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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 21. August 2017 | 19:53

     

    Rolf Dieter Brinkmann im Porträt

    20.02.2004



    Rolf Dieter Brinkmann

    60 Jahre alt wäre der 1940 in Vechta/Irgendwo geborene Schriftsteller Rolf Dieter Brinkmann am 16.4.2000 geworden. Er hat sein literarisches Selbstverständnis mit dem Begriff "Grenzgänger" pointiert formuliert. Auch wenn nach der Grenzüberschreitung `nichts´ käme: Das wäre immer noch besser, als Halt zu machen und die "alten verfluchten Trampelpfade der Literatur" weiter zu beschreiten.



     

    Zu seinem Verständnis von Literatur gehörte zunehmend, dass in ihr die Frage nach der Art zu leben wenn schon nicht endgültig zu beantworten, so doch immer wieder zu stellen ist - Leben ist (eine) Kunst. Es war u.a. sein gewagter und zunehmend nonkonformistischer Umgang mit Texten, der Heiner Müller einst zu der ebenso gewagten wie uneitlen Bemerkung verführte, Brinkmann sei das einzige Genie in der westdeutschen Nachkriegsliteratur gewesen. Vielleicht zu große Worte, sie lassen jedoch aufhorchen.

    Weitere biografische Eckdaten sind schnell erzählt: Rolf Dieter Brinkmann verließ 1958 nach der zehnten Klasse das Gymnasium und begann 1959 eine Buchhändlerlehre in Essen. Danach zog er 1962 nach Köln um, wo er anfing, an der Pädagogischen Hochschule zu studieren und 1964 heiratete. Köln blieb Brinkmanns Wohnsitz bis zu seinem Unfall-Tod am 23.04. 1975 in London. Wäre da nicht dieser frühe Tod, es wäre wohl nicht so leise um Brinkmann geworden. Es würde ihm nicht hauptsächlich, trotz - oder gerade wegen? - gelegentlicher Lobpreisung in höchsten Tönen quasi literaturgeschichtliches Asyl in germanistischen Bibliotheken gewährt, anstatt rundum anerkannte doppelte Zugehörigkeit zum fachlichen wie populären Literaturkanon zu finden. Jedoch: Nur manchmal kommt ein von ihm geschriebenes oder postum nach seinen Texten zusammengestelltes Hörspiel über den Äther, ab und zu versucht der eine oder andere Theaterregisseur, eher verzweifelt, den Worten Brinkmanns eine Bühnenpräsenz zu verleihen, und noch seltener, aber immerhin, meldet sich Brinkmann aus seiner Gruft in Form einer verspäteten Veröffentlichung. Seine frühesten Veröffentlichungen Anfang der 60er Jahre waren Gedichte und Erzählungen, etwas manieriert, allerdings immer schon auf der Suche nach dem eigenen Stil, und das heißt auch Stilbruch.

    Und natürlich musste ebenfalls mit dem etablierten Literaturbetrieb gebrochen werden. Beispielhaft und symptomatisch ist Brinkmanns Auseinandersetzung mit Marcel Reich-Raniki. Dieser schrieb 1965 über den Erzählungsband "Die Umarmung" unter der Schlagzeile "Übungsstücke eines Talents" - hört, hört! - und bezeichnete 1968 dessen Roman "Keiner weiß mehr" als "außerordentlich". Doch so leicht war Brinkmann nicht zu gewinnen, sein Motto war "Angriff aufs Monopol" der arrivierten Literaten und Kritiker. Er erwiderte die Anteilnahme Ranickis mit jener legendär gewordenen Replik "Wenn dieses Buch ein Maschinengewehr wäre, würde ich Sie über den Haufen schießen!" im November 1968 auf einer Veranstaltung in der Berliner Akademie der Künste. Sicherlich nicht sehr subtil, aber genau darum ging es ja: Einfach, klar und deutlich, gerade heraus zu sein, auch mal mit verbaler Kraftprotzerei auf der nach oben offenen Kinski-Skala.

    Die ausgehenden 60er Jahre waren Brinkmanns erfolgreichste. Es erschien die Anthologie "Acid", in Zusammenarbeit mit Ralf-Rainer Rygulla im März-Verlag, mit reichlich amerikanischen Texten und Bildern. Den programmatischen Buchtitel sollte man jedoch zum Verständnis der Werke Brinkmanns nicht allzu wörtlich nehmen, trotz seiner überlieferten Drogenexperimente. Die in "Acid" vorgestellte Pop- bzw. Beat-Literatur war ein Schlag ins Kontor der etablierten Literaten. Deren Sprache, ihre Inhalte galt es treffend als überholt bloßzustellen, wie konnte das besser geschehen als mit "Sex & Drugs & Rock'n'Roll", mit Anleihen aus Kino, Comic und Popart, einem papieren manifestierten Sinnenspektakel. Gefordert war ein "Film in Worten", bereits damals kursierte der Begriff "multisinnlich". Die Forcierung von Formdurchmischung, Plagiat und `Freistil´ in Brinkmanns Essays dieser Zeit könnte noch heute viele glauben lassen, sie seien zum Schreiben geboren: "Mach's neu und setzte deinen Namen drunter" rief er mit den Worten des Amerikaners Ted Berrigan, und wer hört das nicht gerne. Gerade eine aktuelle Bewegung wie Slam Poetry lebt von einer Mixtur aus aktueller Inspiration und entliehener Programmatik.

