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Karl Ove Knausgard: Sterben

29.08.2011

Abschied vom Vater

Mit Sterben beginnt K.O. Knausgard einen sechsteiligen Erzählzyklus. Von WOLFRAM SCHÜTTE.

 

Dem Buch & Autor eilt die Fama eines fortlaufenden Skandals voraus. Der 1968 geborene Karl Ove Knausgard habe mit seinem sechsteiligen autobiografischen Roman-Projekt Mein Kampf für heftige Diskussionen in Norwegen gesorgt, weil der heute im schwedischen Malmö lebende Autor den Stoff der Bücher unverblümt aus seinem Leben genommen habe. Die Diskussion, die hierzulande über Maxim Billers autobiographischen Roman Esra (& dessen höchstrichterlich verordnetes Publikationsverbot) geführt wurde, berührte die gleiche Frage: Wie direkt & wiedererkennbar darf ein autobiografisch fundiertes literarisches Werk die Lebenswelt der mit dem Autor in Berührung, Bekanntschaft oder Streit gekommenen Menschen reproduzieren, um einerseits durch den »Kunstvorbehalt« für eine Publikation  gerüstet zu sein, damit andererseits die Persönlichkeitsrechte der betroffenen Personen nicht dagegen ins Feld geführt werden können?

 

Offenbar ist es aber in Norwegen nicht zu gerichtlichen Auseinandersetzungen über die bislang drei erschienenen Bücher von Knausgards Mein Kampf gekommen. Nun hat Luchterhand, wo bereits 2007 Knausgards voluminöser Roman Alles hat seine Zeit erschienen war, den ersten Band des Zyklus´ unter dem Titel: Sterben in der wie schon bei Alles hat seine Zeit tadellosen Übersetzung Paul Berfs publiziert.

Der deutsche Titel ist ein wenig schief. Denn nicht ums Sterben geht es in dem Buch, sondern um den Tod – vor allem den Tod des Vaters. Er hat sich, zuletzt zurückgezogen im Haus seiner verwitweten Mutter, über anderthalb Jahre hin buchstäblich zu Tode gesoffen.

 

Die rückhaltlose Offenlegung dieses familiären Faktums ist jedoch das einzige Skandalon des Buchs – wenn es denn eines ist, den gehassten (& geliebten) Vater derart vor aller literarischen Welt »bloßzustellen«. Wer das grandiose monomanische Romanwerk des österreichischen Erzählers Josef Winkler (z.B. Menschenkind, Der Ackermann aus Kärnten oder Der Leibeigene) kennt, müsste den Nachruf auf den Vater von Karl Ove Knausgard als nachgerade harmlos ansehen im Vergleich zu Josef  Winklers mehrfache Nachrede auf einen üblen Vater und zwar noch zu dessen Lebzeiten.

 

Der Vater des norwegischen Schriftstellers war Lehrer, seine Mutter Krankenschwester, das Elternpaar lebte arbeitsbedingt oft getrennt, bevor es sich scheiden ließ. Es versteht sich (fast) von selbst, dass Karl Ove und sein älterer Bruder Yngve (der den Vater noch mehr hasst als der jüngere) keine sehr glückliche Kindheit hatten. Umso mehr, als der in sich gekehrte, verschlossene, bestimmend-autoritäre Vater mit den beiden Jungs nichts anfangen konnte (einen Zug mangelnder Herzenswärme, den der Autor als Vater oder Enkel auch an sich bemerkt).

 

Die Gesichte des achtjährigen Karl Ove

Nun ist diese von Grund auf gestörte, aber nicht durch einen herausragenden Tyrann verstörte Familie womöglich nicht nur in Norwegen eher ein durchschnittlicher, um nicht zu sagen: ein »Normalfall« – im Vergleich mit jener Katastrophen ausbrütenden Vater-Hölle von Gewalt, Katholizismus, Sexualität & Unverständnis, wie sie uns Josef Winkler aus dem bäuerlichen Milieu Kärntens so eindringlich vor Augen gestellt hat.

