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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 21. August 2017 | 17:48

     

    Håkan Nesser: Und Piccadilly Circus liegt nicht in Kumla.

    14.03.2004


    Bob Dylan lebt nicht mehr hier

    Von Hakan Nesser kennt man meist seine Krimis um die grübelig-grummeligen Kommissare Van Veeteren und Münster, die in einem sagenumwobenen Nesser-Land spielen, das einen mal an Holland, mal an Schweden erinnert. Doch Nesser ist auch ein begnadeter Romancier. Auch wenn sein neuer Roman es einem am Anfang nicht gerade leicht macht.

     

    Man überspringe das Intro. Man überblättere die ersten Seiten. Und auch dann stutzt man an der einen oder anderen Stelle. Was für seltsam altbackene Metaphern benutzt der sonst so stilsichere Autor? Warum kommt er zunächst so gestelzt und zuweilen so unbeholfen daher? Fast schon beginnt man sich enttäuscht zu fühlen von diesem zweiten Buch des Hakan Nesser, das als Roman angelegt auf einen unnatürlichen Todesfall nicht verzichtet, um die Handlung in Schwung zu bringen; wenn die Suche nach dem Täter auch recht bald in den Hintergrund rücken kann. Denn wie schon in Kim Nowak badete niemals im See von Genezareth nutzt Nesser die ihm bestens vertraute Dynamik von Tat, Täter und nicht zuletzt Opfer, um einen Stück für Stück in die Handlung zu ziehen, und es braucht dann noch ein paar Seiten und alles gerät in Fluss und man verzeiht dem Dichter seinen holprigen Anfang - froh auch darüber, dass man genug Vertrauen in ihn und seinen neuen Stoff gesetzt hat.

    Dynamik von Tat, Täter und Opfer

    Erzählt wird aus dem Leben des Oberschülers Mauritz Malnberg - und dazu geht es zurück ins Jahr 1967. In eine Zeit also, als die westliche Welt ein wenig aus den Fugen geriet, ohne allerdings aus den Schienen zu springen. Und so sitzt unser Ich-Erzähler da, zählt Tag für Tag seine Plattensammlung, jongliert mit Dylan-Zitaten, ergänzt seinen Wortschatz um Anglizismen, hört nachts unter der Bettdecke Radio Luxemburg (der Sender verrutscht auch hier beständig), jobbt in den Ferien im Moor, damit mehr Platten hinzukommen und starrt den Mädchen nach. Besonders Signhild Kekkonen-Bolego starrt er nach, dabei müsste er gerade ihr nicht nachstarren, kennen sich die beiden doch seit langem, ihre Familien sind Nachbarn. Bald nähern sich die beiden an, was immer ein wenig schwierig ist, wenn man seit Kindestagen miteinander vertraut ist und nun nicht weiß, wie man die Basis kindlicher Vertrautheit beseitigen kann, damit man so ganz von vorne anfangen könnte, wie es all die anderen tun. So muss anderes passieren: Und Signhild kommt eines Tages nach Hause, um ihren Vater tot im Bett aufzufinden. Jemand hat ihn erschlagen. Und hat ihm anschließend den Kopf abgesäbelt, der nun auf dem Nachttisch liegt, mit einem Zettel im gewaltsam geöffneten Mund. Kein schöner Anblick, gewiss.

    Schrecken und Liebe

    Wo so Schreckliches passiert ist und weit Schrecklicheres vermutet werden muss, kann Besseres passieren. Und eine Liebesgeschichte entspinnt sich, von der man ahnt, dass sie nicht gut ausgehen wird, obwohl dafür nicht die geringsten Gründe vorzuliegen scheinen. Im Gegenteil: Da lieben sich zwei, lernen auch, wie das geht - und bleiben doch nicht zusammen.

    Es liegt dabei eine milde Melancholie über den Erlebnissen des Mauritz Malnberg; eine sanfte Verzweiflung auch, die überhaupt das Merkmal der Menschen im Städtchen Kumla zu sein scheint. Niemand dreht wirklich durch. Niemand läuft endgültig aus dem Ruder. Niemand auch krempelt sich die Ärmel hoch und beginnt zu agieren und damit zu entscheiden, zu Recht oder zu Unrecht und damit entsprechend klug oder brutal. Alle sind sie vielmehr von einer seltsamen Langsamkeit befallen, die macht, dass weniger gehandelt, als mehr nachgespürt wird. Wie geht es einem heute? Wie sind die Blicke des anderen zu deuten und wie hat man wohl selbst geguckt? Was auch ist das für ein Regen, der da aufs Dach trommelt, während man wach liegt und - jedem jungen Menschen ist das zu wünschen - nicht schlafen kann, gibt es doch in jenen Tagen Wichtigeres auf der Welt, als sich abzukapseln.

    Und jene Stimmung aktualisiert sich wieder, als man selbst - und hier dürften Leserinnen ob ihrer in der Regel anders verlaufenden Pubertät möglicherweise ein Stück außen vor bleiben - nicht recht wusste, wohin mit sich; mit sich und seinen Gedanken und nicht minder mit sich und seinem Körper. Als der Sommer nicht einfach nur heiß oder auch nur warm war, sondern als man das Gefühl nicht los wurde, dass genau dieser eine Sommer alles entscheiden wird - nur was und warum? Als einem die bisher so vertraute Welt fremd wurde und man nicht mehr wusste, was auf einen zukommen wird, und als nicht zuletzt die bisher für einen so wohlgeordneten Erwachsenen sich in Zombies verwandelten; wobei es einen doppelt verstörte, dass sie dabei so hilflos wurden und man ahnte, dass es einem selbst eines Tages nicht anders ergehen wird.

    Frank Keil-Behrens


    Håkan Nesser: Und Piccadilly Circus liegt nicht in Kumla. Aus dem Schwedischen von Christel Hildebrandt. BTB, München, 334 Seiten, 21,90 ¤. ISBN 3-442-75094-6

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