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Juliane Beer: Arbeit kann zu einem langsamen und schmerzhaften Tod führen

18.04.2011

Visionen zum zeitgemäßen Arbeitsmarkt

Es geht um Auswege, um Ausreden, um Kompromisse; das gesamte Buch ist eine kritische Gesellschaftsstudie: Das falsche Leben im wahren, die vor Fett triefende Ente trotz der Diät, die schreckliche Vermutung, dass der Ehrliche letztendlich nur der Dumme sein kann – Arbeit kann zu einem langsamen und schmerzhaften Tod führen ist ein beinahe ebenso engagiertes wie zynisches Plädoyer für eine menschlichere Gesellschaft, für ein humaneres, verantwortungsvolleres Miteinander; und nicht zuletzt ein wunderbarer Roman, der sich – nicht nur wegen der Drogenthematik und der Frage zur Herkunft eben jener Drogen – mit jeder Seite mehr zum Krimi wendet! Von STEFAN HEUER

 

Jutta Paesch, 45 Jahre, Single, arbeitet als Beraterin im Jobcenter Berlin-Neukölln – gemeinsam mit Kollegin Gertrud Ganter (die sie für sich, alles andere als liebevoll, die »Gans« nennt, was spontan an den »großen weißen Vogel« erinnert, den sich Heinz Erhardt in seinem Büro hielt...) und Chef Kernmann, der sich wenig bis gar nicht für das Leben der Kundschaft, sondern ausschließlich für die aktuellste Statistik interessiert. Paesch ist zuständig für die heavy-Kunden (»die nichts wissen und nichts können – zumindest nicht das, was heutzutage gefragt ist...«). Entgegen der Vorgabe, möglichst viele der Schlange stehenden Personen in Praktika und unbezahlte Jobs zu vermitteln und dadurch die Statistik zu bereinigen, versucht sie, das System zu unterlaufen und ihre Kunden, zumeist Frauen mittleren Alters, davon zu überzeugen, sich unterbezahlter Arbeit zu verweigern. Als sie jedoch merkt, dass viele ihrer Klientinnen um jeden Preis arbeiten wollen, notfalls sogar umsonst, eröffnet sie heimlich an ihrem Schreibtisch eine Schwarzarbeit-Agentur. Bei einem festen Stundenlohn, der für die Arbeitgeber ebenso rentabel ist wie für die arbeitenden Frauen, könnte das Buch nach 30 Seiten eigentlich enden: alle glücklich und zufrieden und Schluss. Dass die Story weitergeht, verdankt der Leser in erster Linie den beiden Klientinnen, die unter dem Einfluss halluzinogener Drogen aus dem Leben scheiden und damit sowohl Polizei als auch Boulevardpresse auf den Plan rufen und mächtig für Wirbel sorgen ...

 

Parallel zur Lage im Jobcenter werden mehrere Nebenschauplätze aufgemacht; zahlreiche Personen tauchen auf. Da sind Jakob und der Lieutenant, zwei verdeckte Ermittler, die sich, nachdem sie beim letzten Auftrag verbrannt sind, wieder ganz an der Basis abarbeiten. Der Lieutenant, der ältere der beiden, hat eine durch die Jahre gelockerte Einstellung zum Dienstweg, was schon mal während der Dienstzeit hinter einem Container im Blowjob einer Prostituierten enden kann. Er und Jakob, Fahnder mittleren Alters und frischgebackener Vater, der gegenüber Selbstversuchen mit konfiszierten Drogen nicht abgeneigt ist, beschatten die lokale Dealer- und Endkunden-Szene. Unterstützung bekommen sie dabei von Sascha, einer jungen Polizistin mit Unglück verheißendem Hang zu verheirateten Frauen.

 

Faustdick hinter den künstlichen Ohren

Mit Frau Ritter entert eine weitere Protagonistin die Story. Ritter, seit längerer Zeit arbeitslos und Klientin beim Jobcenter, die sich, um überhaupt etwas Sinnvolles zu tun, in einem Altenheim um vereinsamte Senioren kümmert und sich dabei in einen ehemaligen Pfarrer verguckt. Sie treffen sich auch ohne die Senioren, aber die Nähe gestaltet sich schwierig ob der ständigen Präsenz globaler Ungerechtigkeiten und traditionellem Rollenverhalten ...

 

Letztendlich kommt es, wie es kommen muss – es kommt so, wie man es von einem Episodenroman erwartet: Nach und nach kreuzen sich die Wege der Protagonisten, verknüpfen sich die Geschichten, fügt sich ein Puzzleteil ans andere. Das habe ich schon des öfteren recht plump vorgesetzt bekommen, doch Beer nimmt die Kurven elegant und glaubwürdig und schafft echte Charaktere. Vieles klärt sich auf, zum Schluss weiß man einigermaßen bescheid: über die sexuelle Ausrichtung von Pfarrer und Kundschaft, über die Polizisten und ihre Liebschaften zum Thekenpersonal, und auch über den gehbehinderten Vater von Frau Paesch, der es überraschend faustdick hinter den künstlichen Ohren hat ...

 

Paesch ist das moderne weibliche Gegenstück zu Willi Winzig, schustert »ihren« Frauen Sonderleistungen zu und hilft recht unbürokratisch, indem sie Vorgänge verschwinden lässt. Doch auch zahlreiche humorvoll geschriebene Passagen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich bei Arbeit kann zu einem... vom grundsätzlichen Tenor her um ein ernstes, ernstzunehmendes Buch handelt. Beer, in deren vorherigem Roman (Eines Nachts habe ich einen Ausflug gemacht) es bereits um die Thematik der Arbeit ging, übt mit diesem Buch heftige Kritik an der Unmenschlichkeit des Systems. Eines Systems, das dazu neigt, bezahlte Fachkräfte durch Hungerlöhner zu ersetzen und mittels Praktika und 1-Euro-Jobs die Statistiken zu bereinigen; eines Systems, das längst nicht mehr in der Lage ist, ehrliche Arbeit mit einem angemessenen Lohn zu vergüten, sondern die gegen Einsamkeit und das Gefühl der Nutzlosigkeit ankämpfenden Arbeitswilligen als schwächstes Glied fest eingeplant hat; eines Systems, in dem sich die Menschen ihren Job oftmals nicht mehr leisten können, in dem ein normaler Durchschnittsjob immer öfter nicht mehr ausreicht, selbst einen bescheidenen Lebensstandard halten zu können.

 

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