 

Will sagen: Die Kindheit & Jugend, von der uns in Ausschnitten der Norweger erzählt, besitzt nichts Eigenartig-Befremdliches – außer dass der Achtjährige (als Initialzündung seiner späteren poetischen Phantasie?) bei einem Fernsehbericht über ein versunkenes Boot an dessen Untergangsstelle im Meer ein von der Strömung konfiguriertes Gesicht gesehen zu haben meinte – ein »Gesicht«, das sich ihm später noch einmal in anderem Zusammenhang zeigt. Der nüchterne Vater aber, dem der versponnene Sohn von dieser seltsamen Erscheinung erzählt, weist ihn barsch & beleidigend zurecht, indem er ihn »eine Null« nennt. Gewiss: so etwas verletzt – und dass der Vater später den Gymnasiasten in der Pubertät, bei ersten Lieben & Alkoholräuschen sich selbst überlässt & jeder sein eigenes Leben führt (& die Mutter fern ist), entfremdet die beiden noch mehr. Aber eine Katastrophe ist es nicht.

 

Eine lebensbestimmende Katastrophe für den Vater muss aber wohl der Tod Helenes gewesen sein, von der Karl Ove hört, als er einmal – wir sind am Ende des ersten Teils des Romans – zu einer feucht-fröhlichen Runde des Vaters mit alten Freunden hinzukommt. Sie hatten gerade von Helene gesprochen. »Helene«, erklärt ihm der Vater, war die Schwester des Schulfreundes hier an seiner Seite. »Wir waren unzertrennlich. Bis ins Teenageralter. Dann wurde sie krank«, starb – und (fügt der Vater hinzu): »Ich saß an ihrem Sterbebett«. Als die Freunde, tief bewegt von der wieder aufgerufenen Erinnerung, ihn mit der Versicherung trösten wollen: »Du warst das Liebste, was sie hatte«, legt der harte Vater die Hände vors Gesicht, über das ihm die Tränen laufen. Der Vater weint!

 

Für die literarische Qualität Knausgards spricht, dass er diese wie die anderen Episoden des ersten Romanteils mit epischer Distanz & Ruhe erzählt & sich als den autobiographisch davon Betroffenen nicht beherrschend in den Vordergrund drängt. (Genauso gut könnte es sich um Fiktionen handeln, die sich der Autor als Selbsterleben zugeschrieben hat: um die Leser stärker zu involvieren.)

 

Das Buch hat ein brillantes stilistisches Entree: »Für das Herz ist das Leben einfach: Es schlägt, solange es kann. Dann stoppt es« – und der darauf folgende Satz führt nun immer tiefer in eine essayistische Überlegung zum Tod: wie er den Körper langsam in Besitz nimmt, der verwest, ein Ding & von uns so schnell wie möglich aus dem Weg geräumt, also verdrängt & unter die Erde gebracht wird. (Eine Film-Montage aus »Z & zwei Nullen« stand dabei Pate; deshalb erwähnt der Autor ein Greenaway-Plakat in seinem Arbeitszimmer).

 

Am Ende dieses sechsseitigen, reflektierenden Anfangs geht dieser ins Erzählerische über: zu eben jenem Augenblick, in dem der achtjährige Karl Ove, allein vor einem Fernsehapparat sitzend, den Bericht über ein grundlos untergegangenes Fischerboot vor der norwegischen Küste verfolgt und der Junge »plötzlich auf der Meeresoberfläche die Umrisse eines Gesichts auftauchen« sah.

 

Eine Zeitlang wechselt Knausgard nun zwischen seiner Schreib- & Lebenssituation 30 Jahre später (»Heute ist der 27. Februar 2008«) und den Vergegenwärtigungen seiner & Yngves Jugendzeiten mit Vater & öfters ohne Mutter, springt zwischen essayistischer Reflexion & Erzählung & vergleicht die väterliche Situation mit seiner als junger Vater. Bald aber verlässt der Autor diese Kontrastierung und wendet sich mit seiner nur selten metaphorisch verdichteten Prosa der realistischen Darstellung einer weitgehend banal verlaufenden Jugend zu.

 

Im hinterlassenen Augiasstall eines verendeten Alkoholikers

Dichter ist dagegen der zweite Teil von Sterben. Was nicht verwunderlich ist, weil wir hier die beiden Brüder dabei sehen, wie sie den Augiasstall des großelterlichen Hauses tagelang ausmisten. Denn der Vater hatte, immer tiefer in seinem Suff versinkend, ohne dass seine inkontinente Mutter ihn daran hinderte, das Haus & seine Zimmer mit Bier-, Wein- & Schnapsflaschen vollgestellt, schmutzige Kleidung aufeinandergehäuft, Sessel & Sofas mit Kot verschmiert, sodass das Haus infernalisch stank & vor Schmutz starrte, als seine beiden Söhne es erstmals seit ihrer Kindheit wieder betraten und darin die einstmals geliebte, nun abgemagerte, von einer Ammoniakwolke begleitete Großmutter aus dem allgegenwärtigen Müll schälten.

