falsche Wortwahl oder Metapher – sich hervordrängt & den gleichmäßigen Prosafluss ins Strudeln bringt.


    James Wood setzt seine Analysen bei kleinsten Details ebenso wie bei den Figuren, dem Dialog oder dem Bewusstsein der beschriebenen Personen des Romans an. Dabei kommt er gelegentlich zu überraschenden Befunden – wie dem, dass der angeblich »allwissende Erzähler« gar nicht immer allwissend ist oder sein muss oder dass man als Leser der Subjektivität des in der Ersten Person Singular erzählten Romans mehr an Objektivität & Weitblick zutrauen darf, als man ursprünglich aufgrund der eingeschränkten Perspektive angenommen hatte. Der Realismus, den Wood als Grundvoraussetzung des Romans vor Augen hat, ist sowohl eine künstliche Konstruktion als auch lebensechte (imaginierte) Wirklichkeit.

     

    Die Suggestionskraft großer literarischer Prosa beruht seit Flaubert darauf, die Welt sowohl als Flaneur unbeteiligt wahrzunehmen, als sie auch durch signifikante oder selbst rätselhaft-beiläufige Details zu beleben, damit der statische Vorgang der akkumulierten Beschreibung sich in Lebensechtheit & Lebendigkeit verwandelt.


    Der Roman, behauptet James Wood, sei »ein in der Literatur neues und einzigartiges Vorhaben: die Organisation von Zeitlichkeit«. Borges wiederum, das weiß Wood wohl nicht, klagte darüber, dass der Literatur die Gleich-Zeitigkeit der Musik verschlossen bleibe. Wood, der emphatische Liebhaber des realistischen Romans, durch den wir zu »besseren Beobachtern des Lebens« werden, bestimmt zugleich den Roman als den »großen Virtuosen der Ausnahme: Er entwindet sich stets den Regeln, die ihn einschnüren sollen«. Ihn dabei zu verfolgen & seine Wandlungsfähigkeit zu beobachten und zu beschreiben, sei Kritikervergnügen & garantiere die potentiell unendliche Rekreationsfähigkeit des literarischen Genres.


    »Das Scheitern eines Romans«, benennt Wood vorsichtig das literarisch misslungene Werk, hänge nicht davon ab, »ob  seine Figuren lebendig oder tief genug sind«; denn zuvor schon hatte er sich über das substanzlose Kritiker- & Lesergeschwafel von »runden« oder »flachen« Romanfiguren hinlänglich lustig gemacht. Ein Roman drohe vielmehr dann zu scheitern, wenn es ihm nicht gelungen sei, uns als seine Leser auf »seine Regeln einzustellen« – was wohl heißt, uns die Art seines Umgangs mit dem Realismus zusammen mit deren aneignender Lektüre zu vermitteln.


    Interessant ist aber zweifellos – ohne dass Wood darauf näher einginge –, dass Flauberts flaneurhafte Wahrnehmungsweise die mechanische Registrierung der Kamera, also der Filmtechnik, vorwegnimmt; und dass der Perspektivwechsel in der Erlebten Rede die Brennschärfenveränderungen innerhalb der Kamera imitiert. Jedoch erzählerisch gelangt der Roman tiefer von außen in uns, sprich von der Epidermis der Welt bis direkt in das subjektive Bewusstsein seiner Figuren (Innerer Monolog!) als der Film, der zurecht das Wagnis einer subjektiven Bewusstseinsdarstellung mit seinen Montagemitteln scheut.

     

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