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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 28. Juni 2017 | 10:55

    Sergio Alvarez: 35 Tote

    19.09.2011

    Im Kreislauf der Gewalt

    Kolumbien ist den meisten Lesern durch die Bücher von Gabriel García Marquez bekannt. Dass man über dieses Land aber nicht nur exotische und fantastische Geschichten erzählen kann, beweist Sergio Alvarez mit seinem Roman 35 Tote, der einem neuen Trend in der kolumbianischen Literatur folgt. BETTINA GUTIÉRREZ hat ihn gelesen.

     

    “Ich wollte immer Geschichten erzählen und deshalb habe ich mich der Literatur zugewandt, da sie mir hierfür am geeignetesten erschien. Aber ich glaube, dass ich nicht zum Schriftsteller, sondern vielmehr zum Geschichtenerzähler berufen bin“ beantwortete der kolumbianische Schriftsteller Gabriel García Marquez in einem seiner seltenen Interviews die Frage nach seinen literarischen Anfängen. In der Tat ist García Marquez ein begnadeter Geschichtenerzähler, eine Fähigkeit, die ihm nicht nur den Nobelpreis, sondern auch internationale Anerkennung und ein breites Lesepublikum eingebracht hat.

     

    Humorvoll, fantasiereich und mit einem gewissen Lokalkolorit behaftet sind seine Romane und Kurzgeschichten, in denen er dem Leser seine Sicht auf sein Heimatland vermittelt. So beschreibt er in „Zwölf Geschichten aus der Fremde“ den Stillstand der Zeit, wenn etwa  sein Protagonist Margarito Duarte zweiundzwanzig Jahre auf die Heiligsprechung seiner Tochter wartet.

     

    Kolumbianische Abenteuer

    In „Chronik eines angekündigten Todes“ führt er dem Leser wiederum eine ländliche Gesellschaft vor Augen,  die von anachronistischen Werten  wie Rache, Ehre und Gesichtsverlust geprägt ist, die seinen Helden zum Verhängnis werden. In seinen Werken entwirft er das Panorama einer Gesellschaft, die, betrachtet man den jüngsten Trend in der  zeitgenössischen kolumbianischen Literatur, der Vergangenheit anzugehören scheint. Unzeitgemäß wirken im Vergleich hierzu die Familie Buendía aus „Hundert Jahre Einsamkeit“, Florentino Ariza und Fermina Daza aus  „Liebe in den Zeiten der Cholera“ und die Dorfbewohner aus „Die böse Stunde".  Neue Protagonisten sind an ihre Stelle getreten, die eine kolumbianische Realität verkörpern , die wesentlich härter und grausamer ist,  als alles was García Marquez je geschildert hat.

     

    Beispielhaft hierfür ist Jorge Francos eindrucksvoller und erfolgreich verfilmter Roman „Die Scherenfrau“, der von der schönen Auftragsmörderin Rosario Tijeras handelt. Oder Fernando Vallejos „ Die Madonna der Mörder“  in dem der Autor einen kühlen Blick auf Kinder, die als Auftragsmörder arbeiten wirft, ohne dabei dem Leser seine homoerotischen Neigungen vorzuenthalten. In diesen Trend reiht sich auch der vor kurzem erschienene Roman „35 Tote“ des kolumbianischen Schriftstellers Sergio Alvarez ein, der einen Zeitraum von  fünfunddreißig Jahren (1964-1999) umspannt und sich mit der jüngsten Geschichte Kolumbiens befasst. Es ist ein literarisches Zeitzeugnis, das demjenigen, der die zeithistorischen Hintergründe nicht kennt,  manchmal etwas enigmatisch erscheinen mag, da sich diese nicht allgemeinverständlich erschließen.