 

Parallel zu den fortlaufenden Entrümpelungen des Hauses überblendet der Autor immer wieder in die mit den Großeltern, ihrem Haus & dessen unterschiedlichen Zimmern verbundenen Erinnerungen an seine Kindheit & Jugend. Dabei gesteht er auch, dass sein Bruder Yngve, der immer verbindlicher, »weicher« war als er, bis heute von der Großmutter mehr geliebt wird als Karl Ove.

 

Es ist deshalb auch Yngve, der Großmutters stereotypische Fragen an die beiden, ob sie sich denn nach der täglichen Ausmistung im Haus »ein Gläschen gönnten«,  als versteckte Bitte versteht, die nach ihres Vaters, resp. Ihres Sohnes Tod alkoholisch Ausgetrocknete unter der Beteiligung ihrer Enkel wieder mit etwas »Lebenswasser« zu beglücken. Daraus ergibt sich eine atmosphärisch dicht beschworene abendliche Wodka-Ménage à trois am Küchentisch.

 

Karl Ove, der oft weint, wenn er an den Vater & sein grauenhaftes Ende denkt, hat zugleich aber Angst, der Vater könne zurückkehren. Einen Moment lang,  als sie ankamen, waren sich die beiden Söhne gar nicht sicher, ob er nicht doch noch irgendwo lebend in einem Krankenhaus liege. Erst als sie seine hässlich aufgedunsene Leiche sehen konnten, waren sie über seinen Tod sicher - obwohl bis zuletzt ungeklärt bleibt, woher seine gebrochene Nase und die Hautabschürfungen stammen, wenn er doch, wie seine Mutter behauptet, in einem Sessel sitzend vom Tod ereilt wurde.

 

Karl Ove hat es sich in den Kopf gesetzt, dass die Feier nach der Beerdigung im gründlich gesäuberten Sterbehaus stattfinden solle. Er bleibt allein mit seiner Großmutter zurück, als sein Bruder für ein paar Tage bis zur Beerdingung nachhause zu seiner Familie gefahren ist. Als der Autor sich nachts im Parterre in einem noch nicht von den  Brüdern ausgeräumten Zimmer, das übersät mit den in ihm zerstreuten Wäsche-, Schmuck- und Toilettestücken seiner Großmutter, aufs Bett wirft, wird er nachts von Schritten hinter der Zimmertür wach. Wieder ist sein erster Gedanke, der Vater sei zurückgekehrt. Als er Licht macht, die Treppe in den ersten Stock hinaufsteigt, entdeckte er zuletzt die Großmutter, die am Fenster steht und flüsternd in den Garten blickt. Wie unter Trance geht sie an ihm vorbei. Er aber, der sich in dem Haus des Todes ängstigt, lässt sich am nächsten Tag noch einmal im Bestattungsraum die Leiche des Vaters zeigen.

 

Nun sieht er das Leblose an seines Vaters Leiche & erkennt beruhigt, »dass es nun keinen Unterschied mehr zwischen dem gab, was einmal mein Vater gewesen war, und dem Tisch, auf dem er lag, oder dem Fußboden, auf dem der Tisch stand (...), und  dass der Mensch nur eine Form unter anderen Formen (ist), die von der Welt immer und immer wieder hervorgebracht werden«. So verliert auch der Tod »als wichtigste Größe im Leben« für ihn seine Anziehungskraft: »Der Tod«, so endet der Roman Sterben von Karl Ove Knausgard, »war nicht mehr als ein Rohr, das platzt, ein Ast, der im Wind bricht, eine Jacke, die von einem Kleiderbügel rutscht und zu Boden fällt«.

 

Ein wenig verwundert fragt man sich nach der Lektüre von Sterben, was denn so skandalös an dem Romanprojekt sein soll. Freilich bleibt dieser erste Teil im familiären Rahmen und der Autor entfernt sich durch seine souveräne Handhabung erzählerischer Mittel des Romans weit von der ursprünglichen Befürchtung einer naturalistischen Reportage ad se ipsum.

 

Sterben ist ein gelungener autobiographischer Roman. Nicht mehr, nicht weniger, nichts sonst. Der nächste Teil seines sechsteiligen Projekts – das, nebenbei gesagt, auch ein logistischer Schachzug des Autors sein könnte, seine Leser durch Intimität seriell an sich zu binden – wird von Luchterhand schon für das Frühjahr 2012 angekündigt. Es heißt (uns) Lieben.

 

 

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