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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 26. April 2017 | 23:38

    Max Frisch zum 100. Geburtstag

    16.05.2011

    Liebe, Kunst und Gelderwerb

    2011 jähren sich der Geburtstag Max Frischs (15.05.1911) zum 100sten, sein Todestag (04.04.1991) zum 20sten Mal – Anlass genug, um zu überprüfen, ob der Weltautor aus der kleinen Schweiz auch heutigen Lesergenerationen noch etwas zu sagen hat. Notizen von DIETMAR JACOBSEN zu Max Frisch Roman Die Schwierigen oder J’adore ce qui me brûle

     

    Dass Frisch – genauso wie sein Landsmann, (Halb-) Bruder im Geiste und heimlicher Antipode Dürrenmatt – inzwischen zum Klassiker geworden ist, sagt ja vorerst im Prinzip nur etwas über den Zustand unseres Bildungssystems aus. Betritt man das Land eines Kanonisierten dann tatsächlich einmal ohne jeden pädagogischen Zwang, sind Überraschungen nicht ausgeschlossen.

     

    Machen wir die Probe aufs Exempel doch an Die Schwierigen oder J’adore ce qui me brûle. Eben in der Kollektion Nagel & Kimche – herausgegeben von dem Schweizer Germanisten Peter von Matt und intelligent benachwortet von Lukas Bärfuss – neu ediert, erschien Frischs zweiter Roman im Jahr 1943 zum ersten Mal. Sein Held, Jürg Reinhart, Frisch-Lesern bereits bekannt aus dessen Romandebüt von 1934, darf durchaus als eine Art Alter Ego des Autors verstanden werden. In den empfindsamen jungen Mann, scheiternd als Liebhaber wie als Künstler, hat Frisch jene Seiten seines Selbst gelegt, die ihm die eigene Schriftstellerexistenz in den dreißiger und vierziger Jahren immer wieder suspekt werden ließen.

     

    Als das Buch herauskam, stand der damals 32-Jährige nicht zum ersten Mal an einem Scheideweg. Seit Kurzem im Besitze eines Architekturdiploms, hatte er soeben ein erstes eigenes Büro aufgemacht. Verheiratet und seit dem 9. Juni 1943 Vater einer Tochter, glaubte er sich entscheiden zu müssen zwischen einer glanzlosen bürgerlichen Erwerbskarriere und einem Leben als Künstler, zu dem freilich die Verantwortlichkeiten, die er sich aufgeladen hatte, nicht recht passen wollten.

     

    Jürg Reinhart als Alter Ego des jungen Frisch

    Der zentralen Figur seines Buches geht es nicht anders. Zwei Anläufe unternimmt Reinhart, um seiner Existenz ein Fundament zu geben. Beide sind an Liebesgeschichten gebunden, die schlussendlich scheitern. Yvonne, die sein Kind zur Welt bringt, ohne dass er etwas davon ahnt, heiratet schließlich Hauswirt, den »Mann mit den achthundert Arbeitern«, von dem sie sich Sicherheit verspricht. Hortense, die als Kunstschülerin zu Reinhart kommt, ist bereit, gegen die Vorurteile ihres gesellschaftlich hoch angesehenen Elternhauses einem mittellosem Vagabunden gegenüber zu rebellieren. Reinhart selbst verlässt sie schließlich, als er von ihrem Vater Auskunft über sein nicht standesgemäßes Herkommen erhält.

     

    Im letzten Teil des Romans hat sich der gescheiterte Maler dann in Anton, den Diener, verwandelt. Im Haus von Hortense und Ammann, ihrem Gatten, einem erfolgreichen Architekten, kümmert er sich um den Garten. Dort begegnet ihm Annemarie, die Tochter des Hauses, und bittet um Rat in Liebesdingen, denn sie ist in Hanswalter vernarrt, den Sohn, den Yvonne Reinhart verschwiegen hat. Damit schließt sich der Kreis, in dem Frischs zentrale Figur allerdings keinen Platz mehr finden wird: Reinhart endet im Suizid.

