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    Mittwoch, 23. August 2017 | 04:27

    Carl Albert Loosli: Die Schattmattbauern

    04.04.2011

    Autopsie eines Mörders?

    Die Wiederentdeckung des Schweizer Autors und Journalisten jetzt auch im Taschenbuchformat: Carl Albert Loosli arbeitet bereits vor 80 Jahren in seinem Kriminalroman Die Schattmattbauern psychologisch genau und entwirft dabei auch gesellschaftliche Visionen. Von HUBERT HOLZMANN

     

    Die Geschichte ist schnell erzählt: Im Dorf Habligen im Emmental wird der Bauer Andreas Rösti, ein griesgrämiger Einzelgänger und Besitzer des Schattmatthofes, wird auf seinem Grundstück tot aufgefunden. Kopfschuss. Alle Umstände sprechen dafür, dass sein Schwiegersohn Fritz Grädel der Mörder war. Hat er doch vor Zeugen dem Alten, der ihm das Leben seit Jahren schwer gemacht hat, den Tod gewünscht. Es setzt eine detaillierte Spurensuche ein. Der Freund und Verteidiger von Fritz, der »Fürsprech und Gemeindepräsident« Brand – der einzige, der von Grädels Unschuld überzeugt ist – untersucht auf eigene Faust Tatort und Umfeld zusätzlich zu den polizeilichen Ermittlungen.

     

    Es beginnt eine wahrhaft »archäologische« Spurensuche – an Stelle der heutigen auf Spannung zielenden Kriminalistik. Völlig außen vor bleiben Bedrohungsszenarien, weitere Morde etc. Bei Loosli werden zunächst alle Indizien, Motive, Möglichkeiten sorgfältig gesammelt, dann werden sie ans lokale Beziehungsgeflecht angedockt: Der Autor berichtet von der Familiengeschichte der Röstis, den Strukturen im Dorf und stellt Berechnungen an, wer und was eigentlich hinter dem Mord stehen könnte. Es entsteht also keine typische »criminal story«, wie bei Poe oder in den Sherlock-Holmes-Geschichten von Conan Doyle. Bei Loosli rücken die Personen mit ihren physischen und psychologischen Möglichkeiten in den Vordergrund. Die Detektivarbeit übernimmt der Übervater »Fürsprech« Brand. Verhöre folgen, Grädel kommt in U-Haft und wird des Mordes angeklagt.

     

    Das Stigma des Mörders

    Als Jurist ist Brand – alias Loosli – mit der Prozessführung bestens vertraut und übernimmt überlegen die Verteidigung, seine grandiosen kombinatorischen und rhetorischen Gaben helfen ihm dabei. Nur er ist in der Lage, das Personal des Gerichts, die Abwägungen, die Interessen und auch die möglichen Entscheidungen vorherzusehen und zu kalkulieren. Er kennt die Denkweise seiner Schweizer Mitbürger, die auf Wiederherstellung von Recht und Ordnung pochen. Durch diese präzise Offenlegung des Falles gelingt es ihm auch, den Indizienprozess zu Gunsten seines Mandanten zu gewinnen. Doch ein Freispruch kann Fritz Grädel nicht retten. Der Gefängnisaufenthalt, die verlorene Ehre, die Last des nicht aufgeklärten Mordes sind für den Familienvater und einfachen Bauern Grädel erdrückend. Das Ende ist tragisch.

     

    Looslis Biografie erklärt die Story: Er wird 1877 als uneheliches Kind geboren. Wächst bei einer Pflegemutter auf. Verliert mit elf Jahren beim Spiel mit Munition sein linkes Auge. Kinderheime, Erziehungsanstalten folgen. – Gesellschaftlich also ein klassischer Außenseiter. Dann erfährt er von der Affaire Dreyfus: Er reist nach Paris, lernt Zola kennen, wird danach Gerichtsberichterstatter und später Redakteur bei verschiedenen Zeitungen der Schweiz. Und kämpft für Reformen der Schweizer Rechtsprechung – genau wie »Fürsprech« Brand.

     

    Das Buch besticht durch eine große epische Breite in seinen Beobachtungen der Schweizer Landschaften, des Alltags der Dorfbewohner und der Denkweise des einfachen Volkes – Loosli erinnert dabei an Robert Walser. Mit liebevollem Kolorit zeichnet er das soziale Gefüge, tiefliegend dennoch seine Kritik an Gesellschaft und Behörden. So ist der Bericht des 1959 verstorbenen Loosli zugleich soziales Zeugnis als auch ein Beispiel für einen durch und durch aufgearbeiteten Fall Schweizer Kriminalgeschichte. – Die Fortsetzung dann bei Dürrenmatt. Breit angelegt. Erschütternd.

     

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