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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 21. Juli 2017 | 06:36

    Alissa Walser: Immer ich

    16.05.2011

    Zwischen Brokkoli und Pornokino

    Wort-Denkmal und Textmontage: »Nur nie Wurzeln schlagen, und nie was kappen müssen«, wünscht sich eine der weiblichen Protagonistinnen aus Alissa Walsers neuer Erzählung Immer ich. Von PETER MOHR

     

    Dieses Ansinnen hat durchaus programmatischen Charakter für das Gros der weiblichen Figuren, die sich durchgängig in einem emotionalen Stadium der Unentschiedenheit befinden. Zumeist haben wir es mit Künstlerinnen mittleren Alters zu tun, die sich verlieben und trennen, sehnen und flüchten.

     

    »Mein Leben! Nichts als eine Mischtechnik«, lässt Alissa Walser, die zweitjüngste Tochter des Star-Autors vom Bodensee, die selbst viele Jahre als Malerin erfolgreich arbeitete, eine ihrer Figuren befinden. Die 50-jährige Autorin, die 1992 mit dem Klagenfurter Bachmannpreis ausgezeichnet wurde und die im letzten Jahr für ihren Romanerstling Am Anfang war die Nacht Musik hochgelobt wurde, lässt mit New York und Frankfurt zwei wichtige Stationen aus ihrem eigenen Leben als Handlungsschauplätze einfließen. Ansonsten sind handfeste autobiografische Parallelen eher die Ausnahme in diesem kunstvoll verschachtelten Text.

     

    Alissa Walser bevorzugt hier eine Art labyrinthisches Erzählen. Unterschiedliche Episoden werden miteinander verknüpft, Figuren aus vorangegangenen Textsequenzen treten urplötzlich wieder auf – in völlig neuem situativen Kontext. Absolut treffend heißt es über eine Figur: »Für Mona ist ein Rätsel erst dann gelöst, wenn es zu einem nächsten Rätsel geführt hat.«

     

    So ähnlich ergeht es dem Leser auch mit dem Handlungspersonal. Die Figuren bewegen sich zwischen Stolz, Selbstbewusstsein und beinahe untertänigen Selbstzweifeln. So gibt Onkel Uwe gleich zu Beginn der kleinen Nina mit auf den Weg: »Immer ich sagen.«

     

    Unglückliche Genies

    Aber dieser wohlgemeinte Rat hat offensichtlich kaum Gehör gefunden. Die meisten Frauen lavieren sich ziemlich orientierungs- und ziellos durch die Handlung, immer ein wenig gehetzt und immer irgendwie suchend um der Suche willen. Selbst die erotischen Momente sind von großer Flüchtigkeit und scheinen nur eine Zwischenstation auf der stressigen Dauerreise durch den Alltag zu sein. Ein wenig spiegeln sich auch Mesmer und Maria Theresia von Paradis, die unglücklichen Genies aus Alissa Walsers Erfolgsroman, in den Figuren dieser neuen Textmontage.

     

    »Ich mag das Samtige am männlichen Geschlecht und am Weiblichen das Seidige«, schreibt eine Frau unter der Überschrift »Was ich vermissen werde, wenn ich tot bin« in ihr Notizbuch. Das wirkt zwar ziemlich pathetisch und etwas dick aufgetragen, doch es trifft dieses undefinierbare Sowohl-als-Auch-Gefühl dieses Bandes im Kern.

     

    Bei Alissa Walser scheinen die banalsten Dinge des Alltags miteinander verbunden zu sein – zwischen Brokkoli, Pornokino und Yogakurs setzt sie geheimnisvolle verbindende Klammern, ohne dabei irgendwelchen Regeln der Logik und Stringenz zu folgen.

     

    In Immer ich dominieren die Sehnsüchte nach Bindungen und die daraus gleichzeitig resultierenden Ängste, liebgewonnene Freiheiten verlieren zu können. Aber so sind heute nun einmal viele Menschen: zufrieden und doch ein wenig unglücklich, in einem selbstgewählten Dauer-Remis-Zustand lebend. Ihnen hat Alissa Walser ein kunstvolles Wort-Denkmal gesetzt.


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