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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 29. Juni 2017 | 04:15

    Eva Baronsky: Magnolienschlaf

    25.07.2011

    Deutsch-russisches Kammerspiel

    "Wenn die Würde verloren geht, bleibt nichts als Scham und Abscheu vor dem eigenen Körper, Wut und die grenzenlose Hoffnung, dass es endlich vorbei ist." – Eva Baronskys Roman Magnolienschlaf. Von PETER MOHR

     

    Diese Gedanken gehen der 91-jährigen Wilhelmine Hennemann durch den Kopf, eine der beiden Hauptfiguren in Eva Baronskys zweitem Roman, der sich wie ein dramatisches deutsch-russisches Kammerspiel liest, das durch eine Textpassage aus der Deutschen Wochenschau vom 5. März 1945 eingeleitet wird.

     

    Die 43-jährige, im Taunus lebende Autorin erzählt alternierend auf mehreren Zeitebenen. Die Erinnerungen der pflegebedürftigen Seniorin vermischt sie mit Kindheitsgedanken ihrer russischen Pflegerin Jelisaweta, die für eine befristete Zeit aus Smolensk nach Hessen gekommen ist – dem Lockruf des gepriesenen Westens und des stabilen Euro folgend.

     

    Hauspersonal erwünscht

    Zunächst klappt alles bestens zwischen der als Urlaubspflegerin von den kaltherzigen Verwandten angeheuerten Jelisaweta und der betagten Seniorin, die am Rande Frankfurts lebt. 700 Euro hatten Wilhelmines Neffe und dessen Frau der Russin, die sich als Lisa vorgestellt hatte, als monatliches Salär für die Zeit ihres Urlaubs angeboten. Dafür sollte sie auch nach Garten- und Hauspflege mit übernehmen.

     

    Die Stimmung zwischen den Frauen schlägt abrupt um: »Lachend spricht sie in das Telefon. Spricht Worte, längst vergessen geglaubte, beißende Worte, und Wilhelmine ist, als risse ein Vorhang entzwei, hinter dem sie sich all die Jahre verborgen hatten.« Jelisaweta hatte am Telefon russisch gesprochen. Die alte Frau ist außer sich, wirft ein Wasserglas nach dem Mädchen, längst verdrängte Erinnerungen werden wachgerufen, auch an das Kriegsende, als Wilhelmine unter einem Magnolienstrauch aufgewacht war.

     

    Deutsch-russische Kollission

    In der Begegnung der beiden Frauen unterschiedlicher Generationen hat Eva Baronsky auch das Zusammentreffen zweier Kulturen integriert: Die deutsche Greisin trifft auf die junge russische Pflegerin, und dabei wird peu à peu auch die deutsch-russische Vergangenheit abgearbeitet. Das so entfachte Täter-Opfer-Rollenspiel mündet in ein erbarmungsloses gegenseitiges Schikanieren. Vorurteile, Halbwahrheiten und üble Ressentiments prägen urplötzlich die Szenerie.

     

    Auch die junge Russin begibt sich auf eine innere Reflexionstour. Sie wird mehr und mehr an ihre »Babka«, die seelisch kranke Großmutter, und an ihre autoritäre Mutter erinnert, von deren düsterem Leben sie sich eigentlich eine Auszeit nehmen wollte. Jelisawetas Heimatstadt Smolensk war einer der ganz blutigen Schauplätze des Zweiten Weltkriegs, auf dem 800 000 russische Soldaten zu Tode kamen – und die »Babka« von deutschen Soldaten vergewaltigt worden ist.


    Eva Baronsky erzählt diesen Roman in einer klaren, zupackenden und schnörkellosen Sprache. Das Alter, die wieder aufbrechenden Wunden der Vergangenheit und der unabänderliche körperliche Verfall sind die dominierenden Sujets. »So ist er, der Anfang vom Ende, es hört auf, wie es angefangen hat. Wenn sie bloß nichts mehr davon mitbekäme«, heißt es, als Wilhelmine den Urin in ihrem Bett zu vertuschen versucht. En passant wird in diesem erzählerischen Kammerspiel auch noch die unerfreuliche Entwicklung der Dumpinglöhne im Pflegebereich angerissen. Ein tiefsinniger, bewegender, aber völlig unpathetischer Roman um Schuld und Sühne und das »Schicksal« der späten Geburt. Und mit zwei guten Schauspielern in den Hauptrollen ließe sich daraus zudem noch ein exzellenter abendfüllender Spielfilm arrangieren.

     



     

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