     

    Frisch ist Frisch von Anfang an

    Wer sich ein bisschen in Max Frischs Werk auskennt, den Stiller und den Homo Faber gelesen hat oder schon den poetischen Bin, der sich auf seine Reise nach Peking macht, in den berühmten Tagebüchern, von denen es inzwischen drei gibt, ein wenig hin- und herblätterte und ein, zwei Dramen des Bühnenautors sah, wird sich in Die Schwierigen oder J’adore ce qui me brûle sogleich wie zu Hause fühlen. Denn Frisch hat – wie jeder große Schriftsteller, sollte man an dieser Stelle betonen – im Grunde nur ein Thema. Bei ihm ist es die menschliche Identität, deren Konstitution und Konstruktion er ein Leben lang nachsann.

     

    Diesem Interesse erscheint alles untergeordnet, auch die Motive, die der Schweizer Weltautor von Anfang an traktierte: der Widerwille gegen die Bilder, mit denen jeder Mensch von seiner Umwelt umstellt wird, das Spielen von Rollen, das Jonglieren mit Biografieversatzstücken, die Abgründigkeit der bürgerlichen Ehe, der Aufbruch in die Fremde (ganz wichtig in diesem Zusammenhang das Meer als Sehnsuchtsort), das Ringen um Sicherheiten im Leben, die Widersprüche zwischen künstlerischer und bürgerlicher Existenz, Gefühl und Verstand, Freiheit und Zwang. In seinem frühen Roman kann man all das sozusagen an der Quelle beobachten und zuschauen, wie ein später mächtig anschwellendes Werk seine Fließrichtung findet.

     

    Ein Roman wie aus der Zeit gefallen

    Zwei Dinge berühren dennoch merkwürdig. Da ist zum einen die historische Zeit – 1943 befindet man sich mitten im Zweiten Weltkrieg –, auf die das Buch nur an zwei Stellen in je einem Halbsatz zu sprechen kommt. Fast fühlt man sich ein wenig der Geschichte entrückt, wenn man sich in die biografischen Verschlingungen der einzelnen Figuren hineinziehen lässt.

     

    Das mag der Sonderstellung der Schweiz in den Wirren jener Jahre geschuldet sein, mutet aber trotzdem nicht weniger als biedermeierlich an – wobei der Ton an manchen Stellen noch das Seine dazu tut, indem er Kaskaden von Adjektiven für die vielen Naturbeschreibungen anhäuft, die Landschaften übertuscht bis zum Geht-nicht-mehr. Andererseits werden weibliche Leser bei der Lektüre auf Passagen stoßen, die ihnen den Atem rauben dürften. Und das keineswegs vor begeisterter Zustimmung, im Gegenteil. Doch was sein Frauenbild betrifft, das heutigen jungen Lesern mehr als antiquiert erscheinen dürfte, hat Frisch bekanntermaßen zeitlebens Kritik auf sich gezogen.

     

    Alles in allem ist Die Schwierigen oder J’adore ce qui me brûle kein moderner Roman. In vielem scheint seine Verbindung zum 19. Jahrhundert (Gottfried Kellers Der grüne Heinrich, ja selbst Goethes Die Wahlverwandtschaften sind in Anklängen präsent) stärker als die zu den Avantgarden jener Jahre, in denen er geschrieben wurde. Ihn heute (wieder) zu lesen, verlangt ein Sich-Einlassen auf einen weitgehend verschwundenen Ton. Der kann, hat man sich erst einmal an ihn gewöhnt, durchaus verzaubern.

     

    Die Probleme zwischen den Geschlechtern, die das Buch behandelt, sind freilich weitestgehend zeitlos. Als ersten Einstieg in die Welt eines der wichtigsten deutschsprachigen Schriftsteller des letzten Jahrhunderts würde ich den Text dennoch nicht empfehlen. Ist man allerdings schon ein bisschen vertrauter mit der literarischen Welt des Max Frisch, macht es durchaus Sinn und Spaß, dorthin einen Blick zu werfen, wo alles begann.


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