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Christoph Hein: Weiskerns Nachlass

17.10.2011

»Doktor Konfus«

Rüdiger Stolzenburg heißt der Held in Christoph Heins aktuellem Roman Weiskerns Nachlass. Der Mann strampelt sich auf einer halben Stelle als Kulturwissenschaftler an der Universität Leipzig ab. Während sein Traum, die Herausgabe des Werks des Mozartlibrettisten, Topographen und Schauspielers Friedrich Wilhelm Weiskern, in immer weitere Ferne rückt, plagen ihn in der Gegenwart akademischer Stress, Finanzprobleme und Beziehungsärger. Mit Witz und nicht ganz klischeefrei zeichnet Hein das Bild einer Zeit, in der nicht nur an den Gehältern gespart wird, sondern auch an Gefühlen und Visionen über den Tag hinaus. Von DIETMAR JACOBSEN

 

Es ist ein »Orchideenfach«, welches Rüdiger Stolzenburg vertritt. Mit Vorträgen zu »Konfuzius und die europäische Aufklärung« ist das große Geld wahrlich nicht zu machen. Drittmittel einwerben für buchwissenschaftliche Forschung – eine Sisyphusarbeit! Und die in Aussicht gestellte Professur hat sich längst als Fata Morgana erwiesen! Stattdessen wurstelt sich der Held von Christoph Heins neuem Roman Weiskerns Nachlass mehr schlecht als recht durch sein Leben. Das Geld reicht gerade einmal bis zum Monatsende. Die Aufträge für Presse und Radio werden immer weniger. Wissenschaftliche Konferenzen müssen abgesagt werden wegen fehlender finanzieller Mittel. Und nicht einmal ein Vortrag vor den ehemaligen Absolventen der Leipziger Universität wird noch bezahlt. Stattdessen droht dem ganzen Institut die Schließung wegen mangelnder Effizienz.

 

Ja, es sind schlechte Zeiten. Und am schlimmsten trifft es jene, die noch Illusionen haben. Etwa die, das Werk des weitgehend unbekannten Friedrich Wilhelm Weiskern – exzellent bevorwortet und kritisch kommentiert – herauszugeben. Denn wer will schon in etwas investieren, das allenfalls für eine Handvoll privater Interessenten und ein paar Dutzend Bibliotheken interessant ist? Da zucken selbst gestandene Verleger zurück.

 

Nachrichten aus dem Leben des akademischen Prekariats

Christoph Hein ist auch in seinem neuem Roman ein aufmerksamer Chronist – und Kritiker – unserer Zeit. Mit dem Universitätsdozenten Rüdiger Stolzenburg hat er eine Figur erfunden, die in verschärfter Form, wie sich das für einen realistischen Roman ganz traditionellen Zuschnitts wohl auch gehört, erleidet, was heute vielen zustößt. Es klappt nicht mehr – weder im Beruf noch im Privatleben. Dimensionen, die einst dem Leben einen erweiterten Rahmen gaben, sind bedeutungslos geworden. Nur noch Erfolg zählt. Und der wird, wenn es sein muss, auch herbeigelogen und -erpresst.

 

Ein aus der Zeit gefallener Held

Vielleicht will Hein ein bisschen viel, wenn er seinem Rüdiger Stolzenburg auf knapp dreihundert Seiten alles erleben lässt, was heutzutage in der Lage ist, einen gutwilligen Menschen zu destabilisieren. Da hat das Finanzamt plötzlich eine größere Nachforderung, eine Mädchengang terrorisiert den Wissenschaftler, beziehungsmäßig bekommt der Geschiedene bis auf ein paar oberflächliche Liebschaften mit Studentinnen nichts auf die Reihe und die Sprösslinge großkopferter Industrieller zeigen in seinen Seminaren offen ihre Verachtung für einen, der noch daran glaubt, die Welt ließe sich mit Kultur und feinen Sitten verbessern.

 

Dass er ein Mann von gestern ist, wird ihm in der Konfrontation mit dem Studenten Sebastian Hollert und dessen vermögender Familie schnell bewusst. Da gibt man sich äußerlich kultiviert, tritt als Wohltäter und Mäzen in Erscheinung, interessiert sich für das Wahre, Gute und Schöne - aber das alles ist ein reichlich dünnes Mäntelchen, unter dem sich Egoismus, Geldgier und Verachtung all jener, die sich nicht leisten können, was man sich selber leistet, verbergen.

 

Weiskerns Nachlass ist mehr Satire als Klage. Denn der Autor entwickelt eine im Laufe des Buchs immer deutlicher werdende Distanz zu seinem Protagonisten. Allerdings vermag er es nicht, die Spannung der ersten hundert Seiten bis zum Ende zu halten. Irgendwann ist nämlich klar, dass die Festung Stolzenburg fallen wird. Berannt von allen Seiten bröckelt schließlich auch der integerste Widerstand. Und die Versuchung, es sich so einfach wie alle anderen zu machen, ist groß. Hat man das als Leser erst einmal begriffen, vermag einen der Protagonist nicht mehr in dem Maße zu interessieren wie zu Beginn des Romans. Stattdessen wird der Blick auf eine Gesellschaft frei, die Ehrlichkeit, Engagement und Idealismus zwar eloquent einfordert, aber selten belohnt. Es ist ein bitteres Zeugnis, dass Heins Roman unserer Gegenwart ausstellt. Sein Fazit lautet: durchgefallen!

 

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