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Helge Schneider: Satan loco

13.06.2011

Das Leben ein Stolpern

Es tut wohl, zu beobachten, dass die Tür immer offener steht – und dass die Lust dennoch nicht nachlässt, sie einrennen zu wollen mit dem Lob Helge Schneiders Satan loco.  Von TOBIAS ROTH

 

Und das nicht mit dem amüsierten Lächeln des gut Unterhaltenen, sondern mit ernster Wertschätzung einem der großen noch lebenden Künstler Deutschlands gegenüber. Neben seiner never ending tour ist Schneider immer noch als Schriftsteller tätig und hat nun einen neuen Fall des bravourösen Kommissars Schneider vorgelegt.

 

Dieser, eine seiner langlebigsten Kunstfiguren, betrat in den 90er-Jahren in den Bänden Zieh dich aus, du alte Hippe, Das scharlachrote Kampfhuhn und Der Mörder mit der Strumpfhose in rascher Folge drei Mal die Bühne des Kriminalromans. Nun ist der Kommissar (noch mehr) in die Jahre gekommen und lässt es (leider) etwas ruhiger angehen.

 

Sein neuestes Abenteuer führt den Kommissar nach Spanien: Was er dort aber tut, ist ihm bis zum Ende selbst nicht klar – und darin liegt die Schwierigkeit des Falles. Was führt Kommissar Jürgen Schneider nach Spanien? Er bricht dorthin auf, um seine Tochter Nicole zu »retten«, die in einem Trotzanfall nach Mallorca abgehauen ist. Nachdem sie wieder nach Deutschland verfrachtet ist, bleibt der Kommissar – einer rätselhaften Ahnung folgend. Plötzlich ist er auf dem spanischen Festland, was noch rätselhafter bleibt. Der eigentliche Kriminalfall, mit düsteren Gestalten, Morden und allem Zubehör bleibt zwar nicht aus, vollzieht sich aber nur vor den Augen des Lesers: der Reigen der Nebenfiguren tanzt hinter dem Rücken des Kommissars oder wird von diesem nicht erkannt.

 

Der Roman entspinnt sich aus zahlreichen Neuansätzen, kurzen Splittern, die den Leser im Zweifel lassen, ob er es mit Neben- oder mit Hauptfiguren zu tun hat. So entsteht, man hatte es nicht anders erwartet, eine völlig absurde Welt. In den ruhigen, realistischen Stil brechen seltsame Verben oder Adjektive unvorhergesehen ein, wie die Wetterumschwünge der plötzlichen Gewalt in das ruhige Tableau zwischen der Sierra Nevada und einem Campingplatz außerhalb von Almeria einbrechen.

 

Oben in den Bergen: da wohnt die Titelfigur Satan Loco, ein einzelgängerischer, raubeiniger Motorradfahrer, der zu Beginn des Buches eine geradezu zärtliche Freundschaft mit einem Puma schließt, den er auf den Namen »Legumes« tauft. Unten in der Stadt: da wohnt Jeremy Conzjewskie, ebenso Einzelgänger und von einer unbestimmten, gleichsam dadaistischen Mordgier getrieben, die er aber nie so recht ausleben kann. Und ganz am Rande ist da noch der Monsignore Francisco Parisi, der allerdings nur der Statist mit dem grausamen Schicksal ist: ganz zu Beginn wird er eingeführt, um ganz am Ende eines zufälligen, explosiven Todes zu sterben. Dieses Geschick aus knapper Einführung und schnellem Abgang teilt er etwa auch mit dem schwäbischen Ehepaar auf dem Campingplatz, das vor den Augen eines paralysierten Kommissars zugrunde geht.

 

Die Details des Romans zeigen, teils in übertriebenen Längen (Frau Kommissar Schneider, die in Deutschland die Stellung hält, schnürt etwa über eine Seite lang an einem Brathuhn herum, nur um es dann wegzuwerfen), teils in rasanten Kürzen (Satan Locos erster Kuss mit einer Dame, die er aus einem brennenden Autowrack birgt) eine zur Kenntlichkeit entstellte Nebensächlichkeit, die die Welt im innersten zusammenhält. Gewiss mag man sich immer wieder fragen, wie viel Deutung an diesem Werk dem Inhalt und der Form nach überhaupt ansetzen kann. Keine der Figuren weiß, wie ihr geschieht.

 

Auf Vermittlungsleistungen des Erzählers darf nicht gerechnet werden. Was auf der einen Seite steht, muss auf der nächsten nicht mehr stimmen. Der Charakterzug einer Figur kann schon beim nächsten Auftritt wieder verschwunden sein. Eine Figur, die einen Namen und ein Gesicht erhält, muss deshalb noch lange keine Rolle spielen. Das mag zuweilen entnervend wirken, es ist aber – das muss man sich eingestehen – spätestens wenn man nach Beendigung des Romans zum ersten Mal wieder eine Zeitung aufschlägt, schlicht die Wahrheit.

 

Die Figuren dieser grundabsurden Handlung stolpern in die Geschichte hinein und in ihr herum, stolpern schließlich durch nicht näher erklärte Zufälle aufeinander und stolpern prompt per Tod aus der Geschichte heraus. Der Kommissar arbeitet in diesem scheinbar aleatorischen Gewirr an »einem komplizierten Fall ohne Zeugen und anscheinend auch ohne bisherige Tat« und bemerkt kaum, wie um ihn Untaten geschehen und die Täter sich, wie erwähnt, gegenseitig in die Luft sprengen oder von einem kleinen, süßen Hund mittels Kehlbiss niedergestreckt werden. Der Kommissar bleibt ruhig: »Überhaupt, was kümmerte er sich um einen Fall in einem fremden Land. Aber irgendetwas reizte ihn, die Menschheit vor solch Ungeziefer zu beschützen. Wer weiß, vielleicht ist der Kerl ein Psychopath! Kommissar Schneiders Eis tropfte die ganze Zeit auf seine Hose, er bemerkte es zu spät.«

 

Dennoch muss gesagt werden, dass der Roman an Rasanz, Aberwitz und Turbulenz hinter den ersten Fällen des Kommissars zurücksteht. Wie Kommissar Schneider wenig Fall hat, hat der Fall auch leider recht wenig Kommissar Schneider. Das Furiose des großen Kriminalisten ist der Godot dieses Romans: Es will nicht recht kommen. In der letzten Szene schließlich blitzt es wieder auf: Die Tochter holt ihn vom Flughafen ab, bekommt erstmal eine gescheuert, weil ein Nacktphoto von ihr in der Zeitung war, und der Kommissar, der noch die apricotfarbenen Schuhe der Stewardess trägt, »tänzelte geschäftig um seine weinende Tochter herum, die seinen übergroßen Koffer schleppen musste.« Von solchen grotesken Szenen hätte man gerne mehr gelesen. Aber noch ist der Kommissar nicht im Ruhestand, wenn er auch, wie es heißt, gerade Teilzeit arbeitet. Und auch steht Satan Loco auf der letzten Seite wieder von den Toten auf.

 

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