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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 28. Juni 2017 | 10:54

    Wolfgang Herrndorf: Tschick

    14.02.2011

    Tschick, Trick und Track

    Ein geklauter, schrottreifer Lada, zwei halbwüchsige Achtklässler und ein glutheißer Sommer – mit diesen Ingredienzien mixt Wolfgang Herrndorf in Tschick großes Kopfkino zusammen. Von INGEBORG JAISER

     

    Stell Dir vor es sind Sommerferien – und nichts ist los. Der 14jährige Maik Klingenberg aus Berlin-Marzahn, wahlweise als »Psycho« oder Langweiler verschrien, weint sich in den Schlaf. Offensichtlich alle Klassenkameraden haben eine Einladung zu der endgeilen Geburtstagsfete von Tatjana Cosic erhalten, nur er nicht. Nicht der geringste Trost ist in Sicht: Maiks Mutter verabschiedet sich für ein paar Wochen in eine als Beautyfarm getarnte Entziehungsklinik, Sein Vater, ein insolventer Immobilienmakler, faselt etwas von Dienstreise und macht sich mit der blutjungen Assistentin Mona aus dem Staub.

     

    Geklauter Lada

    Da kreuzt Tschick auf, der russlanddeutsche Assi, der eigentlich Andrej Tschichatschow heißt und kurz nach Ostern in die Klasse kam. Er haust mit seinem älteren Bruder irgendwo in der Plattenbausiedlung, trägt jenseits bescheuerte Klamotten (»unförmige Schuhe, die aussahen wie tote Ratten«) und eine Plastiktüte als Schulmappe. Obwohl er bereits morgens von einer diffusen Alkoholfahne umgeben ist, scheinen ihm die schulischen Leistungen locker von der Hand zu gehen. Seinen zielstrebigen Aufstieg von der Förderschule bis zum Gymnasium quittiert er mit leichtem Schulterzucken. Ein Sympathieträger ist er trotzdem nicht; die verruchte Ahnung von Russenmafia sorgt eher für argwöhnischen Sicherheitsabstand.

     

    Ausgerechnet Tschick fährt am ersten Ferientag mit einem geklauten hellblauen Lada vor. »Ist nur geliehen«, meint er mit breitestem Russengrinsen. Was wäre naheliegender als eine kleine Spritztour – vielleicht zu Tatjanas Geburtstagsfete? Auch Tschick ist nicht eingeladen, doch das juckt ihn nicht, die kurze Stippvisite schließt er mit einem filmreifen Kickstart ab – fast schmiert der altersschwache Lada ab, doch die konsternierte Geburtstagsgesellschaft ist sichtlich beeindruckt!

     

    Auf dem Weg in die Walachei

    Was folgt, kann kaum nacherzählt werden, ohne in die Abgründe literarischer Vorgänger abzudriften, von Huckleberry Finn bis Holden Caulfield. Doch das würde diesem amüsanten, spritzigen, tragikomischen Roadmovie niemals gerecht. Da machen sich ein minderjähriger, wohlstandsverwöhnter Langweiler und ein zwielichtiger Russlanddeutscher mit sechs Tiefkühlpizzen, einem Stapel Mangas und einem Werkzeugkoffer auf den Weg in die Walachei; nein, nicht dem Synonym für Jottwedeh oder Dingeskirchen, sondern in die reale Walachei, wo Tschicks Großvater lebt. Dass sie dort niemals ankommen, versteht sich von selbst. Doch die Fahrt ist das Ziel.

     

    Schon bald strandet das ungleiche Paar in der ostdeutschen Provinz, wo sich eine aberwitzige Episode an die andere reiht. Von erster Liebe ist die Rede, von spontaner Freundschaft und menschlicher Wärme – genauso wie von Einsamkeit, Frust und unerwiderten Gefühlen. Dass Tschick am Ende seine latente Homosexualität gesteht, erstaunt kaum mehr. So folgt den emotionalen Abstürzen schließlich ein ganz realer: übermütig rauschen die beiden Ausreißer in einen havarierten Laster hinein. Das war`s dann.

     

    Große Reise, großes Wasser

    Zugleich leichtfüßig und tiefgreifend, schnoddrig und geistreich kommt dieser herrliche Abenteuerroman daher, dessen beschwingtes Flair umso erstaunlicher erscheint, wenn man um die schwere Erkrankung des Autors weiß. »Zu meiner Überraschung hatten alle Lieblingsbücher drei Gemeinsamkeiten: Rasche Eliminierung der elterlichen Bezugspersonen, große Reise, großes Wasser,« bloggt Herrndorf kurz nach einer vernichtenden Diagnose. »Ich überlegte, wie man diese drei Dinge heute in einem halbwegs realistischen Jugendroman unterbringen könnte (….) in wenigen Minuten hatte ich den Plot in meinem Kopf zusammen, und allein, um nicht alles wieder zu vergessen, hackte ich in den folgenden zwei, drei Tagen 150 Seiten als Gedankenstütze runter.«

     

    Manisch schreiben, um zu überleben. Mir fehlen angemessene Worte für die Hochachtung und den Respekt vor dieser treibenden Kraft. Oder wie Maik gesagt hätte: Das zieht mir glatt den Stecker!

     

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