    Den bisher angeführten Merkmalen zu Folge war Brinkmann Beat- bzw. Pop-Autor; fehlt noch das Schlagwort "postmodern", auf das die Brinkmann-Rezeption gerne zurückgreift - all das war er auch, aber nichts davon immer und in Reinform.

    Am poppigsten war Brinkmann letztendlich in seinen angenehm eingängigen Gedichten der späteren 60er. Verglichen beispielsweise mit der Prosa des Beatniks Kerouac oder den Pop-Büchern aus England ist jedoch der Roman "Keiner weiß mehr" wesentlich weniger lässig "on the road", liegt der Protagonist vielmehr im aufreibenden Kleinkrieg mit seiner kleinen Kölner Welt. Und man muss keine lila Brillengläser haben, um sich sehr über das Frauenbild in dem Roman zu wundern. Ansonsten findet sich dort, neben reichlich Alltag und populären Elementen, die drastisch-plastische Auseinandersetzung mit Sexualität. Der Roman wurde nach Auskunft von Maleen Brinkmann, der Witwe des Autors, in Zusammenarbeit mit Ralf-Rainer Rygulla sogar extra `obszönisiert´, um eine entsprechende Wirkung in der Öffentlichkeit zu erzielen, die bis hin zum Verkauf nur mit Altersnachweis "über 18" führte.

    Der Roman erschien 1968. In der Folgezeit war Brinkmann zunehmend enttäuscht von der in seinen Augen einseitig funktionalen Politisierung eines Teils der (Nach-) '68er-Bewegung. Er reagierte nicht nur mit dem schon erwähnten rigorosen Auftreten - "Du bist zu aggressiv, Rolf!" schrieb später Hartmut Schnell -, sondern auch mit einer zunehmenden Verunsicherung in den eigenen schriftstellerischen Überzeugungen. Eine Auswirkung war, dass er Anfang der 70er Jahre die Suche nach zeitgemäßen Prosaformen weitgehend zurückgezogen und in zu seinen Lebzeiten unveröffentlichten Brief- und Materialsammlungen fortsetzte; literarisches Lebenszeichen aus dieser Zeit sind seine Hörspiele, zugleich hörbarer Ausdruck des Zweifels an der schriftlichen Form.

    Erinnert man sich an die frühen, am "nouveau roman" orientierten Erzählungen, wird erst deutlich, welche Entwicklung Brinkmann durchgemacht hat, um bei den Inhalten und der Schreibweise der Materialbände anzukommen. Mit Zeit- und Stilbrüchen arbeitete er schon früh, in Verbindung mit den an Burroughs´ cut-up-Technik angelehnten Fragmenten und der Collage entstand jetzt eine zunehmend eigene, eine eigenwillige (Bild-) Sprache, die erfrischend krass Brinkmanns Begegnungen mit der Umwelt spiegelt, aber sicher nicht massenkompatibel ist - er hatte die Pop-Idee offensichtlich beerdigt.

    Dies alles zeigt, dass Brinkmann eines sicher nicht war und ist: leicht einzuordnen. Und es erscheint stimmig und im Sinne ihres Mannes, wenn Maleen Brinkmann durch ihre Veröffentlichungspolitik eine Gesamtbewertung durch die "Viehlologi" (R.D.B.) - selbst wenn dies nicht ihre eigentliche Absicht ist - boykottiert. Jüngstes Beispiel ist der Band "Briefe an Hartmut", erschienen 1999, betont ein Jahr vor dem Brinkmann-Jubeljahr. Stilistisch sind die Briefe weit ab vom kalkulierten Chaos der Collagebände "Erkundungen für die Präzisierung des Gefühls für einen Aufstand (Tagebuch)" und "Schnitte", Sprache und Inhalt sind ambivalent wie in fast allen Veröffentlichungen Brinkmanns in den 70ern, mal poetisch und feinfühlig, mal wütend und entnervt, im Wechsel resigniert und hoffnungsvoll. Keinesfalls klingt Brinkmann lebensmüde, wie die Mär vom Selbstmord statt Unfalltod in London einst nahe legte.

