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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 23. August 2017 | 10:00

    Véronique Olmi: Die erste Liebe

    21.03.2011

    Verklärende Erinnerung

    Eine Frau entdeckt eine Zeitungsanzeige, während sie gerade das Abendessen für ihren 25. Hochzeitstag vorbereitet. Sie lässt alles stehen und liegen und macht sich auf den Weg, denn Die erste Liebe ihres Lebens wartet nach exakt 32 Jahren auf sie. Véronique Olmi erzählt eine Liebegeschichte. ANDREA WANNER ist skeptisch.

     

    Véronique Olmi startet ihren Roman mit einer ungewöhnlichen Ausgangssituation. »Mein Leben ist am 23. Juni um 20.24 Uhr aus den Fugen geraten«, analysiert die 48jährige Emilie selbst. Sie steht in der Küche, hat ein mehrgängiges Menü vorbereitet, Lammschulter als Hauptgang, zu jedem Gang die passende Musik ausgesucht, perlfarbene Seidenbettwäsche gekauft, sexy Dessous angezogen und ein blaues Mousselinekleid, das sich »höchst einfach« ausziehen lässt. Alles ist vorbereitet, alles »hätte perfekt sein können.« Und dann entdeckt sie die Annonce: »Emilie, Aix 1976. Komm so schnell wie möglich zu mir nach Genua. Dario.« Und geht.

     

    Überzeugungsarbeit

    Emilie zögert nicht. Überzeugungsarbeit gilt es nun vor allem bei den Leserinnen (und Lesern? Eher nicht!) zu leisten. Was an dieser ersten Liebe, die wir alle einmal erlebt haben und die für jeden etwas Besonderes war, ist so gewaltig, so anders, dass eine Frau nach 25 Jahren keine Sekunde lang nachdenkt. Sie ist sich sicher, dass sie gemeint ist, und sie ist sich sicher, dass sie den Mann, den sie damals als Teenager liebte, wiedersehen möchte.

     

    Gut, sie hat Zeit auf der Fahrt im Auto von Paris nach Genua über diese übereilte Tat nachzudenken. Und Véronique Olmi hat genau diese Fahrt lang Zeit, uns davon zu überzeugen, dass uns hier nicht blanker Kitsch jenseits aller Logik vorgesetzt wird, sondern dass Emilie ihre guten Gründe hat und dass diese erste Liebe mit unseren ersten Lieben eben doch nicht zu vergleichen ist. So wird die Reise von Paris nach Genua eine Reise in die Vergangenheit, zurück zu jenen Partys, wo Dario wild mit anderen Mädchen rumknutschte, zurück an jenen Strand, wo sie sich das erste Mal liebten, und zurück zu jenem Tag, wo Dario mit seinen Eltern von Aix zurück nach Genua zog und die beiden Abschied voneinander nahmen. Gut, man nimmt den beiden die Liebe ab. Aber ein Wiedersehen nach so langer Zeit? Mit welchen Hoffnungen, mit welcher Perspektive? Um an was anzuknüpfen?

     

    Skepsis

    Irgendwann stellt sich Emilie diese Fragen endlich auch. An diesen Stellen wird der Roman glaubwürdig. Aber das sind kurze Momente, die aufblitzen, um sofort wieder zu verschwinden. Stattdessen wird die Fahrt roadmoviemäßig mit den bizarrsten Begegnungen aufgewertet. Ein Wahrsager lässt Emilie durch seine Frau wissen, dass es richtig sei, was sie tue. Eine Frau mit zwei abgebrochenen Zähnen lädt sie zum Picknick ein und behauptet, sie zu kennen. Ein Anhalter, der selbst in eine merkwürdige Liebesgeschichte verstrickt ist, reist ein Stück mit. Sie macht einen unangekündigten Besuch bei ihrer älteren Schwester im Heim in Venelles – Emilie und Christine mit Down-Syndrom waren in ihrer Kindheit ein Herz und eine Seele. Und sie trifft sich mit ihrer ältesten Tochter – Emilie hat drei Töchter – in Aix. Viele subtil und aufmerksam beobachtete Details gehen in dieser geschwätzigen Aneinanderreihung von Highlights verloren. Schade, denn man spürt, dass Olmi eigentlich erzählen kann. Gerade der Rückblick auf die Kindheit bietet viele Kostproben ihres literarischen Könnens.

     

    Ernüchterung

    Irgendwann kommt Emilie an. Alle Spekulationen, warum Dario sie zu sich gerufen haben könnte, weichen der Wahrheit. Und die ist zunächst verblüffend. Ein Geheimnis, ein Rätsel, das einen von Neuem zu der Spannung vom Anfang des Buches zurückkehren lässt. Es ist nichts so wie erwartet. Aber wie kann die Lösung aussehen? Noch einmal gelingt es Olmi, sich vorsichtig tastend auf gefährliches Terrain zu wagen. Ein Wiedersehen nach über 30 Jahren: Wie kann das aussehen? Was kann daraus werden? Fast hält man beim Lesen die Luft an. Schafft sie es, die gefährlichen Klippen des Kitschs zu umschiffen? Wen überzeugt sie mit dieser Rückkehr in die Vergangenheit?

     

    Da ist sie, die Via Pescia. Da liegt La Florida am Hang, eine alte Villa, die man durch einen Garten mit Lorbeersträuchern und Olivenbäumen, mit Oleander und Geranien erreicht und von der aus man das Meer sehen kann. Wir sind am Ziel – und es trennen uns noch fast hundert Seiten vom Ende. Olmi lässt sich Zeit. Wie gesagt: Es wird noch einmal richtig spannend. Der Fokus verschiebt sich, es geht plötzlich nicht mehr um Emilie, sondern um Dario. Aber da ahnen wir schon, dass es irgendwie ein großer Irrtum war. Die Reise. Und die Geschichte. Und das Einzige, was am Ende tröstet, ist das Gefühl, dass wir nichts verpassen, wenn wir uns nicht auf die Suche nach der Liebe unserer Jugend machen. Sie war einmal. Zu glauben, die Zeit ließe sich zurückdrehen, ist naiv. Die erste Liebe eine Enttäuschung und gleichzeitig eine Beruhigung: So funktioniert es nicht. Nicht im Leben. Und nicht in der Literatur.

     

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