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Gunnar Homann: All exclusive

13.06.2011

Die Reise mit Frau Feininger

Wie hat man sich einen »Unterwegsroman« vorzustellen? Diese Frage wirft sich schon vor der Lektüre von Gunnar Homanns literarischem Erstling auf, denn sein Verlag scheute sich nicht, das Debüt mit diesem ungewöhnlichen Genre-Etikett zu versehen. Wenn man Elemente der Road Novel und eine tragikomische Liebesgeschichte miteinander kreuzt, dann entsteht offenkundig ein solcher »Unterwegsroman«. Von PETER MOHR

 

Der 47-jährige Gunnar Homann ist Diplom-Sportwissenschaftler, arbeitet seit 15 Jahren als Autor für das Satiremagazin Titanic und ist derzeit hauptberuflich als geschäftsführender Redakteur des Freizeitmagazins Outdoor tätig. Zwar ein literarischer Debütant, aber ein Schreibprofi, der genau weiß, welche stilistischen Mittel einzusetzen sind, um eine griffige »Story« zu schreiben.

 

Schreiben vom Ich

»Ich bin im zarten Alter von zwanzig Jahren durch die USA getrampt und habe da einiges erlebt«, hatte Homann in einem Interview erklärt und damit autobiografische Parallelen zumindest eingeräumt.

 

Im Mittelpunkt der Handlung steht zunächst der junge Journalist Viktor Hoffmann, ein Mann von Anfang zwanzig, den Kopf voller Träume, Fantasien und Sehnsüchten. Er lebt gegen alle Konventionen, wehrt sich innerlich ganz vehement gegen das Erwachsenwerden und die Verspießerung des Daseins. Er will quer durch die USA reisen und eine Reportage über das unbekannte Amerika schreiben.

 

Irgendwann trifft er dabei auf die deutsche Soziologiestudentin Casbah Feininger. Die Juristentochter nimmt ihn nach einer zufälligen Begegnung gegen Bezahlung in ihrem Leihwagen mit, und es beginnt eine ganz seltsame Beziehung, ein langer zwischenmenschlicher Prozess, in dem sich handfeste Abneigung ganz allmählich in eine innige Zuneigung verwandelt. Und das, obwohl Casbah das exakte Gegenteil von Viktor ist – eine junge Frau, die immer und überall akribisch plant und stets zielorientiert handelt. Für Viktor ist sie lange nur die »Frau Feininger – eine sehr gut aussehende Schnepfe«.

 

Kerouac & Ginsberg

Während Viktor einen imaginären Kampf gegen die Eintönigkeit des Lebens austrägt und ein klein wenig Beat-Nostalgie (Sex, Drogen, Freiheit) verbreitet, schreibt Casbah an einer wissenschaftlichen Arbeit über das »Lebensplanungsverhalten der US-amerikanischen Unterschicht«.

 

Schließlich landen die beiden so ungleichen Figuren, die peu à peu zueinander finden, in Colorado Springs in der Unterkunft eines flippigen Bikers, der sich gerade auf Tour befindet und in seiner Bleibe stattliche Mengen Haschisch deponiert hat. Viktor überlässt Casbah die Drogen, sie füttert damit ihre Probanden an und gelangt so auf einfachem Weg zu verlässlichen Auskünften. So kreuzen sich auf gefährliche Weise mittels des Haschisch die Interessensphären von Viktor und Casbah. Zwei völlig unterschiedliche Lebensentwürfe finden am Ende einen Berührungspunkt – abseits jeder Moral.

 

Der tagträumerische Streuner und die strebsame Studentin durchlaufen einen Selbstfindungsprozess in Hardcore-Version. Gunnar Homann jagt den Leser mit einem wahnsinnig hohen Erzähltempo durch die Handlung, sein Ton klingt frech, wild und manchmal sogar etwas dissonant, so als habe man Jazz und Country vermengen wollen. Man glaubt, den Wind und den Staub der Highways zu spüren und dabei ein wenig den Geist von Jack Kerouac und Allen Ginsberg zu inhalieren.

 

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