• losttorrent
  • richtorrent
  • pushtorrent
  • Titel-Magazin
    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 26. April 2017 | 23:38

    José Saramago: Kain

    31.10.2011

    Keine Abrechnung mit Gott

    »Er versucht in Gleichnissen, eine fliehende Wirklichkeit sichtbar zu machen«, hieß es 1998 in der Begründung des Stockholmer Nobelpreiskomitees. Doch mit seinen bisweilen sehr gewagten Allegorien hat sich der 2010 im Alter von 87 Jahren auf Lanzarote verstorbene Schriftsteller keineswegs nur Freunde gemacht. Sein letzter, provozierender Roman Kain – gelesen von PETER MOHR.

     

    Vor allem mit seinen politisch-gesellschaftlichen Provokationen eckte der aus einer Landarbeiterfamilie stammende Saramago immer wieder an. Er polemisierte gegen Italiens Ministerpräsident Berlusconi und gegen die Israel-Politik der Europäischen Union, kämpfte einst in seiner Heimat gegen das Salazar-Regime und galt als einer der intellektuellen Wegbereiter der Nelkenrevolution. Geliebt und geschätzt haben ihn seine Landsleute dennoch nicht.

     

    Als 2009 sein letzter, soeben in deutscher Übersetzung erschienener Roman Kain im Original erschienen war, löste er in Portugal eine heftige Protestwelle aus, die darin gipfelte, dass der sozialdemokratische Europaabgeordnete Mario David Saramago aufforderte, die portugiesische Staatsbürgerschaft zurückzugeben. Stein des Anstoßes: Der bekennende Atheist Saramago hatte die Geschichte des Alten Testaments neu erzählt und war daraufhin öffentlich als »Ketzer« stigmatisiert worden.

     

    Kain, Lilith, Isaak und Abraham, Noah, Moses und Hiob – sie alle lässt Saramago in seinem Roman auftreten, losgelöst von Raum und Zeit. »Mit dieser Religion komme ich nicht zurecht«, hatte Saramago erklärt und in einem Interview mit der spanischen Zeitung La Vanguardia weitergehend ausgeführt, dass der Roman »keine Abrechnung mit Gott, sondern eine endgültige Abrechnung mit den Menschen, die ihn erfunden haben« sei.

     

    All der aufgestauten Bitternis des Alters lässt Saramago in seinem letzten Roman freien Lauf. »Ich habe Abel getötet, weil ich dich nicht töten konnte, doch meiner Ansicht nach bist du tot«, lässt er seinen Kain voller Wut zum Schöpfer sagen. 

     

    Das war nicht mehr der Saramago, der uns mit seinen wiederkehrenden Wechselspielen zwischen Poesie, modernen Mythen und knallhartem Realismus so großartige Romane wie Das steinerne Floß (1986) oder Die Stadt der Blinden (1995) beschert hatte. Auch bei einem fraglos verdienstvollen Schriftsteller wie Saramago ist blinde Wut eine untaugliche künstlerische Antriebsfeder. »Die Geschichte ist zu Ende, mehr gibt es nicht zu erzählen«, lautet der letzte Satz des umstrittenen Romans Kain. Leider auch das wenig befriedigende Ende einer großen Schriftstellerkarriere.

     

    | kommentar schreiben

    Name:
    Kommentar:

    Tage, Tage, Jahre

    Staunen, entdecken, querlesen, umblättern, abreißen – Literaturkalender begleiten uns verlässlich durchs Jahr, versorgen uns häppchenweise und gut dosiert mit ungeahnten ...

    Seitenhiebe

    Auf ihrem nächtlichen Heimweg werden Anne und René Winkler (Natascha Paulick, Stefan Kurt) von drei jungen Männern attackiert und brutal zusammengeschlagen. Die Polizisten Phillip ...

    Gerd Sonntag und ein Hühnerglucksen zum Abschluss

    Giovanni Santi malt eine Fliege – Lyrik von Ger Sonntag.

    Von STEFAN HEUER

    Mr. Charms ist nicht zu fassen!

    Der verführerischen Absurdität von Charms' gesammelten Werken, die dankenswerterweise vom Galiani Verlag nun vollständig herausgegeben wurden, kann man sich nur schwer ...

    Die Jugend endet auf dem Campingplatz

    Wie wird man erwachsen, in einer Zeit, der die großen Ideen fehlen? Wo sich das Leben gleichförmig von einem Tag zum anderen zieht und das Entwerfen ...

    Die böse Schlange
    und das weiße Kaninchen

    In diesem Land stimmt etwas nicht. Der Feminismus nämlich. Schwach steht er da, der Wind pfeift durch die Löcher seines theoretischen Unterbaus. Ähnlich steht es mit den Frauen. ...

    Vom großen Lama aus der Regent`s Park Road

    Tristram Hunt widmet dem Schatten von Karl Marx, der selbst ernannten »zweiten Violine« des Marxismus, dem Industriellenerben Friedrich Engels eine ...

    Wer will fleißige Handwerker sehn

    Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

    Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

    Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

    NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter