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    Montag, 26. Juni 2017 | 19:05

    Klaus Modick: Sunset

    04.04.2011

    Passionen in Pacific Palisades

    Der Titel von Klaus Modicks neuestem Roman Sunset spielt doppelbödig sowohl auf den gleichnamigen Boulevard in Los Angeles an, wo sich zahlreiche europäische Exil-Schriftsteller niederließen – als auch auf den vielversprechenden Sonnenaufgang, mit dem dieses Buch beginnt. Von INGEBORG JAISER

     

    Geradezu legendär geworden ist jener Kreis von deutschsprachigen Schriftstellern, die während des Nationalsozialismus nach Kalifornien emigrierten: Thomas und Heinrich Mann, Alfred Döblin und Ludwig Marcuse, Vicki Baum und Franz Werfel. Viele sind mit gefälschten Pässen und »Special Emergency Visa« auf abenteuerlichen Überfahrten nach Amerika gekommen, doch nicht allen gelang es, in der neuen Heimat Fuß zu fassen.

     

    Zu den Erfolgreichen und Bessergestellten gehörte Lion Feuchtwanger mit seiner attraktiven, sportlich ambitionierten Ehefrau Marta. Generös griff Feuchtwanger weniger Betuchten unter die Arme: finanzierte Arnold Zweigs unglücklichen Sohn Michi (der ihn später bei der Einwanderungsbehörde anschwärzte); kümmerte sich um Bertolt Brechts Überfahrt von Wladiwostok nach Amerika; organisierte Visa, Pässe, Geld.

     

    Paseo Miramar

    Entgegen anderen bekannten Exilanten, die wieder nach Europa zurückkehrten – Thomas Mann, Bertolt Brecht, Alfred Döblin, Charlie Chaplin – ließ sich Feuchtwanger bleibend in Kalifornien nieder, in Los Angeles, am Paseo Miramar. Sunset blättert den fiktiven Tagesablauf des Schriftstellers an einem heißen Augusttag im Jahre 1956 auf, von der anstrengenden Morgengymnastik im Frühnebel bis zu den letzten handschriftlichen Zeilen im versiegenden Abendlicht.

     

    Feuchtwanger ist allein in der »Villa Aurora«, jenem weitläufigen, schlossähnlichen Anwesen mit 20 Zimmern, mit andalusisch anmutenden Balkonen und Innenhöfen, das einst als Mustervilla der Los Angeles Times erbaut worden war und nach der Weltwirtschaftskrise in einem desaströsen Zustand weit unter Preis verhökert wurde. Ehefrau Marta ist nach San Diego gefahren, »zu einem Anwalt wegen der endlosen, quälenden Einbürgerungsgeschichte«; die Sekretärin Hilde hat sich Urlaub genommen.

     

    Brecht ist tot

    So muss sich Feuchtwanger selbst an die Tür bemühen, als überraschend die Klingel schrillt. Ein Bote überbringt ein Western Union Telegramm. Bertolt Brecht ist tot, der 14 Jahre jüngere, brüderliche Freund, der notorische Zigarrenraucher und Rennsportfanatiker, ein Choleriker und Frauenheld, der sogar heimlich Marta den Hof gemacht hat. Feuchtwanger ist zutiefst erschüttert. Schon am nächsten Tag soll ein Staatsakt im Berliner Theater am Schiffbauerdamm stattfinden. Unmöglich für Feuchtwanger, der Einladung zu folgen, wo man ihm nach einem Vierteljahrhundert im Exil immer noch die amerikanische Staatsangehörigkeit verweigert und ihn möglicherweise nicht wieder ins Land ließe.

     

    Paradoxien und Zoten

    Nachdenklich gibt sich Feuchtwanger den Erinnerungen hin. An das erste Treffen mit dem ehrgeizigen, aufbrausenden Brecht, an die langen Jahre gemeinsamer Arbeiten und Projekte, an des Freundes »schrille Stimme, seine Paradoxien und Zoten, seine produktive Unlogik, seine entwendeten Ideen, seine Gerissenheit, seine bayrische Hinterfotzigkeit.« Frühere Begegnungen scheinen auf, gemeinsame Unternehmungen, Lesungen und Besuche im Exilantenkreis (mit der sturzbetrunkenen Nelly Mann, dem genialen Laughton, der spitzzüngigen Alma Mahler-Werfel).

     

    Während sich Feuchtwanger durch den heißen Tag kämpft, sich gemäß Martas hinterlassenen Notizzetteln ernährt (zum Frühstück Obstsalat und Orangensaft, zum Mittagessen Deftiges), mal vor einem Stinktier flieht, mal die Schildkröten füttert, lässt er gedanklich nicht nur Brechts Leben, sondern auch sein eigenes Revue passieren: die Traumata seiner Kindheit, die Zurückweisung durch den Vater, die harte Zeit im französischen Internierungslager, die abenteuerliche Flucht, die gesundheitlichen Probleme, den Kauf der Villa und den Aufbau seiner 30.000 Bände umfassenden Privatbibliothek.

     

    Obwohl Sunset ausdrücklich als Werk der Fiktion betrachtet werden soll, ist es von einem profunden Feuchtwanger-Kenner verfasst – und das spürt man mit jedem Satz. Klaus Modick hat bereits über den jüdischen Schriftsteller promoviert (Lion Feuchtwanger im Kontext der zwanziger Jahre: Autonomie und Sachlichkeit) und konnte 2009 als Stipendiat in den Genius Loci der »Villa Aurora« eintauchen, die nach Marta Feuchtwangers Tod als Künstlerresidenz und Kulturzentrum dient. Modicks leichtfüßig-elegantes Porträt bietet tiefere Einblicke, erzählt hintergründigere Episoden als manche Biographie.

     

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    Kommentar:
    Also ich würde mal vermuten, dass der Titel allenfalls auf einen Sonnenuntergang anspielt, sonst müsste er eigentlich sunrise heißen.
    | von tole, 04.04.2011

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