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Dienstag, 21. Oktober 2014 | 09:01

Amélie Nothomb: Winterreise

02.05.2011

Kamikaze-Killer

Die belgische Autorin Amélie Nothomb kreuzt die sentimentalen Klagelieder von Schuberts Winterreise mit den drogentauglichen Beats von Aphex Twin. Entstanden ist ein bitterböses Dramolett mit verstörendem Pathos. Von INGEBORG JAISER

 

»Und ich werde das Flugzeug um 13.30 Uhr tatsächlich explodieren lassen.«

 

Schon auf der ersten Seite der Winterreise geht fast die Bombe hoch. Der Ich-Erzähler Zoïle beschäftigt sich seit 15 Jahren beruflich damit, »Leuten nach ihren Umzügen Energielösungen vorzuschlagen, um die sie nicht gebeten haben.« Auf seinen Touren durch das Pariser Prekariat landet er in einer eiskalten Dachwohnung im Viertel Montorgueil. Dort hausen zwei tief vermummte Frauen: die eine augenscheinlich alterslos und debil – die andere recht hübsch und etwa Ende zwanzig. Abweisend wirken beide. Schnell wird Zoïle klar, dass sein Inspektionsbesuch nicht erwünscht ist und an einer Kooperation wenig Interesse besteht.

 

Platzpatronen

Doch Zoïle, der verhinderte Literat, der aufgrund kurioser Umstände in einem Energieversorgungsunternehmen gestrandet ist, wittert bei seinen Klientinnen einen Fall von Wesensverwandtschaft. Wurde nicht eine der beiden Frauen als Schriftstellerin geführt? Doch nicht die adrette Astrolabe entpuppt sich als Verfasserin des befremdlichen Romans Platzpatronen, sondern die grunzende, schnaubende, schwachsinnige Aliénor. Zoïle ist entsetzt. Und eine verzweifelte Amour fou nimmt ihren Lauf.

 

Amélie Nothomb – gleichermaßen Enfant terrible und Fräuleinwunder der französischsprachigen Literatur – hat wieder zugeschlagen. Bislang hat die in Kobe geborene Diplomatentochter erfolgreich ihre Jugend in exotischen Ländern, ihre Lehr- und Wanderjahre in Fernost und ihre exzentrischen Phantasien verarbeitet. Im Jahrestakt wirft die hochproduktive Autorin neue Werke auf den Markt, auch wenn es oftmals nur schmale, magere Bändchen sind, die den Gattungsbegriff Roman kaum verdienen. Die Winterreise bemüht sich zwar angestrengt um Anleihen an Schubert (»Sich im Winter zu verlieben ist keine gute Idee. Die Symptome sind grandioser und schmerzhafter.«), letztendlich kreist dieses groteske Dramolett jedoch nur wieder versteckt um die Autorin selbst.

 

Dem Energieberater wird eine frühe Anorexie angedichtet, an der Nothomb in ihrer eigenen Jugend litt; das ungleiche Frauenpaar Astrolabe und Aliénor steht für den Zwiespalt zwischen verrückter Egozentrik und eiskalter Abwehr. »Übrigens fand ich es sympathisch, dass kein Foto der Autorin auf dem Umschlag war…«, gesteht Zoïle – während sich gerade zahlreiche Nothomb`schen Werke durch ein Konterfei der Verfasserin auf dem Buchcover auszeichnen.

 

Psychedelische Pilze

Doch kehren wir zurück zur Winterreise. Der verschmähte Möchtegern-Liebhaber Zoïle entwickelt stets neue Strategien, um die eiskalte Astrolabe zu erobern. Eines Tages lädt er zum gemeinsamen Konsum psychedelischer Pilze ein, begleitet vom luziden Sound des Musikers Aphex Twin. Doch die guatemaltekischen Kahlköpfe können die verschlossenen Tore nicht öffnen und der langweilig beschriebene Drogenrausch ist Lichtjahre entfernt von Martin Suters vergleichsweise phänomenal beschriebenem Pilz-Trip in Die dunkle Seite des Mondes. Kein Wunder, dass allgemeines Gähnen angesagt ist. Was bleibt dem armen Tropf Zoïle? Der krude Plan, ein explodierendes Flugzeug in den Eiffelturm zu jagen, dessen architektonische Form (ein A) für den Anfangsbuchstaben der abweisenden Geliebten Astrolabe steht.

 

Nothombs Winterreise erinnert von der Stimmung vage an die beklemmende Düsternis und Verzweiflung ihres Vorbilds, wenngleich die bizarren, überzogenen Darstellungen ihresgleichen suchen. Eine eiskalte, abgedrehte, hochgradig verwirrende Groteske!

 

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