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    Stephan Thome: Grenzgang

    07.03.2011

    Das Leben, ein Grenzgang

    Grenzgang nennt sich das dreitägige Volksfest, das alle sieben Jahre in Bergenstadt gefeiert wird und das kleine Provinzstädtchen in einen Ausnahmezustand befördert. In seinem gleichnamigen Debütroman nimmt Autor Stephan Thome dieses Fest zum Anlass, um die Geschichte zweier Bergenstädter zu erzählen. Eine Geschichte von Einsamkeit, Scheitern und der Suche nach dem Glück. Von CATHERINE WENK

     

    Den Ort Bergenstadt gibt es im wirklichen Leben nicht, wohl aber den traditionellen Grenzgang. Im hessischen Biedenkopf, der Geburtsstadt Thomes, werden alle sieben Jahre die alten Grenzen des Ortes abgeschritten. Dieses Ritual feiert man als großes Fest. Den Grenzgang verlegt Thome in seinem Roman nun also in das fiktive Örtchen Bergenstadt. Detailreich schildert er die Vorbereitungen auf die Festlichkeiten und ihren Ablauf selbst.

     

    Im Mittelpunkt stehen dabei die zwei Figuren, deren Biographien Thome anhand verschiedener Grenzgangjahre konstruiert. Denn Thome beschränkt sich nicht allein auf den Grenzgang des Jahres 2006, ausschnitthaft springt er immer wieder in den Jahren zurück oder gibt eine Vorausschau. Der Roman umfasst damit den Zeitraum von 1985 bis 2013. Das traditionelle Volksfest dient als Fixpunkt zwischen den Jahren, um den herum sich die Ereignisse im Leben der zwei Haupfiguren konzentrieren.

     

    Zwischen Resignation und Trostlosigkeit

    Mit Kerstin Werner und Thomas Weidmann, so heißen die beiden Protagonisten des Romans, entwirft Thome einen Gegenpol zur euphoriegeladenen Atmosphäre des Grenzgangs. Denn beide Figuren umgibt eine Stimmung der Resignation. Kerstin lebt zusammen mit ihrer demenzkranken Mutter und ihrem pubiertierenden Sohn in Bergenstadt. Ihr Mann hat sie für eine jüngere Frau verlassen und erwartet nun ein Kind mit ihr. Thomas Weidmann ist nach gescheiterter Karriere als Professor in Berlin in seine alte Heimatstadt zurückkehrt und arbeitet dort nun als Lehrer.

     

    Trostlosigkeit bestimmt das Leben der beiden, die täglich mit den Schatten der Vergangenheit in Form von verlorenen Wünschen und Träumen zu kämpfen haben. Thome gelingt es hier, das Innenleben der Figuren offenzulegen. Psychologisch differenziert schildert er ihre inneren Konflikte, die zum großen Teil aus der Angst vor der immer währenden Gleichförmigkeit der eigenen Existenz bestehen. Abschnittweise erfolgt dabei ein Perspektivenwechsel. Der personale Erzähler berichtet abwechselnd aus der Sicht von Kerstin Werner und Thomas Weidmann.

     

    Die Dramaturgie des Romans entfaltet sich aber nicht allein durch die Fokussierung auf die beiden Hauptfiguren. Vielmehr liegt sie in der Verbindung zwischen beiden begründete. Denn Kerstin und Thomas, so erfährt der Leser, kamen sich einst näher, beim letzten Grenzgang vor sieben Jahren. Das nun erneut anstehende Fest macht deutlich: Vergessen haben die beiden ihre Begegnung von damals nicht. Und so spielt der Roman mit der Erwartung des Lesers, dass die zwei Protagonisten des Romans nun doch zueinander finden und sich in einer gemeinsamen Beziehung das so lang ersehnte Glück erfüllen könnte.

     

    Aus dieser Konstellation entwickelt Thome aber keine kitschige Liebesgeschichte. Zu brüchig sind die Figuren gezeichnet, zu pessimistisch klingt der Grundton des Romans an. Vielmehr entwirft Thome das Bild einer Generation um die vierzig, die desillusioniert dahinlebt. All die Sehnsüchte und Pläne aus früheren Zeiten haben sich nicht erfüllt. Kerstin wollte einst ein eigenes Tanzstudio eröffnen, Thomas sah seine Berufung in der wissenschaftlichen Laufbahn. Doch ihr Antrieb und ihr Enthusiasmus ist beiden Figuren im Laufe der Zeit abhanden gekommen.

     

    Das Scheitern im Leben als durchgängiges Thema

    Unprätentiös und unaufgeregt erzählt Grenzgang vom Scheitern im Leben, einem Scheitern, das nicht groß und laut daherkommt, sondern sich vielmehr still und leise vollzieht. Irgendwie, so zeigt der Roman, gehört die Unzufriedenheit auf einmal wie selbstverständlich zur eigenen Existenz dazu. Hervorragend gelingt es Thome, diese stetige Unzufriedenheit mit der Eintönigkeit der Provinz aufs Engeste zu verbinden. Inmitten der dörflichen Welt, wo jeder jeden kennt und die Tradition das Gemeinschaftsleben bestimmt, gibt es keine Ablenkung von der alltäglichen Tristesse. Der Ausflug Kerstins und ihrer Freundin in einen Swinger-Club bleibt lediglich eine Verzweiflungstat. Sowohl Kerstin als auch Thomas sind damit auf sich selbst und ihre inneren Konflikte zurückgeworfen. Das Grenzgangfest inmitten der provinziellen Örtlichkeit umschließt sie und ihre Resignation wie eine Glasglocke.

     

    Wenn Thomes Erstlingswerk an manchen Stellen auch zu sehr ins Larmoyante abgleitet, – die Gedankengänge und Verhaltensweisen der Hauptfiguren sind dann in ihrer Verzweiflung überstilisiert und wirken überladen schwerfällig – ein Endzeit-Roman ist Grenzgang nicht. Zu deutlich zeigt sich dafür das Bestreben und die Hoffnung der Protagonisten, doch noch gegen die herrschende Trostlosigkeit anzukämpfen und somit das eigene Leben zu verändern. Gegen Ende des Romans gelingt Kerstin und Thomas dies, zumindestens im Kleinen, in ihrer Beziehung. Die Brüchigkeit der eigenen Existenz aber bleibt. Denn, so macht uns Thome klar, ein Happy-End kann es in unseren Zeiten nicht geben.

     

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