    Und was, wo wäre Brinkmann heute? Die von ihm aus der amerikanischen Literatur und Kunst der 50er und 60er Jahre entlehnte Forderung der Verknüpfung von Kunst und Leben ist so aktuell wie zu seinen Lebzeiten. Seiner sprachbildhaften, in Texten, Collagen und Hörspielen vermittelten "sinnlichen Präsenz" böten sich heute aber neue Gestaltungsmöglichkeiten. Während er auf seiner Suche nach einer potentiell synergetischen Ausdrucksweise, die über traditionelle Textformen hinaus- und in andere Kunstformen hinüberging, mit seinen Arbeiten zumeist den Printmedien verhaftet bleiben musste, stünden ihm heute real multimediale Möglichkeiten offen. Mit CD-ROM und Internet ist neben der Verbindung von Schrift und Bild nun darüber hinaus sogar die Verknüpfung mit Ton/Musik und Film/Video gegeben, - Brinkmanns Arbeitsweise mit Materialien verschiedensten Ursprungs hat anscheinend in den neuen, flexiblen Medien eine kongeniale technische Umsetzungsmöglichkeit gefunden. Die Einspielung von Bild- und Tondokumenten, sowohl aus dem damaligen Zeitgeschehen als auch von Brinkmann selbst, ließe jene multisinnliche Unmittelbarkeit entstehen, wie er sie in seinen späteren Texten anstrebte. Biografische bzw. retrospektive Buchveröffentlichungen mit CD-ROM nehmen zwar langsam zu; als Beispiel sei auf den Katalog zur Ausstellung "die wiener gruppe" von 1997 verwiesen. Gerade die Wiener Werke leben oft durch den Mundart-Vortrag, wobei die Rezitation hier nicht isoliert bleiben muss wie im Radio oder auf Tonträgern, sondern von Abbildungen und gedrucktem Text flankiert werden kann. So werden die Kunstwerke an sich, und zugleich auch biografisch-werkgeschichtliche Aspekte synästhetisch darstellbar.

    Aber, mit Worten Brinkmanns ausgedrückt: "Warum hier haltmachen? Warum irgendwo haltmachen?" Ein Primärwerk mit Silberscheibe ist heute ebenso noch die Ausnahme, ob nun vom Autor selbst ausgearbeitet oder als adaptierte Umsetzung im Nachhinein. Dies ist aber nicht nur eine Spielwiese, Brinkmanns Essay "Der Film in Worten" wäre heute sicher mehr (mehr?) als ein Text. Man könnte ihn jetzt mit den von ihm im Text nur genannten Musikbeispielen unterlegen, Bilder- und insbesondere Filme wären nicht nur als Titel, sondern selbst präsentierbar, Verweise könnten als Links tatsächlich ausführlich zu Werken anderer Autoren führen. Und im Internet wären Kollaborationen zu jeder Zeit direkt möglich, "nicht morgen, jetzt, jetzt, heute" (R.D.B.).

    Gerade dem Internet ist jene permanente Verfügbarkeit, Tagesaktualität und nicht zuletzt relativ antikommerzielle Zugriffsmöglichkeit zu Eigen, wie sie sich Brinkmann als Brückenschlag zwischen Literatur und Alltag immer gewünscht hat. Brinkmann auch "drin?" (B.B.) Internetsüchtig? Ein Chatkönig? Reine Spekulation. Wohl aber wäre für ihn die Schnelligkeit und damit Unbedachtheit, Unstilisiertheit ein wesentliches Argument für das Internet gewesen. Etwas mager sieht es im Übrigen aus, sucht man nach dem Autor Brinkmann im Netz. Es finden sich inzwischen allerdings eine Menge Rezensionen (unter Brinkmann.de verbarg sich lange Zeit "Deutschlands größtes technisches Kaufhaus", inzwischen werden dort "Markenmöbel" präsentiert; der Verfasser dieses Artikels betreut die Seite www.brinkmann-literatur.de).

    Bleibt jetzt noch Brinkmanns früher, überflüssiger Unfalltod 1975, auch er jährt sich in diesen Tagen, am 23.4. Brinkmann hatte, auf der Rückreise von einem internationalen Lyrikertreffen in Cambridge/England, in London als Fußgänger den Linksverkehr nicht beachtet. "Der Wagen / setzte / noch / einmal zu- // rück, und / die Hin- / terreifen / zerquetsch- // ten endgültig / ihm die / Brust / du lieber Him- // mel, sagten / sie / das / muß schmerz- // haft sein, so / dazu- / liegen / im eigenen Dreck." Nein, es war kein Mord, was allerdings zu Brinkmanns Faible für Gangstergeschichten gepasst hätte, hier angedeutet in dem Gedicht "Auto" von 1967.

    Sein Tod stellt ihn in die Reihe jener Frühgestorbenen gerade aus der Popmusik, die er so bewunderte, aber: "Leider kann ich nicht Gitarre spielen." Und: "Ich hätte gern viele Gedichte so einfach geschrieben wie Songs", wie Brinkmann in der Vorbemerkung zu seinen letzten Gedichten schrieb. Geniefrage hin oder her, was Rolf Dieter Brinkmann zur Lyrik Frank O'Haras bemerkte, lässt sich gerade auf den Band "Westwärts 1&2" von 1975 beziehen: "Lieben Sie diese Gedichte. Es ist ganz einfach..."


    Von Olaf Selg (April 2000)

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