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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 17. August 2017 | 21:10

    Gedanken zur Tradition des Silvesterlaufs - Frank Lauenroth: Boston Run

    31.12.2010

    Gans war gestern - ab heute wird wieder gerannt!

    Kälte und Eis versprechen Extremsportbedingungen für die Silvesterläufe in diesem Jahr in Deutschland. Extremsport mit einer Portion Thrill verspricht auch Frank Lauenroth in seinem Roman Boston Run. Von HUBERT HOLZMANN

     

    Die Begeisterung fürs Laufen, Rennen, Joggen, Walken – spätestens hier outet sich der Verfasser wohl als verständnisloser „Ich sollte dann auch mal rennen“-Kandidat – ist alt und seit der berühmten Schlacht 490 v. Chr. mythosbehaftet. Die Begeisterung im Jahr 2010 für Events, für persönliche Rekorde, die tagtägliche „beinharte“ Schinderei und die „kleine Nachhilfe“, gerade im Amateurbereich, mit Eiweiß-Präparaten, Aufbauspritzen und Medikamenten ein Zeichen für spätrömische Zivilisation und Dekadenz.

     

    Das „archimedische“ Mittelchen, die Wundersubstanz für Sportler ist Dreh- und Angelpunkt im Sport-Thriller Boston Run. Der Durchschnittsläufer Brian Harding, im Brotberuf Jurist, läuft erst zum zweiten Mal in seinem Leben einen Marathon. Gerade mal so hat er sich für den Lauf in Boston qualifiziert, trotzdem will er diesmal als Erster die Ziellinie überschreiten. Seine Siegesgewissheit ruht auf seinem Partner Chris Johnson, einem ehemaligen Mitarbeiter der National Security Agency, der in der Forschungsabteilung des Geheimdienstes mit zahlreichen, für Agenten nützlichen Erfindungen experimentiert hat – Chris Johnson also das amerikanische Pendant zum noblen britischen Erfinder und Bond-Ausrüster „Q“.

     

    Ein Spiel mit der Zeit

    Chris Johnson hat aus persönlicher Enttäuschung und Wut mit der NSA gebrochen und will jetzt auf eigene Faust, mit Brian als Versuchs- und Demonstrations-„Karnickel“, seine Wunderdroge vermarkten. Dabei werden er und sein Partner Brian sehr bald zu Gejagten. Es beginnt ein Spiel mit der Zeit. Die Substanz ist so dosiert, dass sie Brian exakt für die 42 Kilometer oder die 2 Stunden und 7/8 Minuten beflügelt und zur Höchstleitung anspornt. Beim Rennen wird sie abgebaut und ist am Ziel bei einer Dopingkontrolle nicht mehr nachweisbar. Das perfekte Doping! Der Haken: Brians logisches Denkvermögen wird durch das Mittel ausgeschaltet. Er braucht also einen Betreuer, seinen Kumpel Chris Johnson. Hierzu bezieht dieser – vergleichbar mit Dennis Hopper in „Speed“ (1994) – Quartier in einem verlassenen Collegekeller und überwacht per Funk seinen Läufer. Doch die NSA ist ihm und auch dem Läufer dicht auf den Fersen.

     

    Was jetzt beginnt, ist Grauzone der Realität, Agentenwirklichkeit: Es geht nicht nur um Brians Siegesprämie von 150000 Dollar und um eine mögliche Summe von weiteren 300000 Dollar, die Chris aus dem Verkauf der Substanz an den Geheimdienst erzielen möchte. Alles Peanuts! 84 Millionen Dollar sind im Spiel! Außerdem in der Klamottenkiste des Geheimdienst-Genres: viel Spezialsprengstoff, Verfolgungsjagden per Motorrad und Helikopter, und natürlich vorgetäuschte Ambulanzfahrzeuge und ein U-Bahn-Schacht. Woher wir das kennen? Vielleicht wieder aus „Speed“ mit Mr. Dennis Hopper. Und die Zeit läuft (ab). Jedoch nicht nur für den Läufer und den Ex-Geheimdienstler. Auch für Einsatzleiterin Rachel Parker.