     

    Ein unerklärliches Land

    In einem flüssigen Stil erzählt Sergio Alvarez vom Leben eines namenlosen Ich-Erzählers während jener Jahre,  die vor allem vom Drogenkrieg des Medellin-Kartells, politischer  Korruption und dem Krieg zwischen  rechter und linker Guerilla bestimmt sind. Nach dem Tod seines Vaters wird der Ich-Erzähler von seiner Tante adoptiert, verbringt mit ihr einige Monate  in einer kommunistischen Kommune,  schließt sich dann einer Bande von Ganoven an, beginnt, nachdem er diese verlassen hat, an der Universität zu studieren und muss bald darauf wegen seiner früher begangenen Delikte nach Paris fliehen, von wo aus er wieder nach Kolumbien zurückkehrt, um sich dem Militär anzuschließen. Nach einem Überfall auf den Justizpalast in Bogotá wird er entlassen, da er sich weigert, Befehle auszuführen. Sein Weg führt ihn in einen hinduistischen Ashram, wo er eine spirituelle Wandlung durchlebt,  die allerdings nur von kurzer Dauer ist. Ein blutiger Überfall auf den Ashram zwingt ihn,  erneut zu fliehen, dieses Mal nach Bogotá. Dort gründet er mit Camila, einer Mulattin, eine Familie,  die er wegen seines Verhältnisses mit ihrer Schwester Natalia alsbald wieder verliert. Er landet bei dem Puppenspieler Don Jacinto Jaramillo, später im Gefängnis und anschließend dank seines Cousins Quique bei den Paramilitärs. Dort ist ihm ebenfalls kein Glück beschieden: er erhält den Auftrag,  seinen einstigen Weggefährten, den Gewerkschafter Memo, zu töten. Wieder verweigert er den Gehorsam und flieht nach Madrid, wo er , so sieht es die Dramaturgie des Romans vor, alleine und mittellos zurückbleibt.

     

    Man könnte fast meinen, hier handle es sich um einen Abenteuer- oder Schelmenroman, so  zufällig fügen sich die Stationen seines Lebens ineinander, wären da nicht die Geschehnisse: Gewalt, Tod und der Drogenkrieg  gehören zu den Hauptmotiven der Handlung und es gibt kaum ein Kapitel,  in dem diese nicht vorkommen, weshalb die Lektüre von "35 Tote" zuweilen etwas mühsam ist.

     

    Drogenhändler, linke und rechte Guerilleros, Politiker, Geschäftsleute und Studenten sind in diesen vermeintlich ausweglosen Kreislauf verstrickt, in dem Solidarität und Loyalität eine eher untergeordnete Rolle spielen. Es scheint, als ginge es Sergio Alvarez vor allem um die Darstellung eines Makrokosmos , der für ihn, so könnte man es interpretieren, den Zustand der kolumbianischen Gesellschaft und Politik widerspiegelt. Und dies fast ausnahmslos. Wie könnte man sich sonst erklären, dass er ein Thema, das sich eigentlich besser für eine Reportage oder einen Bericht eignet, auf diese Art und Weise literarisch verarbeitet? Dennoch muss man dem Autor zugute halten, dass er sich bei den Schilderungen der politischen Zustände auf die Seite der Entrechteten stellt. Die Härten der Drogenmafia, Politiker und Militärs, die willkürlich Menschen töten, beschreibt er in den schillerndsten Farben und lässt seine Helden für eine soziale Utopie, versinnbildlicht an der Entmachtung der Reichen und Mächtigen, plädieren. Zuversichtlicher stimmen auch die Episoden des Ich-Erzählers aus seiner Zeit als Student, Puppenspieler und Mitglied der Kommunistenbewegung MOREI. „Dass vieles in Kolumbien unerklärlich ist , wird oft zum Vorwand genommen, um nicht darüber zu berichten. Es kann sein, dass manche Dinge unerklärlich sind, aber man kann über sie berichten“ begründete Sergio Alvarez unlängst seine Entscheidung, diesen Roman zu schreiben. Das hat er nun getan.

     

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