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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 25. Mai 2017 | 21:59

    Marc Buhl: Das Paradies des August Engelhardt

    11.04.2011

    Philosophie der Kokusnuss

    Die Geschichte über den Aussteiger Engelhardt verdient es, neu erzählt zu werden. Insbesondere wenn dies auf eine so poetische Weise gelingt wie Marc Buhl in Das Paradies des August Engelhardt. Von MARIA-BERNADETTE EHRENHUBER

     

    Wie schon in seinen anderen Romanen hat Marc Buhl auch im vorliegenden Buch eine wahre Geschichte fiktionalisiert. Diesmal hat er sich als Grundlage für seinen poetischen Abenteuerroman das Leben des Nudisten und Vegetariers August Engelhardt ausgesucht.

     

    Dieser August Engelhardt ist schon eine spannende Person, er hat Anfang des 20. Jahrhunderts auf eine sehr schrullige, aber gleichzeitig sehr konsequente Weise Themen gedacht und gelebt, mit denen wir uns heute auch beschäftigen: Vegetarismus und neue Spiritualität. Nur hat August Engelhardt den Vegetarismus viel radikaler formuliert als gegenwärtig zum Beispiel Karen Duve mit Anständig essen (2011) oder Jonathan Safran Foer mit Tiere essen (2010). Und seine neue Religion des Sonnengottes hat er mit so viel Engagement verbreitet, dass er Vorbild für neue spirituelle Bewegungen der Esoterikszene sein könnte.

     

    Ein Aussteiger in der Südsee

    1902 reiste Engelhardt nach Deutsch-Neuguinea, erwarb eine Kokosplantage und ließ sich dort als einziger Weißer nieder. Er erwarb ein Grundstück auf der Insel Kabakon, ernährte sich ausschließlich von Früchten, dabei vorwiegend von Kokosnüssen, verzichtete auf Kleidung und baute darauf seine Philosophie des Sonnenordens.

     

    Dieser Weiße, der da nackt unter einer Palme liegt und schläft, ist für die Eingeborenen eine lächerliche Figur, die ihnen trotzdem so viel Respekt einflößt, dass sie den komischen Nackten unbehelligt lassen. Und als sie dann noch beobachten, wie der seltsame weiße Mann nackt eine Kokospalme raufklettert und sich dabei die Beine wund schürft, löst er bei ihnen Gelächter aus.

     

    Die wenigen anderen Weißen im Land sind irritiert von Engelhardt. Sie sitzen lieber mit Sonnenschirm im Schatten und versuchen mühsam den Komfort Europas in dieses heiße Land zu importieren. Der Gouverneur weigert sich zuerst, die vielen Bücherkisten, die Engelhardt mitgebracht hat, rauszugeben. Als Engelhardt die Bücher schließlich doch erhält, baut er sich mit ihnen ein Haus mitten auf der Insel Kabakon. Mit und in den Büchern lebt er. Bücher sind die einzigen Produkte der Zivilisation, die er in seinem neuen Reich akzeptiert. Erst der Missionar Pater Joseph kann ihn überzeugen, mit Ästen und geflochtenen Matten eine Hütte zu bauen, damit wenigstens seine Bücher in der Regenzeit geschützt sind.

     

    Zwei Männer lässt August Engelhardt in sein Leben. Einerseits den liebenswerten Pater Joseph, der zwar von der Gottlosigkeit des Nackten irritiert, aber gleichzeitig fasziniert von seiner Wahrhaftigkeit und Liebe zur Natur ist. Andererseits den Musiker Max Lützow, dem leider eine Kokosnuss auf den Kopf fällt und der beinahe an seiner Kopfverletzung stirbt. Viele Wochen wird er von seinem Freund Engelhardt gepflegt, reist dann doch zurück nach Europa und sorgt dort für die Verbreitung der vegetarischen und nudistischen Philosophie. Was zur Folge hat, dass immer mehr Anhänger bei August Engelhardt auf der Insel Kabakon auftauchen und der Grundstein zum Sonnenorden gelegt werden kann.

     

    Fiktionalisierte Realitäten

    Marc Buhl, geboren 1967, hat viele Reisen nach Afrika und Asien unternommen. Nach Abschluss seiner Studien arbeitete er als freier Journalist und Yogalehrer. Sein erster Roman Der rote Domino erschien 2002.  Dann folgten Rashida oder Der Lauf zu den Quellen des Nils, Das Billardzimmer und Drei Sieben Fünf. In all seinen Roman greift Marc Buhl ein historisches Thema auf, einmal den Briefwechsel zwischen Goethe und Lenz, dann den legendären Langstreckenläufer Mensen Ernst. In den nächsten Büchern reist der Autor nicht ganz so weit zurück, einmal in die Zeit des 2. Weltkrieges, dann in die DDR-Vergangenheit.

     

    Gemeinsam ist allen Romanen, dass sie zwar gut recherchiert sind, aber dennoch eher durch literarische Qualität überzeugen als durch historische Detailgenauigkeit. Buhls Sprache ist schlichte Poesie, einfach, klar und bildhaft. Marc Buhl macht aus seinen Stoffen wunderschön-fantastische Bücher, die die Welt neu fabulieren. Denn historische wie literarische Perspektiven haben eines gemeinsam: Sie sind immer nur Lesarten von der Realität.

     

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    Kommentar:
    Max Lützow stirbt auf der Fahr ins Krankenhaus, kehrt also nicht nach Europa zurück ^^ ! Mein absolutes Lieblingsbuch :) ! Seeeeeehr zu empfehlen ;) !
    | von Bob, 12.01.2012

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