     

    Ach ja! Wo bleiben eigentlich die Frauen? Auf dem Flur war das Klacken von Absätzen zu hören…Wie immer trug sie auch heute einen ihrer zahlreichen anthrazitfarbenen Hosenanzüge… Der Anzug, den sie heute trug, hatte etwas, das ihre Kollegen gemeinschaftlich an eine Politesse denken ließ. Unterstützt wurde dieses Erscheinungsbild durch ihre Frisur… Die Augen waren dunkel geschminkt, die Lippen wirkten schmal. Ihr dunkelroter Lippenstift verstärkte diesen Eindruck noch. Dennoch, oder gerade deswegen, erschien ihr Gesicht makellos. – Das muss Marathon-Erotik sein!

     

    Für Lauenroth jedenfalls sind Frauen perfekt, erfolgreich im Business, selbstbewusst, zielorientiert. Tränen dürfen auch mal sein. Aber insgesamt ist die Frau doch eher unkompliziert. Natürlich besitzt sie eine magische Weiblichkeit, mit vollem, lockigen Haar und einem ansteckenden Lächeln. Halt! Eigentlich, dachten wir beim Lesen, stören Frauen beim Laufen. „Vergiss sie! Denk nicht einmal an sie!“, hatte Chris gesagt. Das, was sie hier vorhatten, war – Originalton Christopher Johnson – ein Männerjob! Die Bostoner College-Mädels sind aber wieder herbeigesehnt. Gut genug als jubelnde und kreischende Zuschauerinnen. Hier haben sie eine Funktion.

     

    Zeitmessung, Berechnung, Verstrickung?

    So genau alles auf den Zieleinlauf fokussiert ist, so eng dimensioniert erscheint das Drumherum um den Marathonlauf. Zuerst der Kniff mit der Radioreportage von „Channel-Five“, womit der Autor das Buch startet: Typisch amerikanisches Flair wird verstreut, der Hörer begrüßt, das Thema eingeführt. Sodann kommen Dixie-Klohäuschen auf die Bildfläche. Das wirkt leicht befremdend, obgleich natürlich ein wichtiges realitätsnahes Detail für den Plan der beiden – im übrigen sollten seit Werner Schwab wenn schon dann wenigstens „Präsidentinnen“ für die Besetzung von Klohäuschen obligatorisch sein! Und immer wieder: Szenen- und Ortswechsel, Rückblenden, Einschübe, Erklärungen, Motivationen – handwerklich braver „Filmschnitt“. Nicht zu vergessen: die kurze Vorbemerkung, selbstredend nicht im Sinne Jean Pauls, sondern als Orientierungshilfe für den sportlichen Leser und zur Definition der Maßeinheiten (Meilen, Kilometer). (Das Schlusswort will ich lieber vernachlässigen: den üblichen Dank, die Korrektur einer stringenten Handlung sowie der Marathonbezug zum Verfasser des Buches).

     

    Aussagekräftiger die Vater-Sohn-Beziehung des Läufers. Sie ist sogar ödipal zementiert! Unerklärlich dabei für Helden und Autor, was den Sohn an seinem Vater stört, der ihm die Gebühren für das Studium vorgestreckt hat. Aber: Um wie viel freier würde sich Brian heute Nachmittag fühlen, wenn er das Geld aus der Siegprämie besitzen würde, sich von dieser Schuld freikaufen zu können! Unglaublich: Wahrscheinlich ist es sein Frust, als Junioranwalt in einer eher bescheiden erfolgreichen Kanzlei für geringes Salär zu arbeiten. Dingend sollte Brian also einen nicht zu geringen Teil nach amerikanischem Muster in Sitzungen mit einem Therapeuten investieren!

     

    Und was bleibt uns? Vor so viel Erotophobie müssen auch wir laufen, davonlaufen, vielleicht in „heißere“ Gefielde, vielleicht auf den Berg Sinai. Dort findet heute an Silvester der 7. St. Catherines Friedens-Marathon direkt neben dem Berg Moses statt, ganz ohne Buch – frei nach dem Motto: Du sollst nicht begehren des anderen Zunft.

     

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